Alles begann in Wangenheim

Landkreis  Auch wenn Lothar Engelhardt nur wenige Tage der Nationalen Volksarmee vorstand, so war er doch deren letzter Chef

Lothar Engelhardt als Offiziersschüler an der Panzerschule Großenhain. Ab 1988 war Lothar Engelhardt dann Generalmajor der NVA. Foto: Heiko Stasjulevics

Lothar Engelhardt als Offiziersschüler an der Panzerschule Großenhain. Ab 1988 war Lothar Engelhardt dann Generalmajor der NVA. Foto: Heiko Stasjulevics

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34 Jahre lang stand die Nationale Volksarmee (NVA) Gewehr bei Fuß, um den Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu verteidigen. Doch am dem Ende der DDR war ihre Rolle fraglich geworden; in einem geeinten Deutschland hatte der ehemalige Stützpfeiler der Sozialistischen Einheitspartei (SED) keinen Platz mehr. Der letzte Chef der Nationalen Volksarmee stammte aus dem Landkreis Gotha. Es war Lothar Engelhardt (1939 bis 2010), ein geborener Wangenheimer.

Der Name Wangenheim taucht in der deutschen Militärgeschichte mehrmals auf, immer verbunden mit dem uralten Adelsgeschlecht derer von Wangenheim. Immer wieder drängten Familienmitglieder zum Militär, erreichten führende Positionen und Ränge, nicht nur im Gothaer Land.

Als das wohl berühmteste Familienmitglied gilt Konrad Freiherr von Wangenheim, Jahrgang 1909. Er war Reiter der Deutschen Mannschaft im Vielseitigkeitsreiten bei den Olympischen Sommerspielen 1936. Nach dem Besuch der höheren Schule schlug er die Offizierslaufbahn in einem Reiterregiment ein und gehörte zu den besten Reitern der Reichswehr.

Bei der Olympiade stürzte er mit seinem Pferd "Kurfürst" und brach sich das linke Schlüsselbein. Trotz der Verletzung stieg er wieder aufs Pferd, beendete nicht nur den Ritt, sondern absolvierte den folgenden Wettkampftag bravourös, indem er die beste Zeit ritt und die Goldmedaille für die deutsche Mannschaft rettete.

Im Jahre 1944 geriet der Oberstleutnant in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo er im Februar 1953 erhängt aufgefunden wurde. Es ist unklar, ob er ermordet wurde oder Selbstmord beging.

Nun zu Lothar Engelhardt. Er wurde in Wangenheim geboren und wuchs mit zehn Geschwistern auf. Nach dem Abitur an der Kadettenschule in Naumburg trat er 1958 in die "bewaffneten Organe" der Deutschen Demokratischen Republik ein.

Die Kadettenschule der NVA in Naumburg existierte nur von 1956 bis 1960. Ziel dieser Schule sollte es sein, Jungen ab dem 12. Lebensjahr auf den Dienst als Offiziere in der NVA vorzubereiten. Regelmäßig stattfindende Lager und Praktika sollten den Kadetten Einblicke in die sozialistische Gesellschaft ermöglichen: So absolvierten sie zeitweilig wöchentlich einen Tag in der Produktion im VEB Waggonbau Gotha, in der Heimat von Lothar Engelhardt.

Viele Kadetten strebten auch nach Abschluss ein ziviles Studium an, hatten sie doch mit dem Kadetten-Abitur die besten Chancen. Im Jahre 1959 stellte man entsetzt fest, dass unter den Kadetten kaum noch Arbeiterkinder waren, obwohl diese laut Statut bevorzugt ausgewählt werden sollten.

Die Mehrzahl der Kadetten waren Generals-, Offiziers- und Funktionärs-Söhne. Die Partei beschloss also im Mai 1960 die Auflösung der Kadettenschule Naumburg. Der Hauptgrund für die Auflösung aber war, dass mit der Einführung der Polytechnischen Oberschule genügend allseitig gebildete Absolventen vorhanden waren, die für den Offiziersberuf geworben werden konnten.

Studienaufenthalte im Ausland

Lothar Egelhardt wurde nach der Kadettenschule Soldat im "NVA-Wachregiment Hugo Eberlein". Dieses Strausberger Regiment war für die militärische Sicherung und Bewachung des Ministeriums für Nationale Verteidigung und viele dem Ministerium direkt unterstellten Truppenteile, Einheiten und Lagereinrichtungen zuständig.

Das Regiment trug den Ehrennamen des Kommunisten Hugo Eberlein, ein Opfer der stalinistischen Säuberungen. In jenem Truppenteil also bewarb sich der junge Lothar Engelhardt als Berufssoldat und erhielt von 1959 bis 1961 eine Offiziersausbildung an der Panzerschule Großenhain. Nach erfolgreichem Abschluss und der Ernennung zum Offizier diente er bis 1962 als Zugführer im Cottbuser Panzerregiment.

Wegen guter Leistungen wurde Engelhardt von 1962 bis 1964 zur Ausbildung an das Militärwissenschaftliche Institut des Ministeriums für Nationale Verteidigung für Aufklärungsoffiziere kommandiert. Nach erfolgreichem Lehrgangsabschluss diente er dann bis 1966 im Stab der Verwaltung Aufklärung und danach als Kompaniechef im Aufklärungsbataillon der 7. Panzerdivision, Hauptquartier Dresden.

Es folgte ein Hochschulstudium an der Malinowski-Militärakademie in der Sowjetunion und mehrere Sprachlehrgänge im Fach Französisch am Institut für Sprachausbildung der NVA in Naumburg, der Stadt seiner Kadettenausbildung. Seine Dienstorte verschoben sich von Leipzig nach Potsdam.

Von 1982 bis 1984 wurde er zur Generalstabsausbildung an die Militärakademie des Generalstabes der Sowjetischen Streitkräfte geschickt. Nach erfolgreichem Studienabschluss berief man Oberst Engelhardt zum Chef Aufklärung im Kommando Landstreitkräfte. Bis 1987 blieb er auf diesem Posten.

Engelhardt weilte mehrere Jahre zu Weiterbildungen in der damaligen Sowjetunion, nahm sogar als Beobachter des Warschauer Paktes an Nato-Manövern teil. Den Kontakt mit seiner Heimat, mit seiner Familie hat er immer aufrecht erhalten. Von 1987 bis zum 31. Dezember 1989 fungierte er als Stellvertreter des Chefs des Stabes im Kommando der NVA-Landstreitkräfte.

Nach der Wende zum NVA-Chef berufen

Und am 1. März 1988 wurde Oberst Lothar Engelhardt von Erich Honecker, dem damaligen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates des DDR, zum Generalmajor ernannt.

Dann kam die politische Wende. Vom 1. Januar 1990 bis September 1990 war er Stellvertreter des Chefs der Landstreitkräfte, gleichzeitig Chef des Stabes. Am 15. September 1990 erfolgte seine Berufung zum Chef der NVA, als Nachfolger von Admiral Theodor Hoffmann. Mit Auflösung der NVA wurde Generalmajor Engelhardt mit Wirkung vom 2. Oktober 1990 entlassen.

Danach arbeitete er noch mit Sondervertrag als Berater im Stab von Bundeswehrgeneral Jörg Schönbohm im Bundeswehrkommando Ost. Engelhardt starb am 5. April 2010. Begraben ist er in Potsdam.

Eine Generals-Uniform von Lothar Egelhardt befand sich im Besitz des Gothaer Originals Gerhard "Jupi" Jüptner. Es war das Prunkstück des einstigen Uniformen-Sammlers. Gerhard Jüptner setzte sich eines Tages mit Lothar Engelhardt in Verbindung, weil er eine seiner Uniformen für seine Sammlung erwerben wollte.

Der Ex-Generalmajor traute dem Frieden anfangs nicht. Er besuchte "Jupi" in Gotha, wollte wissen, wem er seine Uniform da vermachen sollte. Bei dem persönlichen Gespräch sei man sich menschlich näher gekommen, erinnert sich Gerhard Jüptner. Der General schenkte ihm die Uniform sogar, mit der "Jupi" später bei vielen Anlässen und Festen zu sehen war.