Wiedergutmachung für den großen Unbekannten aus Bleicherode

Bleicherode  Die Bleicheröder Stadtbibliothek plant Ausstellung über den in der Kalistadt aufgewachsenen Künstler Jochen Berg.

Günter Leukefeld, Leiter der Stadtbibliothek, hatte vor einigen Monaten die Idee für die Ausstellung. Renate Jahn, Werbegestalterin mit künstlerischer Ader, unterstützt ihn bei der Gestaltung gern.

Günter Leukefeld, Leiter der Stadtbibliothek, hatte vor einigen Monaten die Idee für die Ausstellung. Renate Jahn, Werbegestalterin mit künstlerischer Ader, unterstützt ihn bei der Gestaltung gern.

Foto: Kristin Müller

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Dem Erstaunen folgte das Entsetzen. Da wuchs in seiner Heimatstadt Bleicherode mit Jochen Berg jemand auf, dessen Theaterstücke in Berlin, Stuttgart, München und selbst New York aufgeführt wurden, der auch als Dichter und Zeichner großes Talent zeigte. Günter Leukefeld war überrascht, als er davon vor einem Jahr in der Zeitung las.

„In unserem Heimatmuseum dagegen findet sich kein einziger Hinweis auf Jochen Berg, in unserer Stadtbibliothek steht kein einziges Buch von ihm“, sagt Leukefeld, der seit geraumer Zeit in eben dieser Bibliothek arbeitet. Diese Fakten sind es, die ihn antreiben: Eine Ausstellung über den „großen Unbekannten“ plant er in der Alten Kanzlei. Als „Versuch einer Wiedergutmachung“. Zu sehen sein soll die Schau vom 25. Mai bis zum 25. Juni, dem 10. Todestag von Jochen Berg.

Weitere Fotos und Dokumente gesucht

Leukefeld sucht Sponsoren – der Heimat- und Fremdenverkehrsverband und die Stadt können nur 250 Euro geben. Auch hofft er auf Bleicheröder, die Jochen Berg aus Kinder- und Jugendtagen in den 1950er- und 1960er-Jahren kennen. So wie Peter Schmelz, der mehrere Klassenfotos beisteuert. Renate Jahn (73) erzählt, wie Jochen Berg schräg gegenüber von ihr wohnte. Löwentorstraße 28 war die Adresse. Berg lebte mit seinen Eltern in einem inzwischen abgerissenen Flachbau im Hinterhof der Villa.

Er besuchte die POS „Friedrich Schiller“, war hier in der Laienspielgruppe dabei. Auch im Zeichenzirkel des Kulturhauses wirkte er, erste Gedichte und Prosa schrieb Berg in Bleicherode Mitte der 60er-Jahre. Damals lernte er im Kaliwerk Mechaniker für Betriebs-, Steuer-, Mess- und Regeltechnik, auf Wunsch der Eltern. „Da hätte ich ihn sehen müssen“, denkt Günter Leukefeld an jene Jahre ab 1964 zurück, in denen er selbst Abitur mit Berufsausbildung machte, deshalb regelmäßig auch im Kaliwerk war.

Die Wege trennten sich: Berg brach die Lehre ab, wie er 1971 auch nach zwei Jahren die Berliner Schauspielschule vorzeitig verließ, wohl auch aus politischen Gründen. Er mochte sich ganz dem Schreiben zuwenden. 1974 bekam er eine Festanstellung als Hausautor am Deutschen Theater, finanziert vom Kulturministerium. Bis 1991 hatte er diese inne. Allein, er konnte den Applaus des Publikums hier nie ernten. Denn mit Ausnahme seiner Kurzopern „Die Engel“ wurde kein einziges seiner etwa 20 Theaterstücke aufgeführt.

Der Staat misstraute diesem Geist, der fehlende Reise- und Pressefreiheit kritisierte, der nichts mit den Lobgesängen auf die Partei anfangen konnte. In seiner Berliner Wohnung trafen sich Oppositionelle konspirativ.

„‘Dave‘, ein Stück über die Situation junger Leute in der Provinz, wurde einen Tag vor der Premiere abgesetzt. Für seine ‚Iphigeneia‘ wurde schon geprobt, letztlich auch umsonst“, erzählt Manfred Machlitt. Aus Bergs Stasi-Akten sei hervorgegangen, dass eine Mitarbeiterin im Kulturministerium maßgebliche Verantwortung für das „Ruhigstellen“ des kritischen Geistes trug. Dass die Stasi ihn zwar ständig überwachte, letztlich aber zumindest in Ruhe ließ, sei indes nur dem gemeinsamen Schwiegervater zu verdanken: „Der war Vize-Abteilungsleiter im ZK der SED.“

Machlitt, ein Musikwissenschaftler mit Nordhäuser Wurzeln, hatte Jochen Berg 1979 in Berlin kennengelernt. „Unsere Kinder sind Cousin und Cousine mit denselben Großeltern“, weist er auf verwandtschaftliche Beziehungen. Mit Jochen Berg verbindet ihn eine Freundschaft bis in dessen letzte Tage im Jahr 2009. Einsam starb er in Berlin nach Jahren in einer tiefen Krise. Weil das Geld fehlte, hatte das Deutsche Theater seinen Hausautoren 1991 entlassen. Nach einer missglückten Inszenierung eines Wendestücks von Berg durch Frank Castorf zeigten auch die westdeutschen Theater kein Interesse mehr an jenem Künstler, dessen Stücke sie noch in den 80ern uraufgeführt hatten.

Leukefeld weist auf Frank Töppe: Ebenfalls in Bleicherode aufgewachsen, verband den Schriftsteller und Grafiker mit Jochen Berg zeit Lebens eine Freundschaft. Nach seiner Ausreise in die BRD 1983 hatte Frank Töppe einen Verlag gegründet, das erste in diesem veröffentlichte Buch war ein Werk von Jochen Berg: „Tetralogie“.

Aus Bergs Nachlass hat Machlitt Manuskripte, Fotos, Bücher, Zeitschriften und Theaterplakate gerettet. Nun, da er in den Südharz zurückkehrte, ist er gern derjenige, der sich in die Konzeption einer Ausstellung über seinen Freund hineinkniet.

Wer ebenfalls historische Dokumente beisteuern kann, insbesondere aus der Kindheit und Jugend von Jochen Berg in Bleicherode zwischen 1948 und 1969, sollte sich bei Günter Leukefeld telefonisch melden unter (036338 ) 30 129 oder via E-Mail: Stadtbiblio-thekBleicherode@t-online.de .

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