NSU-Ausschuss befragte Eisenacher Zeugen

Erfurt  Im Landtag wird der 4. November 2011 in Stregda untersucht, der Tag, als die Nazi-Terroristen Mundlos und Bönhardt starben

Vier Jahre nach dem 4. November in Stregda interessieren den Untersuchungsausschuss Fotos, auf denen zu sehen ist, wie das Wohnmobil wieder geöffnet wird, um die Waffe zu bergen. Sie kritisieren, dass dabei ohne Handschuhe gearbeitet wird. Foto: Sascha Willms

Vier Jahre nach dem 4. November in Stregda interessieren den Untersuchungsausschuss Fotos, auf denen zu sehen ist, wie das Wohnmobil wieder geöffnet wird, um die Waffe zu bergen. Sie kritisieren, dass dabei ohne Handschuhe gearbeitet wird. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

„Petitionsausschuss?“, fragt ein junger Mann mit Brille, Jackett und einer Aktentasche unter dem Arm. Er hat die Tür zum Beratungsraum, die er gerade aufgerissen hat, noch in der Hand. Nina und ich schauen kurz verdutzt, sie kürzer, denn sie kennt sich hier aus. Der junge Politiker ist schon eine Etage zu weit oben. Hier an einem riesigen Holztisch-Geviert sitzen nur wir zwei.

Nina Franke ist Studentin der Staatswissenschaft in Erfurt und jobbt nebenbei in der Landtagsverwaltung. Hin und wieder darf sie den Rednern im Landtag das Wasser reichen, erzählt die dezent schwarz gekleidete junge Frau. Heute holt sie die Zeugen für den Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss im Foyer des Erfurter Landtags ab. Gelegentlich auch aus der Raucherecke, wo ich eine leichte Nervosität wegpuste.

Vom Beratungsraum aus geleitet sie mich in den Raum F 101, ein hoher Sitzungssaal mit einer Holzwand links und zwei großen Fensterflächen rechts und an der Stirnseite, vor denen sich elektrische Jalousien drehen, sobald die Sonne scheint. Heute ist es draußen grau in grau, ich nehme auf der Zeugenseite eines Karrees Platz, von dem aus ich in Richtung der Vorsitzenden, Dorothea Marx (SPD), blicke. „Drücken Sie auf den grünen Knopf, dann sind Sie auf Sendung“, sagte sie freundlich. Die Szenerie wirkt wie in einem Gerichtssaal.

Gerät die gängige Theorie ins Wanken?

Links sitzen Politiker der AfD und der CDU, vorne SPD, auf der rechten Seite Linke und Bündnis 90/Grüne, in den Reihen hinter mir Pressevertreter, Blogger und manchmal ein interessierter Bürger. Sie alle wollen wissen, was nach dem Bankraub am 4. November 2011 im Eisenacher Ortsteil Stregda wirklich passiert ist.

Uwe Mundlos soll hier seinen NSU-Komplizen Bönhardt erschossen, das Wohnmobil angezündet und sich dann selbst gerichtet haben. Gerät diese Theorie ins Wanken, steht vieles rund um den NSU-Komplex und die Rolle des Verfassungsschutzes in Frage.

Fakt scheint, am Tatort wurden Fehler gemacht, die die Ausschussmitglieder mühsam aus den Zeugen herausfragen. Für ihre Arbeit sind die Thüringer bundesweit angesehen, nicht überall scheint der Aufklärungswille so groß wie hier.

Auf ein Abschleppauto gezerrt und fort

Warum wurde ein ganzer Tatort schräg auf einen Abschlepper gezerrt, um ihn quer durch Eisenach in eine dunkle, kalte Halle zu schaffen? Ein Alptraum für jeden Spurensicherer, wie Zeugen der Gothaer Kriminalpolizei und der Tatortgruppe des Landeskriminalamtes mehr oder weniger deutlich einräumen. Warum steht in den Akten, noch in Stregda sei ein dreidimensionales Tatortfoto angefertigt worden, mit dem Spezialisten die Lage von Gegenständen und Leichen später genau hätten rekonstruieren können? Die sogenannte „Spheron“-Kamera aber wurde erst in der Halle des Abschleppunternehmens aufgebaut, so viel scheint sicher.

Warum trug der damalige Polizeiführer keine Handschuhe, als er das Wohnmobil in Stregda noch einmal öffnete?

„Wenn ich das so sehe, dann ist das tatsächlich ein Fehler“, sagt ein Mitglied der LKA-Tatortgruppe. Die und die Kriminalpolizei hatten zuvor beratend auf den Polizeiführer eingewirkt, vor Ort ein Zelt über dem Wohnmobil für die Tatortarbeit aufzubauen. Doch der Befehl lautete anders. Kompromiss war, noch in Stregda eine der voll aufmunitionierten Waffen zur Sicherheit aus der Nasszelle zu bergen. „Ich habe sofort gesehen, dass das eine Polizeiwaffe ist“, sagte ein Kripobeamter im Zeugenstand. Laut Ermittlern war es eine der Waffen vom Polizistenmord in Heilbronn.

Ein Eisenacher machte diese Fotos

Es ist der Moment auf dem Foto, das jetzt auf der Leinwand im Sitzungssaal zu sehen ist. Ich habe die Fotos gemacht und soll erläutern, wann sind sie entstanden sind, aus welchem Blickwinkel und wer darauf zu sehen ist.

Eigentlich war ich zu spät an jenem 4. November in Stregda, Planen waren schon über das Wohnmobil gezogen, der Fall schien gelaufen. Erst vier Jahre später sollen meine Fotos wieder interessant werden. Zum ersten Mal wollen Menschen exakt wissen, was darauf zu sehen ist. Zeit zu erläutern habe ich genug, denn der Landtagsmitarbeiter am Computer hat mit dem Vergrößern und Sortieren der Bilder so seine Probleme. Auch ein Job für die Studentin Nina, denke ich, als wieder ein grauer Pixelhaufen auf der Leinwand leuchtet.

Anderthalb Stunden dauert alleine meine Vernehmung. Die Tage sind lang hier, acht Stunden und mehr sind keine Seltenheit. Ich breche um 16.30 Uhr ab und fahre los. Auf dem Radio meldet die DPA: „NSU-Untersuchungsausschuss kritisiert Polizeieinsatz in Eisenach“.

Anmerkung: Sascha Willms war als Fotograf und Mitarbeiter unserer Zeitung an dem Tag, als die Nazi-Terroristen in Eisenach entdeckt wurden, am Fundort ihres Wohnmobils.

Sascha Willms war als Fotograf und Mitarbeiter unserer Zeitung an dem Tag, als die Nazi-Terroristen in Eisenach entdeckt wurden, am Fundort ihres Wohnmobils. Zuletzt in dieser Serie: 17. Oktober: Morgentrubel in der Jugendherberge 10. Oktober: Eisenachs Ausländerbehörde in Zeiten der vielen Flüchtlinge