Soko Peggy hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung

Bayreuth. Die Ermittler haben keine heiße Spur: Sie wollen mit Hilfe der Öffentlichkeit die Historie des Thüringer Waldstückes klären und haben 30.000 Euro für Hinweise ausgesetzt.

Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei durchkämmt am 4. Juli ein Waldgebiet bei Rodacherbrunn im Saale-Orla-Kreis. Später die traurige Gewissheit: Die Teile des Skeletts stammten von Peggy. Foto: Tino Zippel

Foto: zgt

„Wir wissen, dass es sehr lange her ist“, sagt Uwe Ebner. „Wir wollen aber nichts unversucht lassen, den Fall Peggy zu klären“, sagt der Chef der Kriminalpolizei in Bayreuth und bittet die Bevölkerung, Hinweise zum Fundort und mögliche Beobachtungen im Jahr 2001 mitzuteilen.

Ebner führt die Sonder­kommission mit 30 Ermittlern, darunter auch zwei aus Thüringen. Er lobt die Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizeiinspektion in Saalfeld, die gleich nach dem Fund der Leiche nahe Rodacherbrunn (Saale-Orla-Kreis) an den Vermisstenfall aus dem Nachbarbundesland dachte und deren Experten einbezog.

Die mit dem Fall vertrauten Ermittler fuhren zur Fundstelle, wo neben einigen Knochen auch eine Kinderarmbanduhr und ein Schuh entdeckt worden waren. – die Ermittler gehen davon aus, dass Waldtiere andere Knochen davongetragen haben.

Vom Schulranzen fehlt jede Spur

Hundertschaften durchkämmten das Waldgebiet und fanden auch weitere Knochen. Diese stammten aber nicht von Menschen, sondern von Tieren. Zwar entdeckten die Polizisten im Wald weitere Gegenstände, aber Kleidungsstücke von Peggy waren nicht darunter. Jede Spur fehlt auch vom Schulranzen der Marke McNeill, den das neunjährige Kind an jenem 7. Mai 2001, einem Montag, bei sich trug. Die Kräfte suchten auch die Ränder der Straße ab, die vom Fundort in Richtung Lichtenberg führt . Ebenfalls ohne den entscheidenden Treffer.

Die Kriminalpolizei hat nach eigenen Angaben noch keine genauen Aussagen zur Todesursache und zum Todeszeitpunkt erhalten. Nach Informationen unserer Zeitung entdeckten die Rechtsmediziner in Jena jedenfalls keine Schädelverletzungen.

Die Sonderkommission geht davon aus, dass die sterblichen Überreste von Peggy seit 15 Jahren in dem Waldstück nahe des Rennsteiges lag. Auf den Fundort konzentrieren sich die Fragen an die Öffentlichkeit, die Ebner formuliert: Wer hat im Jahr 2001 Personen oder Fahrzeuge im Bereich der Fundstelle wahrgenommen? Wem sind Personen bekannt, die Orts­bezüge dorthin haben? Wer hat sich 2001 in diesem Wald­gebiet zu sportlichen Aktivitäten, Spaziergängen oder als Pilzesammler aufgehalten?

„Wir versuchen auch, die Historie des betroffenen Waldgebietes aufzuhellen“, sagt Ebner. Wer die Örtlichkeit kennt und Angaben machen kann, ist genauso gefragt wie Waldarbeiter, die damals dort im Einsatz waren. „Vielleicht gewinnen beiläufige Beobachtungen von damals nun plötzlich Bedeutung“, sagt Ebner.

Der Fundort befindet sich nur wenige Meter von der Land­straße zwischen Rodacherbrunn und Nordhalben (Landkreis Kronach) entfernt. Etwa 1,5 Kilometer davon teilte einst der Eiserne Vorhang die beiden deutschen Staaten.

Unter Pilzfreunden gehört der Wald zu den beliebten Sammelplätzen – auch bei den Menschen aus Peggys Wohnort Lichtenberg. Das bestätigte eine Bewohnerin unserer Zeitung. Ein interessanter Fakt, denn Profiler gehen davon aus, dass Täter ihre Opfer in der Regel dort ablegen, wo sie sich auskennen.

„Es liegt nahe, dass der Täter gute Ortskenntnisse hatte, aber es ist auch möglich, dass es sich um einen völlig Fremden handelt“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel von der Staatsanwaltschaft Bayreuth. Sie ist seit der Wieder­aufnahme des Verfahrens gegen einen bereits wegen Mordes verurteilten, geistig behinderten Mann mit dem Fall betraut, den zuvor die Kollegen in Hof bearbeitet hatten. Der erneute Prozess mündete in einem Freispruch. Interessant im Rückblick: In der Psychiatrie sprach er davon, dass er mit einem Helfer bis Bad Lobenstein und dann nach links gefahren sei, um die Leiche abzulegen. Grob betrachtet, führt auch dieser Weg nach Rodacherbrunn.

Am Mittwoch berichtet Akten­zeichen XY im ZDF über den Fall. „Wir haben ein Hinweistelefon freigeschaltet, um jede weitere Chance der Aufklärung zu nutzen“, sagt Potzel. Wer anruft, landet bei den zuständigen Mitarbeitern der Sonderkommission, die auf den entscheidenden Hinweis hofft.

Als weitere Schritte neben der Öffentlichkeitsbeteiligung nennen die Ermittler die Untersuchung und Auswertung der gesicherten Spuren. Hierzu werden auch weitere Spezialisten und Gutachten beauftragt.

Theoretisch sei es möglich, auch nach den vielen Jahren noch Täter-DNA an den Fundstücken zu sichern, sagt Kriminaloberrat Ebner. „Die neuen Ermittlungsergebnisse gleichen wir mit den bestehenden polizeilichen Erkenntnissen zu dem Fall ab.“ Mit anderen Worten: Viel Detailarbeit steht an.

Telefonnummern für Hinweise im Fall Peggy: 0921/50 61 414

Das geschah rund um den 7. Mai 2001, als Peggy spurlos verschwand:

Der Kanzler kommt nach Gera und trifft sich mit dem Thüringer Parlament. Gerhard Schröder verspricht, den ICE nach Thüringen zu bringen. Im Schlepptau sind Fernsehteams. Sie berichten von Schröders Cousinen aus Eisenach, die der Kanzler das erste Mal trifft. Derweil versinkt die CDU im Spendensumpf. Während Helmut Kohl schweigt, tritt der Schatzmeister später zurück – und viele in Thüringen aus. Und die FDP will mit der „Strategie 18 Prozent“ unter ihrem neuen Parteichef Guido Westerwelle in den Wahlkampf ziehen.

In Thüringen wird indes Tino Brandt enttarnt. Der führende Rechtsextreme des Freistaats ist ein Spitzel des Verfassungsschusses. Die Affäre zieht weite Kreise. 200.000 DM soll der Rudolstädter kassiert haben. Brandt wird 2014 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Förderung von Prostitution zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Im oberfränkischen Lichtenberg, wo es am 7. Mai mittags um 7 Grad Celsius ist und immer wieder schauert, verschwindet Peggy für 15 Jahre.

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