„Der Landwirt hat viel Glück gehabt“: Neues System zur Entschärfung überzeugt in Nordhausen

Nordhausen  Tauber Delaborierung investiert rund 320.000 Euro in neue Technik. Bürgermeisterin Krauth verteidigt kurzfristige Evakuierung am Freitag.

Spezialsand aus Australien kommt bei der Entschärfung mittels Wasserschneidsystem zum Einsatz. Damit den fünf Zentimeter dicken Stahl der Bombe zu durchtrennen, dauerte nur zehn Minuten. Sprengmeister Andreas West war am Freitag mit insgesamt sechs Kollegen vor Ort.

Spezialsand aus Australien kommt bei der Entschärfung mittels Wasserschneidsystem zum Einsatz. Damit den fünf Zentimeter dicken Stahl der Bombe zu durchtrennen, dauerte nur zehn Minuten. Sprengmeister Andreas West war am Freitag mit insgesamt sechs Kollegen vor Ort.

Foto: Marco Kneise

„Der Landwirt hat viel Glück gehabt.“ Andreas West, Sprengmeister vom Räumdienst Tauber Delaborierung, denkt am Samstagmorgen an den freitäglichen Einsatz zurück. Am Vormittag hatten er und seine Kollegen auf einem Feld im Gumpetal eine Bombe nur 30 Zentimeter unter der Erde entdeckt. Hätte der Pflug deren Zünder berührt, der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg hätte explodieren können.

Dass die Munitionsexperten überhaupt auf diese wie auf eine weitere Bombe 50 Meter entfernt in 60 Zentimetern Tiefe stießen, ist der Tatsache geschuldet, dass ein Bürger in der Nähe bauen will und deshalb Tauber eingeschalten hat. Bei der Auswertung des entsprechenden Luftbilds von 1945 wurde ein Bombenverdachtspunkt im Feld entdeckt.

Schon Anfang September kündigte die Stadtverwaltung deshalb an, es könnte im Oktober eine Entschärfung geben.

Wer die Kosten der Aktion trägt, ist offen

Nachdem sich am Freitagvormittag der Verdacht bestätigt hat, mittels Georadar auch eine weitere Bombe entdeckt wird, muss alles sehr schnell gehen. Schon für Nachmittag ist die Evakuierung im 1000-Meter-Umkreis vorgesehen. Warum so schnell? Die jüngsten Entschärfungen im April und im September 2017 wurden einen Tag zuvor samt Evakuierungsplan veröffentlicht. Bürgermeisterin Jutta Krauth (SPD) verweist am Sonntag zum einen auf das Risiko, das als „sehr hoch“ eingeschätzt wurde angesichts zweier, nicht weit voneinanderliegender Bomben. Auch die enormen Temperaturschwan-kungen zwischen Tag und Nacht hätten zu dieser Risikoeinschätzung geführt. Zudem habe die Frage personeller Kapazitäten gestanden: „Wir müssen dafür auch genügend Polizeikräfte haben.“ Am Samstag sollte die Thüringer Polizei schon rund um den Weimarer Zwiebelmarkt im Einsatz sein.

„So entschlossen wir uns, die Bomben sofort zu beseitigen“, erklärt Krauth.

Kurz nach 22 Uhr ist die erste der beiden 227-Kilo-Bomben entschärft, etwa eine Stunde später die zweite. Rohrzange und Hammer allerdings kamen dieses Mal nicht mehr zum Einsatz, um die Zünder herauszudrehen. Vielmehr hat Tauber erstmals in Thüringen sein neues Wasserschneidsystem angewendet. 320.000 Euro hat das Unternehmen zu Jahresbeginn in dieses investiert. Über Monate hinweg wurde mit der neuen Technik trainiert. Vor zwei Monaten setzte sie Tauber erstmals bei der Entschärfung einer Langzeitbombe in Bayern ein. Die Entschärfungsaktion in Nordhausen ist die Thüringer Premiere. Statt den Zünder händisch herausdrehen zu müssen, wird dieser aus der Bombe herausgeschnitten. „Bei einem Wasserdruck von bis zu 3000 Bar kann so bis zu zwölf Zentimeter dicker Stahl durchtrennt werden“, erklärt Andreas West. Das Schneidsystem samt Kamera wird mit einem Magnet an der Bombe befestigt. Gesteuert wird es von einem Spezialcontainer aus in sicherer Entfernung.

Bei den beiden Bomben im Gumpetal war es fünf Zentimeter dicker Stahl, der binnen zehn Minuten durchtrennt war. Weil auch die Zünder selbst noch so viel Kraft wie eine Handgranate hatten, mussten sie anschließend gesprengt werden. Die Bomben indes wurden noch in der Nacht zu Samstag bis 2 Uhr nach Wernrode auf den Sprengplatz gebracht.

Lange dauerte auch der Einsatz der Polizeikräfte, der Feuerwehrleute, der Rathaus-Mitarbeiter, der Helfer von DRK, THW und Sanitätsdiensten. Unterm Strich waren es rund 300 Helfer. „Sie haben für einen reibungslosen Ablauf der Entschärfung gesorgt“, so Oberbürgermeister Kai Buchmann (pl). Die unerwarteten Belastungen für die Nordhäuser seien so in engen Grenzen gehalten worden. Buchmann dankte ebenso den „evakuierten“ Bürgern für ihr „besonnenes Verhalten in dieser Situation“. Um West und seinem Team seinen Dank auszusprechen, fuhr der Stadtchef nach der Entschärfung noch auf das betreffende Feld.

Allerdings gab es auch Einzelne, die dem Aufruf, ihre Wohnung zu verlassen, nicht nachkamen. Der Polizei zufolge wurde die Evakuierung von „zahlreichen Problem-Personen“ erschwert.

Wer die Kosten der Aktion tragen wird, ist noch offen. Auf die Frage, ob der Landpächter wie nach der Bombenentschärfung im April 2017 eine Rechnung erhält, sagte Krauth: „Wir versuchen, Mittel vom Land zu bekommen. Andernfalls übernehmen wir die Kosten – in der Hoffnung, dass in Erfurt endlich jemand auf die besondere Situation Nordhausens reagiert.“ Es dürften auch 78 Jahre nach Kriegsende noch viele Blindgänger in der Erde liegen.