22 Jahre nach brutalem Mord wurden die Täter nun in Erfurt zu Haftstrafen verurteilt

Erfurt  Drei der vier Angeklagten bleiben im Gefängnis. 20-jähriges Opfer wurde nach Tschechien entführt und brutal getötet

Sören K. (weiße Kapuze), Jens V. (blaue Kapuze) und Marco St. (schwarze Kapuze) wurden im Mordprozess zu langen Haftstrafen verurteilt. Foto: Holger Wetzel

Sören K. (weiße Kapuze), Jens V. (blaue Kapuze) und Marco St. (schwarze Kapuze) wurden im Mordprozess zu langen Haftstrafen verurteilt. Foto: Holger Wetzel

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Mit lebenslang für den Hauptangeklagten und langen Haftstrafen für zwei der drei Mitangeklagten ist gestern am Landgericht eines der spektakulärsten Erfurter Kriminalverfahren zu Ende gegangen. Die dritte Strafkammer des Landgerichtes verurteilte die drei Männer wegen gemeinschaftlichen Mordes an einem 20-jährigen Erfurter 1994 in Tschechien.

Der Hauptangeklagte Marco St. und der Mitangeklagte Jens V., der 13 Jahre hinter Gitter muss, wurden zudem der Freiheitsberaubung mit Todesfolge für schuldig gesprochen. Sören K., bei dem Jugendstrafrecht angewendet wurde, muss acht Jahren in Haft.

Der vierte Angeklagte war laut dem Vorsitzenden Richter Holger Pröbstel eher zufällig an der Tat beteiligt. Weil seine möglichen Straftaten verjährt sind, wurde er freigesprochen.

Die Verurteilten waren Angestellte des Opfers. Der junge Mann hatte einige Wochen vor seinem Tod einen Musik- und Bekleidungsladen in der Neuwerkstraße eröffnet. Er soll von den Tätern mit Drogen betäubt, nach Tschechien verschleppt und dort ermordet worden sein.

Zu den Tätern gehörten laut Gericht auch der Mitgeschäftsführer des Ladens, der sich wenige Wochen nach der Tat erhängte, sowie der Bruder des freigesprochenen Angeklagten. Er starb ein Jahr nach der Tat aus ungeklärten Gründen bei einem Verkehrsunfall.

Mit den Strafen folgte das Gericht in weiten Teilen den Anträgen der Staatsanwaltschaft. In Details und bei der Feststellung der Mordmerkmale wich Richter Pröbstel aber zum Teil von ihrer Darstellung ab. Im Urteil wird der Mord mit niedrigen Beweggründen begründet. Andere Mordmerkmale seien nicht zweifelsfrei nachweisbar.

Über das Mordmotiv könne mehr als 20 Jahre nach der Tat nur spekuliert werden. Vielleicht habe das Opfer die späteren Täter wegen eines Versicherungsbetruges im Laden an der Neuwerkstraße anzeigen wollen. Keinen Zweifel hatte das Gericht an den wesentlichen Punkten des Tathergangs und an der Täterschaft der Verurteilten.

Sieben fuhren nach Tschechien, sechs kamen zurück, sagte Pröbstel.

In seiner Rekonstruktion fuhren die Täter am Abend des 13. September 1994 mit dem unter Drogen stehenden Opfer und zwei Autos nach Tschechien. Bei einer Pause kam es zu einem Streit zwischen dem Opfer und dem Hauptangeklagten Marco St., der dem Opfer mit der Faust ins Gesicht schlug. Das Opfer wurde dann im Kofferraum eines der Autos eingesperrt.

Als sich während der Fahrt die Kofferraumklappe öffnete und womöglich das blutüberströmte Gesicht sichtbar wurde, fuhren beide Autos zwischen 4 und 7 Uhr nachts auf einen Waldweg, der von der Straße zwischen Karlsbad und Sokolov abzweigte. Unter anderem Marco St. habe den im Kofferraum liegenden Mann brutal verprügelt und dabei auch einen Tonfa-Schlag­stock von Jens V. verwendet. Spätestens dann, sagte Pröbstel, sei der Entschluss gefallen, das Opfer zu töten und alle Beweise zu beseitigen.

Um diesen Plan umzusetzen, warf St. zuerst einen Feldstein auf den aus dem Kofferraum gehievten Mann. Nach einem Fluchtversuch traf ihn noch ein Stein am Hinterkopf.

Sören K. hatte inzwischen an einer Tankstelle Benzin besorgt. Er reichte den Kanister weiter und wartete mit V. im Auto. Offenbar ohne das Wissen, dass der Mann noch Leben in sich trug, zündeten ihn St. und die beiden verstorbenen Täter an.

Richter erinnert an Leid der Familie

In Erfurt galt das Opfer 20 Jahre lang als vermisst. Eine Zeugin, die von dem Mitgeschäftsführer Hinweise auf die Tat erhalten und seitdem aus Angst geschwiegen hatte, ging schließlich doch zur Polizei in Berlin. Als die Erfurter Kripo den Fall übernahm, konnte sie ihn überraschend schnell lösen.

Das Verfahren sei laut Pröbstel nur möglich geworden, weil Jens V. bei der Polizei umfangreiche Aussagen machte, die Täterwissen bewiesen und mit denen er sich auch selbst belastete. Die Aussagen stimmten in wesentlichen Punkten mit den Aussagen von zwei Mitangeklagten und mit den Tatortspuren überein. Von allen Mitangeklagten wurde Marco St. als Haupttäter benannt.

St. behauptete gestern, dass er nie in Tschechien gewesen sei. Ich war nie aggressiv, sagte er.

Richter Pröbstel erinnerte an das Leid der Familie, die 20 Jahre umsonst auf die Rückkehr des Bruders und Sohnes gehofft hatte: Immerhin wissen sie jetzt, was mit ihm passiert ist und dass die Tat nicht ungesühnt bleibt.

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