Die Engel der Jugendlichen

Weimar  Jugendförderverein Weimar hat in diesem Jahr 47 Erst- und Wiederholungstäter im Arbeitsprojekt Holzwerkstatt betreut

Gerd Usung vom Jugendförderverein Weimar betreute auch dessen Auftritt in der Vereinshütte auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt.

Gerd Usung vom Jugendförderverein Weimar betreute auch dessen Auftritt in der Vereinshütte auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt.

Foto: Jugendförderverein

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Es ist für Gerd Usung keine Strafe, sondern stete Herausforderung: Der 63-Jährige hilft im Jugendförderverein Weimar mit Zuwendung, Zeit und Kraft straffällig gewordenen Jugendlichen durch eine schwierige Lebensphase.

Der gelernte Maler und Lackierer hat dafür ein sozialpädagogisches Arbeitsprojekt aufgebaut. Erfahrung brachte er aus seiner vorherigen Arbeit beim Verein Bewährungs- und Straffälligenhilfe Thüringen mit. Dessen „Schwitzen statt Sitzen“ hatte sich einen guten Ruf erarbeitet, wie bei Kirchensanierungen. Kontakte, die der ehrenamtliche Gemeindekirchenrat in Udestedt, Gerd Usung, teils über seine Verbindungen zu den Kreiskirchenämtern knüpfte.

Als für das Arbeitsprojekt und seinen Leiter die Förderzuwendungen nicht mehr reichten, war er nah am Ruhestand. Also suchte sich Gerd Usung eine ähnliche Aufgabe, nun im Ehrenamt. 2014 kam er nach Weimar. Dienstag und Mittwoch sind derzeit im Steinbrückenweg seine Einsatztage, teils auf Honorarbasis. Ehrenamtliches bleibt jedoch genug. „Wir sind hier ein tolles Team.“

Die Zuweisung in das Arbeitsprojekt erfolgt über das Jugendamt Weimar. Auch Jugendrichter Karl-Heinz Götz nutzt diese Einsatzstelle gern, wo Diplom-Sozialpädagogin Andrea Weißgerber schon 26 Jahre Vereinserfahrung einbringt. Sie ist quasi Gerd Usungs „Chefin“.

Wenn der Senior im ersten Gespräch den jungen Leuten gegenüber sitzt, erfährt er von Schwarzfahrten, Diebstahl, Beleidigung, auch Körperverletzung. Die Delinquenten kommen nicht nur aus bekannt schwierigen Familienverhältnissen. Auch Gymnasiasten sind dabei. Um dem schulischen Leistungsdruck und den Erwartungen der Eltern standzuhalten, griffen sie zur „Zauberdroge“ Chrystal. Doch sie zerstört. Am Ende stehen Beschaffungskriminalität, Lügen, Schulverweigerung. „7,50 Euro Bußgeld pro Fehlstunde“, sagt Gerd Usung. Kann der Jugendliche die Strafe nicht bezahlen, droht Arrest.

Oder: Sie arbeiten ihre Schulden unter sozialpädagogischer Betreuung ab. „Unser Arbeitsprojekt ist eine Holzwerkstatt“, sagt Handwerksmeister Usung. Holz sei gut geeignet als Werkstoff für Spielzeug, Insektenhotels, Vogelhäuschen, Puzzle. „Wir arbeiten zumeist mit Pappelholz. Es ist weich und leicht zu verarbeiten.“ Vielleicht ist es gar magisch? Wenn spröde Jungs plötzlich Freude daran haben, Engel zu fertigen – schon. Dass sie sich so der emotionsreichen Adventszeit nicht entziehen, ist für Gerd Usung ein erster Zugang. Auch wenn er den Verkauf der Holzprodukte etwa beim Herbstmarkt oder in der Vereinshütte auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt allein übernehmen muss. Öffentlich als Betroffene Gesicht zu zeigen, das wollen die Wenigsten. Anders ist das mit Geschenken für Nahestehende. Selbstgefertigtes macht stolz: Grundrisse zeichnen, aussägen, schleifen. Am Ende wird’s mit lebensmittelechter Farbe bunt. Ihre Engel helfen zudem anderen in Krisen: 35 Stück hat eine Pfarrerin für Kranken- und Trostbesuche bestellt; auf der Landesgartenschau, wo Usung als Gästebetreuer bei der Gläsernen Kirche mit ihr sprach.

Wichtig sind selbst die Arbeitspausen. Bei lockeren Tischgesprächen wächst Vertrauen. Zum Wohlfühlen tragen die Kuchenspenden der Bäckerei Fritsch aus Erfurt bei. Woche für Woche, seit über zwei Jahren, dankt Gerd Usung.

In der langen Zeit hat er von vielen Schicksalen erfahren. Zur Anteilnahme gehört da professionelle Distanz. Und er hat gelernt, sich nicht aufzuregen, wenn mal gebummelt wird. Dann telefoniert er geduldig, aber konsequent hinterher. Die jungen Leute sollen wissen, sie dürfen wieder kommen. Das nimmt den Druck. „Druck haben sie allein schon durch die gerichtliche Zeitvorgabe.“ 47 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren hat Gerd Usung in diesem Jahr betreut, 85 Prozent davon sind männlich. In Kleingruppen kommen sie gut ein halbes Jahr ins Projekt – und manche hat er nach einer längeren Pause nicht zum ersten Mal wieder gesehen. Enttäuscht? „Aufregen bringt nichts. Dann nutzen wir zusammen die neue Chance“, sagt er vertrauensvoll. Denn es gibt sie, die trotz Konflikten in der Jugend ihren Weg finden. Diese Hoffnung trägt über die Weihnachtszeit hinaus.

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