Bürgermeister will Feuerwehrleute notfalls per Zwang rekrutieren

Wutha-Farnroda  Torsten Gieß stößt in Wutha-Farnroda Debatte über Zukunft der Wehren an. Feuerwehrverband sieht Vorschlag skeptisch

Die Feuerwehr Schönau ist eine von vier in Wutha-Farnroda. Trotz enger Personaldecke will die Gemeinde aber keine Zusammenlegung. Foto: Sascha Willms

Die Feuerwehr Schönau ist eine von vier in Wutha-Farnroda. Trotz enger Personaldecke will die Gemeinde aber keine Zusammenlegung. Foto: Sascha Willms

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„Ich hoffe, dass wir es nicht so weit treiben müssen, Feuerwehrleute per Zwang zu verpflichten, aber wenn die Entwicklung so weitergeht, müssen wir darüber reden.“ Das sagte Wutha-Farnrodas Bürgermeister Torsten Gieß (parteilos) in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Der Rat müsse sich Gedanken machen, wie es mit der Pflichtaufgabe Brandschutz und den Freiwilligen Feuerwehren weitergeht – notfalls mit der zwangsweisen Einberufung.

In Schleswig-Holstein hätten Gemeinden bereits auf dieses Mittel zurückgegriffen. In List auf Sylt wurde schon 2005 Deutschlands erste Pflichtfeuerwehr einberufen. In Friedrichstadt, ebenfalls im Norden, wurde kürzlich einberufen, auch aus Rheinhessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gibt es Beispiele mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Vier Freiwillige Wehren gibt es in der Gemeinde: In Wutha (25 Einsatzkräfte), Farnroda (26), Mosbach (20) und Schönau (26). „Eine Gruppe hat neun Mitglieder. Als Faustregel gilt, dass man dreimal so viele Mitglieder braucht, um diese Einsatzstärke zu schaffen“, so Gieß.

Neue Wege bei Mitgliederwerbung nötig

Da diese Mindest-Grenze bei den Wehren im Ort nahezu erreicht ist, würden in Wutha-Farnroda „bei allem, was über Kleinstbrände hinaus geht, immer alle vier Wehren gleichzeitig alarmiert“, um die Einsätze abzusichern. Die Beseitigung von Ölspuren wurde an eine Firma übergeben, damit die Feuerwehr in solchen Bagatell-Fällen nicht mehr ausrücken müsse.

„Das Problem wird sich in den nächsten zehn Jahre noch verschärfen“, sagte Gieß, alleine schon wegen der geburtenschwachen Jahrgänge. Eine Zusammenlegung sei keine Option: „Ich halte das nicht für sinnvoll“, sagte Gieß. Auch der Gemeinderat hat sich klar für den Erhalt aller vier Wehren ausgesprochen.

Den Alltag könne man mit den vorhandenen Leuten bewältigen, aber im Katastrophenfall würde es schwierig, zumal in Wutha-Farnroda wegen der Überschwemmungsgefahr eine Wasserwehr gebildet werden müsse. So komme man irgendwann an den Punkt, über Zwang nachzudenken, wozu er den Gemeinderat aufforderte.

Thüringenweit hat das Innenministerium bisher noch keine Kenntnis einer „Zwangsverpflichtung zum ehrenamtlichen Feuerwehrdienst“, teilte Sprecher Carsten Ludwig auf Anfrage mit. Gleichwohl erlaube dies das Brand- und Katastrophenschutzgesetz für Einwohner zwischen 18 und 60 Jahren, bis zu zehn Jahre lang.

Beim Landes-Feuerwehrverband ist man skeptisch: „Das sehen wir kritisch“, sagte Geschäftsführer Alexander Blasczyk zur zwangsweisen Verpflichtung: Zwar sei dies das allerletzte mögliche Mittel. Aber die Verpflichteten würden wohl kaum für den Dienst motiviert sein oder gar versuchen, der Einberufung zu entgehen. „Die Ausbildung bis zum Truppmann kann auch bis zu zwei Jahre dauern“, sagt Blasczyk. So löse man das Problem nicht.

Der Verband setze vielmehr auf Werbung: Gemeinsam mit dem Innenministerium und einer Agentur habe man einen dicken Handlungsleitfaden und weitere Materialien vom Flugblatt bis zur Internetseite erarbeitet. Sie sollen im Sommer präsentiert und an alle Feuerwehren im Land verteilt werden. Darin gebe es viele nützliche Tipps zur Mitgliederwerbung.

Die müsse vor allem zielgruppengerechter werden: „Es reicht nicht, einmal im Jahr einen Tag der offenen Tür zu veranstalten“, sagte Alexander Blasczyk: „Da müssen wir umdenken, auch in der Feuerwehr-Spitze.“

Die Feuerwehren müssten Kontakt zu Schulen suchen, Aktionen veranstalten, Schnuppermitgliedschaften anbieten: „Da gibt es in dem neuen Material ganz viele Vorschläge aus der Praxis, auch eine Ideenbörse im Internet ist geplant“, sagte er. Das Potenzial für neue Mitglieder sei da. Man müsse sie aber besser erreichen.