Immer mehr verworrene Details zum Bankraub von Eisenach

Die Explosion eines Hauses in Zwickau-Weißenborn ist nur ein Puzzle-Teil des verworrenen Kriminalfalls. Die beiden toten Männer, die in einem ausgebrannten Wohnmobil in Thüringen gefunden wurden, lebten in der angemieteten Wohnung in Sachsen. Zudem soll sich die in Verbindung mit dem Eisenacher Sparkassenüberfall gesuchte Beate Z. in Jena der Polizei gestellt haben.

In diesem Wohnmobil erschießen sich laut Polizeiangaben die zwei Bankräuber von Eisenach. Foto: Sascha Willms

In diesem Wohnmobil erschießen sich laut Polizeiangaben die zwei Bankräuber von Eisenach. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

Zwickau/Eisenach. Während sich die per internationalem Haftbefehl gesuchte Beate Z. gestern in Jena der Polizei stellte, ging die Spurensuche in dem explodierten Haus in Zwickau weiter.

Ortsteil Weißenborn in Sachsen. Sonnenstrahlen haben den Nebel vertrieben. Die Wohnsiedlung wirkt gediegen, helle Fassaden, gepflegte Vorgärten, ein kleiner Bäcker.

Doch in der Frühlingsstraße 26 klafft eine riesige Wunde. Die Häuserfront ist zur Hälfte weggerissen, vom Dach sind nur noch verkohlte Balken übrig geblieben. Die Wohnung im Obergeschoss existiert nicht mehr. Der Vorgarten und ein angrenzender Hinterhof sind durch die Wucht der Explosion total verwüstet. Auch in der Seitenwand sind riesige Löcher, in der Luft liegt ein säuerlich-modriger Geruch.

Vor dem Haus, dort wo sich eins der Eingang zu einem griechischen Restaurant befand, türmen sich ebenfalls Schuttberge. Mit Metallpfeilern wurde versucht, die Wände und Decken zu stabilisieren. Der Abriss des Gebäudes ist nur eine Frage der Zeit. Die Versicherung Signal Iduna hat den Schaden bereits begutachtet.

Doch die Ermittlungen in einem der aufregendsten und verworrensten Kriminalfälle Deutschlands werden noch eine ganze Weile andauern. Auch in den nächsten Tagen werden Beamte die Gebäudereste Zentimeter für Zentimeter untersuchen, um eventuelle Spuren zu sichern. Nur die Experten dürfen schon in den ersten Stock, mit ihren Kameras erstellten sie gestern ein 3D-Bild der Wohnung. Während rund 30 weitere Einsatzkräfte damit beschäftigt waren, den Schutt abzutragen. Riesige Container schlucken das Geröll.

Und immer wieder finden sich Nachbarn und Neugierige ein, um über den Vorfall zu diskutieren. Ja, man habe die Mieter des Hauses gekannt – und nein, guten Kontakt haben man zu ihnen nie gehabt. Die Journalisten sind dankbar für jede Information.

Seit Anfang 2008 wohnten Uwe M., Uwe B. und Beate Z. in dem Haus. Die zwei Wohnungen auf ihrer Etage waren damals zusammengelegt worden. Rund 120 Quadratmeter. Das Trio bezahlt pünktlich seine Miete, 500 Euro plus 240 Euro Nebenkosten. "Es gab nie Probleme oder Beschwerden, erinnert sich der Hausverwalter. Der Name des Mieters, mit dem der Vertrag geschlossen wurde: Matthias Dienelt. Schon damals lässt dieser sich ein Recht auf Untervermietung in den Vertrag schreiben.

Doch wer ist dieser Dienelt? Unbestätigten Gerüchten zufolge soll es sich um den 38-jährigen Uwe M. gehandelt haben, einer der toten Bankräuber.

In Weißenborn ahnt keiner etwas über das mögliche Doppelleben der Zugezogenen, die vor 13 Jahren als Neonazis Schlagzeilen machten und in ihrer Garage an Rohrbomben bastelten. Keiner ahnt, dass sie mehrere Banküberfälle geplant und ausgeführt haben sollen.

Auch die heute 36-jährige Beate Z. wechselt regelmäßig ihre Identität. Mal tritt sie als Mandy Struck auf, in der kleinen Siedlung in Zwickau kennt man sie indes als Susann Dienelt. Die junge Frau ist freundlich, aber auch verschlossen.

Doch auch Beate Z. soll zu den Bombenbauern gehören, die der Polizei in Jena durch die Lappen gingen, damals 1998.

In der Siedlung im sächsischen Vogtland fallen die beiden Männer vor allen Dingen durch ihre Fahrräder auf, weiße Mountainbikes. Häufig sieht man Uwe M. und Uwe B. joggen, auch Beate Z. hält sich fit. Angeblich hatte sich das Trio in dem Haus sogar ein Fitnessraum eingerichtet. "Heute sieht man solche Informationen in einem ganz anderen Licht", erzählt ein Nachbar.

Immer auf Abstand. Am jährlichen Siedlungsfest, auf dem sich alle Nachbarn treffen, nimmt die Dreier-Wohngemeinschaft nie teil. Stattdessen sieht man sie am Fenster im ersten Stock rauchen. Und erst im Nachhinein fällt auf, dass die drei Bewohner der Frühlingsstraße 26 häufig über längere Zeiträume gar nicht gesehen werden.

Das letzte Geld an den Vermieter geht am 25. Oktober ein. 10 Tage vor der Explosion.

Es ist Freitag, der 4. November. Gegen 15 Uhr klingelt Beate Z. im Nebenhaus. Und sie übergibt zwei Katzen, jede in einem Käfig. Gleichzeitig bittet sie die Nachbarin, eine junge Frau, auf die Tiere aufzupassen. Das Gespräch dauert nur wenige Augenblicke, dann rennt sie eilig davon.

Zu diesem Zeitpunkt qualmt es bereits aus der Wohnung – und nach einem weiteren kurzen Moment erschüttert ein lauter Donnerschlag die Siedlung. Meterweit werden die Dachziegel auf die Straße und in den Hinterhof katapultiert, die Fassade kippt auf die Straße. Heizungskörper fliegen durch die Luft, brennende Balken zersplittern am Boden.

Bereits die ersten Ermittlungsergebnisse schließen einen Unfall aus. "Wir konnten Brandbeschleuniger nachweisen, später kam es dann zu der Explosion", bestätigte gestern Antje Dietsch von der Staatsanwaltschaft Zwickau.

Anfangs glauben auch die Anwohner an ein Unglück. "Wir waren vor Schreck wie erstarrt", erzählt ein Rentner aus dem Haus gegenüber. Natürlich habe man sich auch Sorgen um die Mieter gemacht. "Wir haben alle vermutet, dass die Gasheizung explodiert ist."

Doch das Haus hat keine eigene Gasheizung, sondern wird durch die Anlage in der Nebenwohnung mitversorgt, wie der Verwalter weiter erzählt.

Riesiges Glück hatten indes zwei Handwerker, die an jenem Tag auf dem Dachboden arbeiteten. Die furchtbare Explosion ereignete sich, als sie in dem nahen Bäcker eine Kuchenpause machten.

Zu diesem Zeitpunkt sind die Zusammenhänge noch völlig unklar. Doch bald stellt sich heraus: Zwei tote Männer, die ebenfalls am Freitag in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach-Stregda gefunden wurden, hatten in Zwickau gewohnt. Genau in dem Haus, das wenige Stunden später in die Luft geflogen war.

Gestern Nachmittag wurde Beate Z. bei der Polizei in Jena ein erstes Mal zu eventuellen Straftaten befragt. Am Amtsgericht Zwickau soll erst heute über den Haftbefehl entschieden werden. Vorerst geht es um schwere Brandstiftung.

Von der Vergangenheit eingeholt

Was mit der Aufklärung eines Sparkassenüberfalls begann, führt die Ermittler inzwischen Jahre zurück und durch die halbe Bundesrepublik.

Die Thüringer Linkspartei fordert Aufklärung. Könnten die drei Verdächtigen, die in Zwickau seit 2008 gemeinsam in einem Haus gelebt haben sollen, die rechtsextreme Szene mit Waffen und Geld versorgt haben?

Anlass für diese Überlegung ist eine Fahndung beim Bundeskriminalamt (BKA) in den Jahren 1998 bis 2003. Damals wurde auch per Internet nach drei Personen, einer jungen Frau und zwei jungen Männern, gesucht, die im Verdacht standen, in Jena Rohrbomben für die rechtsextreme Szene gefertigt zu haben.

Seit 1997 ermittelte das Landeskriminalamt in Erfurt (LKA) in der Sache. Damals lag vor dem Theaterhaus eine Bombenattrappe mit einem aufgemalten Hakenkreuz. Bei deren Analyse entdeckten die Spezialisten Rückstände des Militärsprengstoffs TNT.

Am Abend des 26. Januar 1998 rückten dann Ermittler zur Razzia aus. Beim Durchsuchen verdächtiger Wohnungen und einer Garage in Jena konnten intakte Rohrbomben ohne Zünder sichergestellt werden. Die drei Verdächtigen im Alter von damals 20, 23 und 24 Jahren entwischten den Fahndern.

Ihnen war die Flucht gelungen. Und nicht nur das: Selbst den zumeist erfolgreichen Zielfahndern des LKA gelang es nicht, die abgetauchten Verdächtigen aus der Neonaziszene aufzuspüren. Von ihnen fehlte jede Spur.

Nach dieser Panne folgte im Jahr 2003 eine weitere. Die Staatsanwaltschaft Gera musste ihre Ermittlungen ganz einstellen, weil die Angelegenheit verjährt war. Die drei Verdächtigen gingen straffrei aus.

Dadurch wurde den Ermittlern auch die Möglichkeit genommen, zu erfahren, wofür die Rohrbomben gedacht waren.

Die damals gesuchte Frau war Beate Z. Juristisch gilt sie wegen der 1998 erhobenen Vorwürfe als unschuldig.

Seit vergangenen Freitag wird sie aber mit den beiden Männern in Verbindung gebracht, die im Verdacht stehen, in Arnstadt und Eisenach jeweils eine Sparkasse überfallen zu haben. Die beiden Verdächtigen begingen laut Polizei Selbstmord, als sie nach dem Überfall von Beamten in Eisenach in einem Wohnmobil gefunden wurden.

Sowohl die Thüringer Ermittler wie auch die Polizei in Zwickau erklärten gestern, bisher keine Anhaltspunkte für aktuelle Verbindungen der drei verdächtigen zur rechtsextremen Szene gefunden zu haben. Allerdings verwies ein Polizeisprecher in Zwickau darauf, dass die Spurensuche in dem zerstörten Haus erst begonnen habe und sehr schwierig sei.

Die Thüringer Linkspartei vermutet trotzdem Kontakte zur Neonaziszene. In Jena seien noch immer Kader aktiv, die damals engen Kontakt zu den drei Verdächtigen hatten, sagt Fraktionsvizechefin Martina Renner. Sie ist sich auch sicher, dass das Trio in den vergangenen Jahren Hilfe erhalten hat.

Chronik

  • September 1997: Vor dem Jenaer Theaterhaus wird die Attrappe einer Bombe mit Hakenkreuz abgestellt.
  • 26. Januar 1998: Bei einer Razzia in Jena werden in einer Garage mehrere Rohrbomben gefunden. Auch die Bomben-Attrappe wurde dort präpariert. Zwei junge Männer aus der Rechtsextremen Szene und eine Frau namens Beate Z. entwischen der Polizei..
  • September 2003: Unsere Zeitung deckt auf, dass die Ermittlungen gegen die Flüchtigen einstellt wurden, da die Taten verjährt waren. Die Verdächtigen waren fünf Jahre lang untergetaucht.
  • 25. April 2007: In Heilbronn wird eine Polizistin erschossen, ihr Kollege schwer verletzt. Die Täter entwenden ihre Dienstwaffen. Über Jahre verfolgen die Ermittler eine falsche Spur, weil DNA-Proben verunreinigt waren.
  • 2007 bis 2009: Die Polizei jagt ein Phantom. Die verunreinigten Gen-Spuren von Wattetupfern tauchen an 35 Tatorten auf.
  • 27. März 2009: Die Ermittler räumen ein, dass die verdächtigen Gen-Spuren bereits beim Verpacken auf die Untersuchungs-Wattestäbchen gelangt sind.
  • 7. September 2011: Zwei Männer überfallen eine Sparkassenfiliale in Arnstadt und flüchten mit Fahrrädern.
  • 4. November 2011: Diesmal wird eine Sparkasse in Eisenach überfallen. Wieder flüchten die Täter mit Fahrrädern. Als die Polizei ein Wohnmobil aufmerksam wird, in dem sich die beiden Bankräuber versteckt haben, erschießen sich die Männer. Am Nachmittag explodiert ein Wohnhaus in Zwickau, das offenbar von den Sparkassenräubern gemeinsam mit einer Frau bewohnt wurde.
  • 7. November 2011: Das LKA teilt mit, dass in dem Wohnwagen nicht nur Teile der Beute aus den beiden Banküberfällen, sondern auch die Dienstpistolen der Heilbronner Polizisten gefunden wurden.
  • 8. November 2011: Beate Z. stellt sich in Begleitung ihres Anwalts der Jenaer Polizei. Gemeinsam mit den beiden toten Männern soll sie zu den 1998 wegen der Rohrbombenfunde in Jena gesuchten Verdächtigen gehört haben.

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