Beängstigend realistisch: Ausnahmezustand bei Anti-Terror-Übung in Erfurt

Erfurt  In Erfurt trainierte die Polizei am Hauptbahnhof in der Nacht die Abwehr eines bewaffneten Anschlags auf Reisende. Mit mehr als 1200 beteiligten Personen waren die Anti-Terror-Übung eine der bisher größten Deutschlands.

Mehr als 1200 Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute sowie Darsteller waren an der Anti-Terror-Übung im Erfurter Bahnhof beteiligt.

Mehr als 1200 Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute sowie Darsteller waren an der Anti-Terror-Übung im Erfurter Bahnhof beteiligt.

Foto: Sascha Fromm

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Die letzte Explosion am Erfurter Hauptbahnhof dürfte gegen 3 Uhr am Mittwochmorgen erneut die Anwohner geweckt haben. Bundespolizei und Thüringer Polizei trainieren die Abwehr eines Terroranschlags. Um die Beamtinnen und Beamten zu fordern und um zu prüfen, wie gut ihre Ausbildung ist, werden die Sprengsätze real gezündet, Angreifer feuern mit Platzpatronen in Menschenmengen, dargestellt von Statisten.

Die Übung mit etwa 1200 Teilnehmern ist eine der bisher größten Deutschlands.

Außer Hunderten Polizisten sind Rettungskräfte, die Feuerwehr, die Bundesbahn, aber auch Polizeianwärter beteiligt, als Verletzte und Passanten. Polizisten schießen in dieser Nacht während ihrer Einsätze mit Farbmarkierungsmunition, die sie aus speziell gesicherten Dienstwaffen abfeuern. Treffer hinterlassen Farbkleckse, so kann später genau ausgewertet werden, ob nur mutmaßliche Angreifer oder auch Unschuldige getroffen wurden.

Jörg Baumbach, Präsident der zuständigen Bundespolizeidirektion Pirna, erklärt kurz vor Übungsbeginn, dass es vor allem Streifenbeamte seien, die bei dieser Art von Anschlag als Erste am Tatort handeln müssen. „Wenn es uns nicht gelingt, den Hebel vom normalen Streifendienst auf maximale Gefährdung umzulegen, brauchen wir gar nicht erst vorzugehen“, fügt er an. Den Kollegen werde in dieser Hinsicht alles abverlangt.

Polizeipsychologe betreut die Übung mit

Für die Beamten ist die Übung purer Stress. Sie müssen sich im anfänglichen Chaos einen Überblick verschaffen, wenn möglich die Attentäter ausschalten und auch dafür sorgen, dass Menschen aus dem Gefahrenbereich flüchten können. Aber sie müssen auch weitere Kräfte alarmieren, der Einsatzzentrale ein möglichst präzises Lagebild liefern und danach die Kommunikation weiter aufrechterhalten.

Eine zusätzliche Herausforderung am Bahnhof ist die Zusammenarbeit von Bundes- und Landespolizei.

Denn die Bundespolizei ist für das Sichern der Bahnanlagen zuständig. Doch bei einem Angriff wie in dieser Nacht übernimmt die Thüringer Polizei die Leitung von der Landeseinsatzzentrale in Erfurt aus.

„Bewaffnete Männer stürmen den Bahnhof und schießen in der Einkaufspassage in die Menschenmenge. Es gibt Tote und Verletzte.“ So dürften die ersten Anrufe bei der Landeseinsatzzentrale und der Bundespolizei gelautet haben.

Binnen Minuten hatten Terroristen im Übungsablauf mehrere Menschen erschossen oder schwer verletzt.

Die Einkaufpassage bietet kaum Deckung, so dass auch auf die ersten Beamten am Tatort sofort geschossen wird. Die Schutzausrüstung der Thüringer Polizei ist in den vergangenen Jahren deutlich verbessert und genau für derartige Einsätze angepasst worden. Auch das Vorgehen bei sogenannten lebensbedrohlichen Einsatzlagen wie im Bahnhof wird seit einigen Jahren intensiv trainiert.

Lediglich eine Anruferin soll sich in der Nacht besorgt erkundigt haben, ob eine Gefahr bestehe. Das frühe Informieren der Erfurter hat offensichtlich funktioniert. Der Bahnverkehr läuft auch während der Übung. Reisende beruhigt eine Lautsprecherdurchsage, dass keine Gefahr bestehe. Die Haltestelle unterm Bahnhof und die umliegenden Straßen sind für Fahrzeuge gesperrt.

In drei Durchgängen wird das Abwehren von Terrorangriffen in dieser Nacht trainiert. Notärzte und Rettungssanitäter dürfen bei derartigen Attacken nicht in die Gefahrenzone. Polizisten müssen zuerst selber nach den Verletzten sehen, auch um zu verhindern, dass sich unter ihnen kein weiterer Attentäter befindet, der nur darauf wartet, später im Rettungszelt seine Sprengstoffweste zu zünden.

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Thüringens Polizeipsychologe Jürgen Marx beobachtet genau, wie sich die Beamten verhalten. Er müsste reagieren, sollte ein Polizist ausfallen, weil die psychische Belastung zu groß wird. Es könne ja sein, dass die Übung bei dem einen oder anderen, der sich bereits einmal in einer bedrohlichen Lage befunden habe, etwas auslöst, erklärt er. Während des Übungseinsatzes würden Grenzen verwischt. Dass alles eine Übung sei, trete dann in den Hintergrund.

Diese Anspannung ist deutlich in den Gesichtern der Beamten zu erkennen, die nach gut anderthalb Stunden den Tatort wieder verlassen. Manch einer hat trotz Übung das erste Mal erlebt, wie eine Anti-Terror-Einsatz ablaufen könnte.

Die Angreifer zu stoppen, übernehmen in dieser Nacht letztlich Spezialeinheiten – die GSG 9 für die Bundespolizei und das Spezialeinsatzkommando (SEK) des Thüringer Landeskriminalamtes.

Auch deshalb betont Innenminister Georg Maier (SPD) die gute Ausbildung der Spezialisten. Künftig solle sich aber stärker auf die Aus- und Weiterbildung der Polizeivollzugsbeamten konzentriert werden, denn diese würden bei Anschlägen eine große Verantwortung tragen, wenn sie als Erste am Tatort sind.

Explosionen und Schüsse am Hauptbahnhof: So lief die Anti-Terror-Übung in Erfurt ab

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