Explosionen und Schüsse am Hauptbahnhof: So lief die Anti-Terror-Übung in Erfurt ab

Erfurt  Das Szenario war ebenso beängstigend wie real: Mehrere Attentäter zünden Sprengsätze im Hauptbahnhof und schießen auf Reisende. Mehr als 1000 Rettungskräfte übten in der vergangenen Nacht in Erfurt den Ernstfall.

Mehr als 1200 Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute sowie Darsteller waren an der Anti-Terror-Übung im Erfurter Bahnhof beteiligt.   

Mehr als 1200 Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute sowie Darsteller waren an der Anti-Terror-Übung im Erfurter Bahnhof beteiligt.   

Foto: Kai Mudra

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Die letzte Explosion am Erfurter Hauptbahnhof dürfte gegen 3 Uhr am Mittwochmorgen wieder zahlreiche Anwohner geweckt haben. Bundespolizei und Thüringer Polizei trainieren in dieser Nacht drei Mal das Abwehren eines Terroranschlags durch bewaffnete Angreifer. Um die Beamtinnen und Beamten wirklich zu fordern und um zu prüfen, wie gut ihre Ausbildung ist, wurden Sprengsätze real gezündet. Die Angreifer feuerten mit Platzpatronen in Menschenmengen, die für das Training von Beamten der Bundespolizei gespielt werden.

Polizisten haben für ihre Einsätze Farbmarkierungsmunition, die sie aus realen Dienstwaffen abfeuern. Treffer hinterlassen Farbkleckse. So kann später genau ausgewertet werden, ob nur die mutmaßlichen Terroristen oder im anfänglichen Chaos auch Unschuldige getroffen werden. Sicherheitsmaßnahmen an den Dienstwaffen verhindern, dass reale Munition verschossen wird.

Im Chaos einen Überblick verschaffen

Jörg Baumbach, Präsident der zuständigen Bundespolizeidirektion Pirna, weist kurz vor Übungsbeginn darauf hin, dass es insbesondere Streifenbeamte sind, die bei dieser Art von Anschlag als erste am Tatort sein werden und die dann mit dem Bekämpfen der Attentäter und dem Absichern beginnen müssen. Für die Beamtinnen und Beamten ist das Stress pur. Sie müssen sich in dem Chaos einen Überblick verschaffen, wenn möglich die Attentäter ausschalten und auch dafür sorgen, dass Menschen aus dem Gefahrenbereich flüchten können.

Aber sie müssen auch weitere Kräfte alarmieren, dem Schichtleiter oder der Einsatzzentrale eine möglichst präzise Einschätzung der Lage liefern und auch danach die Kommunikation trotz allem

Adrenalin weiter aufrechterhalten. Das Besondere der Übung am Bahnhof ist, dass Bundespolizei und Landespolizei zusammenarbeiten mussten. Denn die Bundespolizei ist für das Sichern der Bahnanlagen zuständig, die Thüringer Polizei übernimmt aber bei einem Angriff wie dem in der Übung die Leitung von der Landeseinsatzzentrale in Erfurt aus.

Schutzausrüstung der Polizei an derartige Einsätze angepasst

Mehrere bewaffnete Männer halten sich im Bahnhof auf und schießen wahllos in die Menschenmenge in der Einkaufspassage. Es gebe Tote und Verletzte. So dürften die ersten Anrufe bei der Landeseinsatzzentrale und der Bundespolizei gelautet haben. Binnen Minuten hatten die Terroristen im Übungsablauf mehrere Menschen, die nicht sofort fliehen konnten, erschossen oder schwer verletzt. Die Einkaufpassage unter den Gleisen bietet kaum Deckung, so dass auch die ersten Beamtinnen und Beamten, die am Tatort eintreffen, sofort beschossen werden.

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Die Schutzausrüstung der Thüringer Polizei hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert und wurde genau an derartige Einsätze angepasst. Auf jedem Einsatzfahrzeug befinden sich für die Streifenbesatzung ballistische Helme, die Schüssen widerstehen können. Auch die Schutzwesten halten Beschuss deutlich besser stand, als ältere Modelle noch vor einigen Jahren.

Das Verhalten bei so genannten „lebensbedrohlichen Einsatzlagen“ wie sie sich nun im Bahnhof darstellt, wird seit einigen Jahren auch in Thüringen intensiv trainiert. Jörg Baumbach erinnert an die Anschläge in Paris, die deutlich gezeigt haben, dass Streifenbeamte die ersten Polizisten am Tatort sind.

Die Polizei und die Stadt Erfurt haben seit gut einer Woche immer wieder auf die Übung und die Einschränkungen am Bahnhof aber auch auf die Lärmbelästigung für Anwohner hingewiesen. Bis 3 Uhr gab es keine Beschwerdeanrufe in der Einsatzzentrale. Lediglich eine Anruferin soll sich besorgt erkundigte haben, ob eine Gefahr bestehe.

Das frühe Informieren der Bevölkerung hat offensichtlich funktioniert. Der Bahnverkehr wird durch die Übung kaum behindert. Ankommende Reisende erfahren durch eine Lautsprecherdurchsage von der Übung und erfahren, dass keine Gefahr bestehe. Die Bahnsteige können in dieser Nacht über die Treppen auf der Westseite der Unterführung betreten oder verlassen werden. Die dortigen Haltestellen und die Straßen um den Bahnhof herum sind aber gesperrt.

Szenarien sollen so real wie möglich sein

In drei Durchgängen wird das Abwehren von Terroristen in dieser Nacht trainiert. Was sie genau erwartet, wissen die eingesetzten Beamten nicht. Die Szenarien sollen so real wie möglich sein. Den Verletzten haben Experten der Bundeswehr realistische Wunden geschminkt. Nägel im Kopf oder eine offene Hüfte gehören genauso dazu, wie laut schreiende, orientierungslose Menschen, die eine weitere Herausforderung für die Einsatzkräfte bildeten.

Notärzte und Rettungssanitäter dürfen nicht in die Gefahrenzone. Beamte müssen erst einmal selber nach den Verletzten sehen, auch um sicherzustellen, dass sich unter ihnen kein weiterer Attentäter befindet, der nur darauf wartet, später im Rettungszelt seine Sprengstoffweste zu zünden.

Thüringens Polizeipsychologe Jürgen Marx beobachtete genau, wie sich die Polizistinnen und Polizisten verhalten. Eine seiner Aufgabe ist, schnell zu reagieren, solle ein Beamter ausfallen, weil die psychische Belastung zu groß wird. Es könne ja sein, dass die Übung bei einem Polizisten, der sich bereits früher einmal in einer bedrohlichen Situation befunden habe, etwas auslöst, erklärt er. Während des Übungseinsatzes würden Grenzen verwischt. Dass alles eine Übung sei, trete in den dann Hintergrund.

Diese Anspannung ist auch deutlich in den Gesichtern der Beamtinnen und Beamten zu erkennen, die nach gut anderthalb Stunden den gedachten Tatort wieder verlassen. Immer wieder Schüsse, der Stress der Kommunikation, die Eigensicherung und dann immer noch den Überblick zu bewahren, denn es gilt, die Attentäter unschädlich zu machen, um den Bahnhof wieder zu sichern.

Diese Aufgabe übernehmen in dieser Nacht in Erfurt letztlich die Spezialeinheiten. Die GSG 9 der Bundespolizei soll sich laut Übungsdrehbuch bereits in Erfurt aufgehalten haben, weil eine Sicherheitskonferenz abgesichert werden musste. Noch vor den Experten des Bundes trifft das Spezialeinsatzkommando (SEK) des Thüringer Landeskriminalamtes am Bahnhof ein und beginnt mit seinem Einsatz. Wie genau die Spezialeinheiten die Angreifer überwältigt haben, dazu gibt es keine Informationen.

Es solle nicht alles verraten werden, so die lapidare Antwort. Denn die Spezialeinheiten nutzen die Möglichkeit des Trainings in einer realistischen Umgebung wie einem Bahnhof auch, um ihr eigenes Vorgehen weiter zu perfektionieren.

Jörg Baumbach sprach in einer ersten Zwischenbilanz noch in der Nacht von mehreren Verletzten und mehreren Toten - nicht real, aber als Übungsergebnis. Die Zahlen würden im zweistelligen Bereich liegen, ergänzt er. Es sei der Bundespolizei und der Thüringer Polizei gelungen, den Bahnhofsbereich wieder zu sichern. Allerding hätte die Situation ohne Unterstützung der Spezialkräfte in dieser Zeit so nicht unter Kontrolle gebracht werden können.

Auf Streifenbeamten lastet hohe Verantwortung

„Bei einer solchen Lage kann man nicht zufrieden sein, wenn es eine doch erhebliche Anzahl von Verletzten und Toten gibt. Natürlich hier als Übungsanlage“, fährt Jörg Baumbach fort. Das gehöre leider zur Realität des Szenarios. Vor allem das Zusammenspiel der unterschiedlichen Einsatzkräfte müsse immer wieder geübt werden, ergänzt der Präsident noch.

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) verweist darauf, dass sich gezeigt habe, welch hohe Verantwortung in einer solchen Situation auf den Streifenbeamten lastet. Die Spezialeinheiten seien gut ausgebildet. Künftig müsse sich noch stärker auf die Aus- und Weiterbbildung der Polizeivollzugsbeamten konzentriert werden, damit diese eine solche Anschlagssituation von Anbeginn an bewältigen können.

An der Anti-Terrorübung beteiligten sich etwa 1200 Personen. Darunter Beamte der Bundespolizei sowie der Thüringer Polizei. Neben der Landeseinsatzzentrale und dem SEK kamen die Polizisten vor allem aus den Landespolizeiinspektionen Erfurt, Jena und Gotha. Auf der Südseite des Bahnhofs trainierten zugleich Feuerwehr und Rettungsdienste das Aufnehmen und Erstversorgen der Verletzten, bevor diese in die umliegenden Krankenhäuser gefahren werden.

Nach etwas mehr als 50 Minuten werden die ersten Verletzten vom Anschlagsort von Polizisten auf dem Rettungsplatz übergeben. Für viele der Beamte eine ungewohnte Aufgabe, sind doch bei normalen Einsätzen für das Bergen der Verletzten die Hilfsorganisationen, Rettungsdienste und Feuerwehren zuständig. Am Bahnhof mussten beispielsweise Schwerverletzten von mehreren Beamten über Hunderte Meter getragen werden, weil der Polizei anfangs Tragen fehlten. Die Übung hat hier gezeigt, wie wichtig die Schnittstelle zwischen Polizei und den Rettungsdiensten ist.

Denn bei Unfällen, Bränden oder Katastrophen haben zumeist die Rettungsdienste das Sagen und die Polizei unterstützt sie bei ihrer Arbeit. In einer „lebensbedrohlichen Einsatzlage“ ist es die Polizei, die ein Stück weit auch die Arbeit der Rettungsdiensten mit bestimmt. Denn die Eigensicherung von Notärzten, Rettungssanitätern und Feuerwehrleuten steht hierbei im Vordergrund.

Anti-Terror-Übung in Erfurt – Hunderte Ehrenamtliche sind dabei – Straßen gesperrt

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