HINTERGRUND: Flucht aus der Bombenwerkstatt in Jena

Jena. Bereits vor zwei Wochen hat die Polizei, wie erst gestern durch den mdr bekannt wurde, in Jena eine Bombenwerkstatt von Rechtsradikalen ausgehoben. Am 26. Januar wurden bei einer Razzia sieben Wohnungen und Garagen von mutmaßlichen Rechtsextremisten durchsucht, bestätigte der Sprecher der

Jena. Bereits vor zwei Wochen hat die Polizei, wie erst gestern durch den mdr bekannt wurde, in Jena eine Bombenwerkstatt von Rechtsradikalen ausgehoben. Am 26. Januar wurden bei einer Razzia sieben Wohnungen und Garagen von mutmaßlichen Rechtsextremisten durchsucht, bestätigte der Sprecher der Geraer Staatsanwaltschaft, Ralf Mohrmann, gegenüber dieser Zeitung.

In der Garage fanden sich mehrerevorbereitete Rohrbomben, die funktionsfähig, aber nicht zündfähig waren, so Mohrmann. Zudem stellte die Polizei ein Luftgewehr und eine Pistole sicher. Das entscheidende an diesem Fund war die Erkenntnis, daß in der ausgehobenen Werkstatt mit einiger Sicherheit jener Koffer präpariert wurde, der im September 1997 vor dem Jenaer Theaterhaus abgestellt wurde. Der rot gespritzte und mit einem Hakenkreuz versehene Koffer enthielt mehrere Gramm TNT- Sprengstoff. Allerdings gab es keine Zündvorrichtung, die das Behältnis hätte in die Luft jagen können. Schon damals suchte die Polizei die Täter in der rechten Szene.

Seit der Durchsuchungsaktion sind drei polizeibekannte Jenaer auf der Flucht. Es handelt sich um eine 23-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 20 und 24 Jahren. Gegen alle drei laufen bereits Verfahren wegen rechtsextremistischer Straftaten. Bereits am 28. Januar wurde gegen das Trio Haftbefehl erlassen.

Der Bombenfund auf dem Theaterplatz, hier hat im Sommer stets die Jenaer Kulturarena ihr Domizil, ist möglicherweise nicht der erste Fall, den man den Beschuldigten zuordnen könne, erklärte Mohrmann. "Aus ermittlungstaktischen Gründen" habe man die Öffentlichkeit jedoch "bewußt nicht von der Aktion und den Haftbefehlen informiert", begründete Mohrmann die Zurückhaltung der Behörden. Man hatte starke Bedenken, daß die Gesuchten dann "gänzlich untertauchen".

Bereits zuvor hatte eine Bombenattrappe aus rechtsextremen Kreisen in Jena für Aufregung gesorgt. Am 13. April 1996 hatten Unbekannte bei Bucha eine Puppe in menschlicher Größe an einer Autobahnbrücke aufgehängt. Auf der Kleidung war ein Davidsstern aufgenäht. Zahlreiche Kabel führten zu mehreren Pappkartons, an denen ein Schild mit der Aufschrift "Achtung, Bombe" prangte. Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes erkannten den Inhalt als "ungefährlich".

Am 15. November 1995 war bereits einmal eine ähnliche Puppe in Jena angezündet worden. Eine Verbindung zu dem umfangreichen Waffenarsenal, das die Polizei am 11. Oktober am Rande zweier verbotener Demonstrationen in Saalfeld in einer Gaststätte in Heilsberg nahe Rudolstadt gefunden hatte, sieht der Verfassungsschutz des Freistaates nicht. Verfassungsschutzpräsident Helmut Roewer war gestern gegenüber TA jedoch nicht zu einer Auskunft in der Lage.

Am 14. März ist in Saalfeld eine erneute Demonstration gegen Rechts angemeldet worden. Rechtsextreme Kreise haben wieder zu einer Gegendemonstration am gleichen Tag und am gleichen Ort aufgerufen. Schon vor Jahresfrist hatte Thüringens Innenminister Richard Dewes (SPD) vor Terroranschlägen aus dem rechtsextremen Lager gewarnt (TA vom 12. Februar 1997). Dewes sagte seinerzeit, es habe bereits 1995 und 1996 insgesamt drei ernstzunehmende Anschläge gegegeben: eine Rohrbombe in Jena, eine Sprengsatzattrappe in Rudolstadt und eine Bombenattrappe in Saalfeld. Letztere sei damals so angelegt gewesen, daß sie jederzeit hätte scharfgemacht werden können. Die Rechten hätten zeigen wollen, sie könnten jederzeit, wenn sie wollten, so Dewes.

Vornehmlich in Ostthüringen gibt es nach Dewes' Aussage einen harten Kern von mindestens 50 Leuten, von denen etwa zehn stark politisiert seien. Rund 500 Personen werden als Mitläufer eingestuft.

Bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik 1997 hatte der Innenminister erst am Mittwoch erklärt, die meisten Straftaten aus dem rechtsextremistischen Lager seien in Saalfeld, Erfurt und Suhl registriert worden. Schwerpunkte seien dennoch nicht erkennbar. Die Gesamtzahl der Delikte war 1997 um 267 auf insgesamt 1206 Fälle angestiegen. Aber nur 150 Straftaten davon seien nach seinen Worten wirklich relevant. Das meiste sind sogenannte Propagandadelikte, wie das Zeigen oder Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.