Wie wehrt man sich gegen Hass-Parolen?

Neudietendorf. Sachlich oder satirisch? Forscher und Pädagogen debattierten, warum Bürger gegen Hassreden im Internet angehen sollten.

Wie man auf Hass-Parolen reagieren sollte, diskutierten Experten in Neudietendorf. Ein Mittel neben Sach-Argumenten: Satire. Foto: Candy Welz/dpa

Wie man auf Hass-Parolen reagieren sollte, diskutierten Experten in Neudietendorf. Ein Mittel neben Sach-Argumenten: Satire. Foto: Candy Welz/dpa

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Die Nachricht von den blutigen Attacken in Paris war kaum vermeldet, da quoll aus den sozialen Netzwerken schon die Hetze gegen Flüchtlinge. Schlichte Antworten und rechtspopulistische Parolen zu einem Zeitpunkt, da noch nicht einmal feststand, dass es sich um Terroranschläge handelte.

Auf Twitter raunte einer, der sich als AfD Brandenburg ausgibt: „Jetzt kommt der Krieg nach Europa, weil Altparteien uns nicht schützen.“ Und der frühere Spiegel-Autor Matthias Matussek stellte – garniert mit grinsendem Smiley – in einem Facebook-Post alle islamischen Flüchtlinge unter Generalverdacht: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregis-trierter junger islamischer Männer im Lande in eine neue frische Richtung bewegen. :-)“

Verbale Hetze erzeugt ein Klima der Gewalt

Kann man das so stehenlassen oder muss man widersprechen?

Dieser Frage gingen Padägogen, Medienwissenschaftler und Angehörige von Feuerwehr und Polizei auf einer Tagung der Evangelischen Akademie ab Freitag in Neudietendorf nach. Thema: die seit der Flüchtlingskrise steigende Zahl rassistischer und demokratiefeindlicher Hasskommentare im Netz.

Eine Antwort: Den Populismus des vermeintlichen AfD-Posts ignorieren („zu platt, nicht noch für Aufmerksamkeit sorgen“), den des Meinungsführers Matussek diskreditieren. Das ergab eine Debatte mit Johannes Baldauf, der bei der Amadeu-Antonio-Stiftung für „no-nazi.net“ Strategien erarbeitet, wie man gegen Antisemitismus und Verschwörungstheorien im Netz angehen kann. Denn auch wenn nicht klar ist, wie oft Hassreden in Taten umschlägt: „Sie erzeugen ein Klima der Gewalt.“

Dass Gegenreden nicht nur Zeit und die Bereitschaft kosten, sich Argumente gegen Halbwissen aus mindestens zwei seriösen Quellen anzulesen, sondern auch Zivilcourage, schilderte etwa eine Studentin: Ihr Professor erhielt Morddrohungen, weil er sich gegen Pegida gestellt hatte. Was unwidersprochen bleibt aber, so die Experten, suggeriere schweigenden Mitlesern, die Diffamierungen repräsentierten eine Mehrheitsmeinung. Tatsächlich verbreiteten nur 15 Prozent der Deutschen Hasskommentare im Netz, sagte die Erfurter Medienwissenschaftlerin Isabell Ziegler mit Bezug auf eine Studie des ZDF. Dass darunter grobe Diskriminierungen sind, die sich „draußen“ kaum einer trauen würde, laut zu äußern, führt sie auf den Gründungsmythos des Internets zurück: „Es gilt als Raum der unbegrenzten Möglichkeiten, wo keiner einem etwas verbieten kann. Werte gelten hier weniger.“

„Wenn die Selbstkontrolle versagt, braucht es Kontrolle von außen.“ Die aber sei im Netz ausgehebelt. Facebook ahndet nackte Brüste strenger als rassistische Hetze, strafrechtlich belangen lässt sie sich schwer. Vereinzelt maßregeln Arbeitgeber Verstöße ihrer Mitarbeiter.

Umso wichtiger, mit politischer Bildung dagegenzuhalten, so Johannes Baldauf. Dabei gilt zuerst: „Schütze dich selbst!“ Man solle möglichst wenige Informationen über sich im Netz preisgeben, rät er. Und dann: niemals emotional argumentieren, sondern sachlich fundiert. Ein anderes Mittel, populistische Parolen zu diskreditieren: Satire. Dazu riet Eggs Gildo von der „Partei“ Thüringen. Die Satire-Partei nimmt den Schlachtruf „Volksverräter“, wie er auf den Thüringer AfD-Demos zu hören ist, aufs Korn: und übersetzt ihn lautmalerisch in „Volksfahrräder“. Oder sie entlarvt das Propaganda-Pathos der Rhetorik von AfD-Chef Björn Höcke.

„Höcke klaut“, informiert ein Video, in dem der Satiriker Oliver Maria Schmitt Höckes Domplatz-Anrede „Erfurter, Thüringer, Deutsche“ anschwellend parodiert – und zwar 2013.

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