Wo die Verhältnisse tanzen: Rudolstadt-Festival als Utopie im politischen Klimawandel

Rudolstadt  Musiker aus aller Welt und aller möglichen Genres gehen zurück zu ihren Wurzeln und brechen zugleich auf zu neuen Ufern.

Desmadre Orkesta im Heinepark.

Desmadre Orkesta im Heinepark.

Foto: Sascha Fromm

Kubanische Klangbilder aus Minsk bringt Rudi Zapf aus Oberbayern mit nach Rudolstadt; von weißrussischen Hackbrettspielerinnen lernte er „Pictures of Cuba“ kennen. Außerdem spielt er mit seinem Ensemble „Zapf’nstreich“ auf der Heidecksburg das andalusische Stück „Malaguena“ oder auch „Levanta Poeira“ aus Brasilien. Derart bedankt sich Zapf für den Hauptpreis, den ihm die Jury des Folk- und Weltmusikpreises „Ruth“ zuerkannte: für seine Weltreisen auf dem Hackbrett, das ja ohnehin „eines der verbreitetesten Instrumente der Welt“ ist, so sein Laudator.

So könnte allein dieses einstündige Preisträgerkonzert gleichsam als ein Rudolstadt-Festival in Nuce gelten. Nur, dass Zapf eben keine persischen Weisen intoniert. Solche holt zuvor Baran Mozafari mit dem Hamnava Ensemble aus dem südlichen Iran auf die Burgterrasse sowie aus jahrtausendealter Tradition ins Hier und Jetzt. Das wird, unter sengender Nachmittagssonne, so enthusiastisch gefeiert wie Rudi Zapf danach und die allermeisten Konzerte von mehr als 130 Bands und Solisten aus 55 Ländern, die rund 30 Bühnen bespielen. Baran Mozafaris Auftritt ist ein Politikum, wie auch der von Mahdieh Mohammad-Khani nachts zuvor. Weiblicher Sologesang ist verboten im Iran, dem diesmal der Länderschwerpunkt des Festivals gilt, mit acht gefeierten Ensembles sowie einer Konferenz zur persischen Musik. Mahdieh Mohammad-Khanis Stimme schwebt klagend und hoffend über der Musik des in Köln lebenden Tar-Spielers und Komponisten Hamid Motebassem aus Marshad. Mit iranischen Musikern sowie den Thüringer Symphonikern unter Oliver Weder führt er im Schlosshof sein sechsteiliges Werk „Pardis“ auf, das Orient und Okzident verbindet, ohne Unterschiede unkenntlich zu machen.

Wo die Verhältnisse tanzen: Rudolstadt-Festival als Utopie im politischen Klimawandel

Rudolstadt – das steht vier Tage im Juli nicht allein für das entspannteste, heiterste und sowohl auf als auch vor den Bühnen bunteste Musikfestival, das sich denken lässt. Das steht für gelebte Weltanschauung, bei der man sich hier, in dieser thüringischen Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern, deren Zahl sich mal eben verdoppelt, die Welt mit offenen Augen (und Ohren) anschaut. Hier kommt man sich in weiter Ferne nah und blickt in großer Nähe gemeinsam ins Weite.

„Rudolstadt“ bedeutet Heimweh und Fernweh zugleich: zurück zu den Wurzeln und auf zu neuen Ufern. Dafür steht zum Beispiel Erik Manouz aus Leipzig, laut Selbstbeschreibung „weltmusikalischer Troubadour“. Mit international besetzter Band tritt er in der Marktstraße auf, als einer von ungezählten Straßenmusikern, die das Festival, neben 70 im Programm offiziell ausgewiesenen, bereichern. Manouz beglaubigt auf seine Weise, was der blinde Ausnahmemusiker Otto Lechner aus Wien, „der Ray Charles des Akkordeons“, auf der Heidecksburg trocken fallen lässt, bevor seine „Rauhnacht“ erklingt: „Zuviel Heimat ist auch nicht gut!“ Und zu wenig, ließe sich ergänzen, eben auch nicht.