Jugendlicher Flüchtling aus Somalia stirbt nach Fenstersturz in Schmölln

Schmölln  Minderjähriger Flüchtling aus Somalia hat in Wohngruppe in Schmölln gelebt. Politiker und Betreuer sind betroffen wegen des Unglücks.

Das MBZ ist Träger der Wohngruppe, in der der junge Somalier gelebt hat. Foto: Cordula Fischer

Das MBZ ist Träger der Wohngruppe, in der der junge Somalier gelebt hat. Foto: Cordula Fischer

Foto: zgt

Sichtlich betroffen sind Vizelandrat Matthias Bergmann, Dirk Nowosatko, Leiter des Fachbereiches Soziales, Jugend und Gesundheit im Landratsamt, Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade (SPD) und David Hirsch, Geschäftsführer des MBZ (Meuselwitzer Bildungszentrum), als sie am Samstagmorgen eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz geben. Der Anlass macht klar, dass die richtigen Worte zu finden schwierig ist, dass eine frühe Information der Medien allerdings wichtig ist, auch wenn sie die Ergebnisse der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Gera abwarten müssten, sagt Matthias Bergmann. Danach entbrannte ein medialer Sturm, der nicht bestätigte Gerüchte hochkochte.

Am Freitagnachmittag kurz nach 15 Uhr sei ein 15-jähriger Junge aus Somalia – die Polizei spricht von einem 17-Jährigen –, der seit dem 25. April dieses Jahres in der MBZ-Wohngruppe in Schmölln lebt, aus einem Fenster im obersten Stock eines Hauses gesprungen und kurz darauf im Altenburger Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen, erklärt Bergmann. Im Einsatz waren Polizei, Rettungswagen, Notarzt sowie die Feuerwehr Schmölln mit 15 Einsatzkräften, die von Betreuern der Wohngruppe alarmiert worden waren.

Erst am Freitag aus Klinik entlassen

Der 15-Jährige habe des öfteren psychische Auffälligkeiten gezeigt, sagt Dirk Nowosatko. Deshalb sei er wiederholt in psychiatrischer Behandlung und etwa zwei Wochen von Ende August bis Anfang September in der geschlossenen Abteilung einer Klinik untergebracht gewesen. Auch eine Woche vor dem Unglücksfall sei er nach Auseinandersetzungen in der Wohngruppe, in der elf weitere Jugendliche leben, in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stadtroda aufgenommen und am Freitagmorgen wieder entlassen worden. Zu den Gründen sagt der Jugendamtsleiter, der Jugendliche habe aggressive Verhaltensweisen sich selbst, Einrichtungsgegenständen und den MBZ-Mitarbeitern gegenüber an den Tag gelegt. Der junge Somalier ist über die Sahara, Libyen und das Mittelmeer nach Europa und schließlich aus der Schweiz nach Deutschland gekommen. Eingereist sei er im März in Frankfurt.

Die MBZ-Mitarbeiter hätten den Jungen am Freitag gegen 13.30 Uhr aus der Klinik in Stadtroda abgeholt. Nichts habe darauf hingedeutet, dass er sich das Leben nehmen wolle, sagt MBZ Geschäftsführer David Hirsch. Als die Rettungskräfte am Freitag vor Ort eintrafen, habe der Junge auf dem Fensterbrett in 15 Metern Höhe gesessen, seine Beine hingen im Freien. Eine Anwohnerin, eine junge Frau und Mutter aus Syrien, berichtet, ihr sechsjähriger Sohn habe sie auf den Polizei- und Feuerwehreinsatz aufmerksam gemacht. Er habe das Geschehen aus dem Fenster der elterlichen Wohnung im Nachbarhaus beobachtet, habe geweint und gefragt: „Warum hat er das gemacht?“ Sie sei schockiert, sagt die Syrerin. 20 bis 30 Leute hätten unten gestanden und alles beobachtet, sagt sie.

Während in der Wohngruppe im obersten Stockwerk Notarzt und Betreuer versuchten, auf den Jungen einzuwirken und ihn zur Umkehr zu bewegen, hätten sich die Kameraden der Feuerwehr Schmölln, die innerhalb von sechs bis sieben Minuten am Einsatzort gewesen seien, draußen mit dem von acht Männern gehaltenen Sprungpolster oder Sprungretter und Drehleiter postiert. „Wir haben das in unserem Rahmen Mögliche getan“, sagt Wehrführer Mirko Kolz auf Nachfrage von OTZ-Schmöllner Nachrichten.

Aus der benachbarten Sporthalle hätten die Feuerwehrleute außerdem noch Matten geholt und diese auf dem Vordach an der Ladenpassage ausgelegt. „Ob das was genützt hätte, weiß ich nicht.“ Denn der Jugendliche habe angekündigt zu springen. Das bestätigen Matthias Bergmann, Dirk Nowosatko und David Hirsch. Als der Junge wirklich sprang, „konnten wir so schnell nicht reagieren“, sagt Kolz. „Er ist mit Schwung in die von uns entgegengesetzte Richtung gesprungen.“

Dass die vor dem Haus versammelten Schaulustigen – 20 bis 30 hätten dort gestanden, sagen Anwohner – den Jungen aus Somalia noch durch Zurufe aufgefordert hätten zu springen, konnten weder Landratsamt noch Wehrführer Kolz bestätigen. Allerdings habe eine Beteiligte angegeben, solche Aufforderungsrufe gehört zu haben. „Uns liegen dahingehende Informationen vor. Wenn es so gewesen sein sollte kann man so ein Verhalten nur verurteilen“, sagt Bürgermeister Schrade. Behindert hätten die Menschen die Einsatzkräfte auf jeden Fall nicht, so Kolz. Dies bestätigt die Polizei.

Ein Sprecher der Landeseinsatzzentrale der Polizei in Erfurt erklärte am Sonntag, es habe jemanden vor Ort gegeben, der das Geschehen gefilmt habe. Diese Person wurde von Polizeibeamten aufgefordert, dies zu unterlassen und das Video vor den Augen der Beamten zu löschen. Die Polizei habe nun die Ermittlungen intensiviert, um die Quelle des Bürgermeisters zu ermitteln. Bisheriger Erkenntnisstand: Es gebe eine „am Geschehen beteiligte Frau“, die „etwas gehört haben will, was so klang und was sie so interpretiert hat wie ,Spring doch‘.“

Dass den Bürgermeister, wie er am Samstagabend bei Facebook geschrieben hat, „leider auch Bildaufnahmen erreicht haben, die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren“, auch darüber ist bei der Polizei noch nichts bekannt. Zu den eventuellen Rufen schreibt Schrade: „Wenn dies der Fall gewesen sein sollte, ist das nicht tolerierbar. Es ist verachtenswert, ja unmenschlich.“

Rechtliche Schritte prüfen

Bergmann sagt, wenn es Bilder oder Videos gebe, werde es sich nicht verhindern lassen, dass diese im Internet oder in sozialen Netzwerken auftauchten. Das Jugendamt werde rechtliche Schritte prüfen, sollte dies der Fall sein.

Es sei ein schockierendes Erlebnis für die Kameraden der Feuerwehr gewesen, sagt Bürgermeister Sven Schrade. Es brauche Zeit, das zu verarbeiten. „Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann, dass jemand so tragisch zu Tode kommt“, sagt Jugendamtsleiter Nowosatko.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete, Volkmar Vogel, teilt am Sonntag mit: „Es ist eine menschliche Tragödie, wenn sich ein junger Mensch das Leben nimmt, egal ob er aus Somalia, Russland, aus Schmölln oder sonst wo aus der Welt kommt. Allen Helfern, die diese Tragödie verhindern wollten, gilt unsere Anerkennung und größte Hochachtung. Den sensationslüsternen Gaffern und den Krakeelern, die zur Selbsttötung aufgerufen haben sollen, muss die Verachtung und der Zorn aller treffen, für die die Würde des Menschen unantastbar ist. Falls es tatsächlich solche Reaktionen gab, müssten „solche Leute zur Verantwortung gezogen werden“.

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