Zukunft des Klosters Mildenfurth ist wieder völlig ungewiss

Wünschendorf  Wer nach Wünschendorf kommt, wird augenblicklich von einer Aura der kreatürlichen Muße umfangen. Der magische Ort hat allerdings 14 Millionen Euro Sanierungsbedarf.

Kloster Mildenfurth mit Plastiken von Volkmar Kühn. Archivfoto: Peter Michaelis

Kloster Mildenfurth mit Plastiken von Volkmar Kühn. Archivfoto: Peter Michaelis

Foto: Peter Michaelis

Ein paar Kilometer südlich von Gera, wo Weida und Weiße Elster einander begegnen, liegt, wie aus der Zeit gefallen, der kleine Ort Wünschendorf. Einst, in einer fernen Epoche, ließen Prämonstratenser sich nieder auf diesem idyllischen Fleck Erde. Ihr Stift Mildenfurth wurde nach der Reformation säkularisiert, und heute künden die Reste des alsbald zum Renaissance-Schloss gewandelten romanischen Kirchleins von 800 Jahren Geschichte. Darüber wacht wie ein kunstliebender Klosterbruder seit einem halben Jahrhundert der Bildhauer Volkmar Kühn. Doch nun ist Unruhe eingezogen ins Paradies.

Geldsegen geht an Mildenfurth vorbei

Im Angesicht einer solchen Vergangenheit sorgt sich Kühn um die Zukunft. Aufgestört hat ihn die Nachricht, dass der Bundestag 100 Millionen Euro für Thüringer historische Liegenschaften bereitstelle und dass eine neue, mitteldeutsche Schlösserstiftung zu gründen sei. Also hofft er, dass die seit langem stockende Sanierung in großen Schritten vorangeht, ja mehr noch: dass eine dauerhafte Lösung für seinen Skulpturenpark auf dem Klostergelände zu finden sei. Was der Künstler nicht weiß: So wie Minister Benjamin Hoff (Linke) die Maßnahme plant, geht der Geldsegen an Mildenfurth vorbei.

Gäste empfängt Kühn gern in seiner Laube. Einen Steinwurf von der Klosterkirche entfernt hat er „in der Modrow-Zeit“ ehemalige Wirtschaftsgebäude der Anlage erworben und gemeinsam mit seiner Frau, der Grafikerin Marita Kühn-Leihbecher, zum Atelier- und Wohnhaus umgebaut. Nebenbei kümmert er sich seit je um das Kirchlein und gehört – nunmehr im 52. Jahr – als eine Art Faktotum und Hausbesetzer schon selber zu dessen Geschichte.

Ärger mit der Thüringer Schlösserstiftung

„Es müssten mal alle Beteiligten an einem Tisch darüber reden“, sagt er und schenkt Wasser ein unterm kühlen Blätterdach einer Pfeifenwinde. Dann grantelt und knurrt er über kleinen Ärger mit der Thüringer Schlösserstiftung, zu deren Portfolio aus 31 Liegenschaften Mildenfurth aktuell zählt. Da seien sieben Bäume gefällt worden, die ihm am Herz lagen, weil sie laut Expertenbefund die Sichtachsen behinderten. Und seine Skulpturen? Er zeigt einen Lageplan, der penibel die Standorte von 16 großformatigen Figuren verzeichnet.

„Die Würde der Architektur müsse gewahrt bleiben, heißt es“, wundert er sich. „Stören die Bronzen denn auch? Die Besucher nehmen das Gebäude dadurch ganz anders wahr.“ Kühn fühlt sich wie das kafkaeske Opfer einer anonymen Bürokratie. Gewiss reagiert er überempfindlich, doch scheint er im Einklang der Seele gestört. Dann erzählt er, wie er 1968 Mildenfurth für sich entdeckt und sich zuerst im Mittelschiff der Klosterkirche eingenistet habe. Eine kärgliche Existenz, die er anfangs nur mit einer Schleiereule teilte. Der Bürgermeister gab sein Plazet dazu. Kühn war geduldet.

Nach und nach schuf der Bildhauer überlebensgroße Bronzefiguren und siedelte sie an auf dem Gelände. Wie stumme Klosterbrüder und -schwestern mahnen diese Figuren jeden Besucher zur inneren Einkehr. Diese seltsame Population macht aus einem nachrangigen Denkmal mit seltsamer Baugeschichte einen magischen Ort. Kunst, Natur und spirituelle Symbolik gehen eine glückhafte Verbindung ein. Wer nach Wünschendorf kommt, wird augenblicklich von einer Aura der kreatürlichen Muße umfangen.

„Heupferd und Erdhummel sind auch wieder da“, freut sich Kühn an seinem naturverbundenen Dasein. Auch wegen der Mahd habe es Unmut gegeben; der Künstler hält das Gras auf dem Gelände nicht allzu kurz. Sein bronzenes Kloster-Personal sei seit vorigem Jahr vertraglich genehmigt, berichtet der Eigenbrötler; froh macht ihn das jedoch nicht. Er ersehnt eine Dauer-Lösung – über das eigene irdische Streben und Kümmern hinaus. „Die Bronzen wollte ich der Allgemeinheit schenken“, sagt er. „Wir sind ja die Jüngsten nicht mehr.“

Drei Millionen Euro bereits investiert

Kühn ist 77, seine Frau nur zwei Jahre jünger. Wie Philemon und Baucis scheinen die Beiden aus der Zeit gefallen zu sein. Doch so einfach wäre es mit einer Schenkung keineswegs. Dadurch würde zumindest am Materialwert gerechnet eine Steuer fällig, insinuiert Kühn.

Er verhandle mit dem Saalfelder Landkreis über eine formelle Aufnahme seiner zeitgenössischen Kunstwerke ins Inventar der Heidecksburg. Und dreht sich dabei im Kreise. Die neuen Verhältnisse sähen allerdings das Museum samt seiner Bestände auf der Schwarzburger Residenz künftig im Bestand der zu gründenden Mitteldeutschen Stiftung. Für Kühn wäre das der K.o.

Er erzählt, wie seine Frau und er Mildenfurth mit bescheidenen Mitteln zum Kulturort entwickelt haben. 1992 riefen sie einen „Arbeitskreis Kunst und Kultur“ ins Leben, sie veranstalten Konzerte, Lesungen und alljährlich ein Klostergartenfest. Mit Lutz Seiler und Michael Krüger war Lyriker-Prominenz zu Gast; Krüger widmete Mildenfurth gar ein Gedicht.

Von der Zukunft hat Kühn ein romantisches Bild. In Wirklichkeit aber rechnet die hiesige Schlösserstiftung als Eigentümerin Mildenfurths mit 14 Millionen Euro Sanierungsbedarf, nachdem über die Jahre drei Millionen Euro investiert worden sind. Der Kirchen-/Schlossbau bedürfe ebenso wie das Refektorium einer „statisch-konstruktiven und restauratorischen Grundsanierung“. Zuletzt habe man Brandschutzmaßnahmen durchgeführt und die „Fluchtwegsituation“ verbessert. Das Kellergewölbe, das von Kühnschen Figuren bevölkert ist, bleibt dennoch auf weiteres Besuchern verschlossen.

Immerhin lässt Doris Fischer, Direktorin der Schlösserstiftung, die Hoffnung nicht sinken. Angesichts der in Aussicht stehenden Mittel, teilt ihre Sprecherin mit, „erhoffen wir uns die Möglichkeit, auch hier zukünftig einen Schwerpunkt setzen zu können“.

Volkmar Kühn zieht ein ratloses Gesicht. Seine bronzenen Klosterbrüder machen stumme Miene dazu. Ja, vielleicht müsste Fischer mit dem Künstler einfach mal reden – in der schattigen Laube unterm Dach der Pfeifenwinde. Dank Michael Krüger hat sie offenbar schon als „Königin“ Eingang in die Literatur gefunden: „Ihre Paragraphen regeln/ die Freundlichkeit in diesem Paradies/ an der Weida“, heißt es in dem Gedicht.

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