Domplatz 1: Prinz Michael-Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach

Erfurt. Der Prinz von Sachsen-Weimar diskutierte mit Lesern, was falsch läuft in der Kultur im Osten – und warum der Soli helfen könnte .

Michael-Benedikt Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach in der Bibliothek des Hotels Elephant in Weimar im Gespräch mit Dietmar Gummel und Heike Boulliardt (von links). Foto: Marco Kneise

Michael-Benedikt Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach in der Bibliothek des Hotels Elephant in Weimar im Gespräch mit Dietmar Gummel und Heike Boulliardt (von links). Foto: Marco Kneise

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Heike Bouillardt: Wie spricht man Sie eigentlich korrekt an?

Die Frage höre ich öfter und das ist auch legitim. Das bringt so ein eigenartiger Name einfach mit sich. Mein bürgerlich-rechtlicher Name ist Prinz von Sachsen-Weimar oder Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach. Das ist ähnlich lang wie Leutheusser-Schnarrenberger, klingt bloß etwas netter. Die korrekte Anrede in Kurzform ist Prinz Michael.

Was steht am Klingelschild?

SWE.

Dietmar Gummel: Wie sehen Sie Weimars Stadtbild? Es gibt Orte, denen fehlt die Ordnung. Das tut richtig weh.

Ja, es gibt Wunden. In einigen Kommunen ist es gelungen, durch eine schlüssige Gemeindeordnung etwas Stetiges in das Erscheinungsbild der Städte zu bringen. Ich will etwa die Schillerstraße benennen: Sie sehen dort Reklametafeln und Wühltische. Weimar verkauft sich für kleines Geld. Viel Billigreklame, nichts wirklich Wertiges. Nehmen Sie etwa Rothenburg ob der Tauber: Da sieht, so wurde mir gesagt, die Gemeindeordnung vor, dass außerhalb der Geschäfte keine Warentische oder Aufsteller stehen dürfen, und die Schilder einheitlich zu sein haben – selbst Mc Donald’s hatte sich dem zu unterwerfen. Das Ergebnis ist, dass Besucher und Bewohner einen völlig anderen Eindruck haben von der historischen Wertigkeit des Ortes, als es in Weimar der Fall ist.

Heike Bouillardt: An der Ruine gegenüber des Schillerhauses empörte sich eine Besucherin neulich: „Das passiert also mit unserem Soli!“

Apropos Solidaritätszuschlag: Was leider überhaupt nicht diskutiert wird, ist, den Solidaritätszuschlag für den Aufbau der Kulturinfrastruktur Ost zu verwenden. Es gibt bekanntlich ein großes Gefälle zwischen dem Geld, was hier für Museen zur Verfügung steht, und dem, was sich im Westen entwickeln darf, denn das Steueraufkommen Thüringens ist strukturell schwach. Ein Beispiel: Stuttgart, die reiche Daimler- und Bosch-Stadt, baut sich einen neuen Übungssaal für das Ballett: 60 Millionen, einfach so. Für den Ausbau des Museums in Karlsruhe: 60 Millionen. Wir haben im armen Weimar für das Schloss gerade einmal 40 Millionen von notwendigen 120 Millionen zugesagt bekommen – abzüglich 19 Prozent Mehrwertsteuer, also tatsächlich nur 32 Millionen. Aber die durften wir bislang nicht in Anspruch nehmen, weil die Auflagen sehr hoch sind und das Genehmigungsprozedere so engmaschig, dass sich das Thema leider nur schleppend bewegt. Wir hoffen jetzt, 2018 beginnen zu dürfen mit der Sanierung. Und dann reicht das Geld voraussichtlich gerade einmal für die Ertüchtigung eines Schlossflügels.

Ein Fall für den Kultur-Soli . . .

Man könnte sagen: Der Soli hat seine Funktion, die Infrastruktur Mitteldeutschlands sicherzustellen, erfüllt. Die Straßen sind weitestgehend in Ordnung, die Schienen gebaut, leider ein paar zu viele industrielle Ansiedelungsflächen und etwas überdimensionierte Kläranlagen, aber lassen Sie uns die Fehler der Vergangenheit vergessen. Den Soli abzuschaffen, geht eigentlich erst dann, wenn sich die Finanzkraft der neuen Bundesländer wenigstens der der alten in etwa angeglichen hat. Man wird das vielleicht nie voll erreichen, aber das Finanz-Delta auf dem Sektor Kultur kann und sollte geschlossen werden, denn das kulturelle Erbe Deutschlands ist eine gesamtdeutsche Verpflichtung – nicht nur, weil der Identität stiftende Teil unserer Geschichte in Mitteldeutschland geschrieben wurde. Schon ein Blick auf den beklagenswerten Zustand unseres Schlossmuseums und ein Vergleich mit den prachtvollen Museumsbauten in den alten Bundesländern zeigt das Dilemma.

Dietmar Gummel: Sagen Sie so etwas in den alten Bundesländern auch?

Im Westen macht man sich darüber keine Gedanken. Was glauben Sie, wie wenig Menschen Weimar kennen? Oder die Wartburg. Woran liegt das? Muss ich darauf warten, bis ich entdeckt werde oder ist es nicht meine Pflicht, auf das aufmerksam zu machen, was ich habe und was mir fehlt? Dazu kommt, dass für mein Dafürhalten die Schätze Thüringens nicht ausreichend beworben werden. Marketing ist die Achillesferse Thüringens. Da ließe sich noch einiges verbessern.

Heike Bouillardt: Muss man historisches Erbe immer bewahren oder kann man auch dafür streiten, dass jede Zeit Jahresringe hinterlassen darf?

Ein Beispiel: Frankfurt ist sicher kein Ort für Nostalgiker – und dennoch: Dort ist die Alte Oper wieder so errichtet worden, wie sie einmal war. Jetzt wird der Römer wieder historisierend rekonstruiert. Oder nehmen Sie das Stadtschloss in Berlin: Warum stellt man da wohl nicht etwas völlig anderes hin? Die Frage ist doch: Hat der Souverän, das Volk, das Sagen oder dient Architektur der Selbstverwirklichung von wenigen? Wenn ich mir anschaue, wie Architektur heute leider wenig Fantastisches, dafür oft Schreckliches produziert, häufig schmerzlich Banales, und ausrechne, was mich die Beseitigung dieser Banalitäten in Zukunft kosten wird – vieles wird die nächsten 30 Jahre gar nicht überleben –, dann ist eben die Frage, ob es nicht legitim ist, Geschichte eine Projektionsfläche zu erlauben. Wenn Bürger das Gefühl haben, historische Zitate gehören zu ihrer Identität, bin ich nicht der Meinung, dass man das Stadtbild gegen die Bürger auf Biegen und Brechen mit architektoraler „zeitgenössischer” Mittelmäßigkeit vergewaltigen muss.

Es gibt keine Neubauten in Weimar, die Sie überzeugen?

Ich hätte kein Problem, wenn etwa Chipperfield den Innenhof des Schlosses überdachen würde, ganz im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass der Innenhof ein so wichtiger Raum ist, dass wir ihn nicht nur als Laufzone benutzen sollten, sondern als Anlaufstelle und – wie die Nabe im Rad – ausbauen sollten. So lange wir die Überdachung nicht fest verbinden mit dem Schoss, sondern sie auf Säulen stellen, sollte es von Denkmalschutzes wegen nichts dagegen einzuwenden geben. Ich finde es spannend, wenn die elitäre Moderne in einen direkten Dialog mit der elitären Klassik eintritt.

Heike Bouillardt: Von Weimar ist so viel ausgegangen. Fehlen heute die Impulse ?

Ich würde es andersherum formulieren: Weimar war ein Magnet. Ideen wurden hier hineingezogen, verändert, veredelt und gingen wieder hinaus. Dieser Magnetismus fehlt heute, aber er fehlt nicht gottgewollt. Wenn Weimar aus seinem Dornröschenschlaf erwachen und seine Geschichte als Vermögenswert ins Schaufenster der Welt legen würde, brächte das nicht nur einen echten weichen Standortvorteil, sondern es würde auch Menschen aus der ganzen Welt magnetisch anziehen. Die Kulturpolitik, auch des Bundes, muss Weimar wieder wachküssen. Geschichte ist aber auch ein kommunaler Vermögenswert, der Gewerbe- und Einkommenssteuer-Einnahmen schafft. Wir müssen Politik und Bevölkerung immer wieder darauf hinweisen, dass es – wenn wir die Stadt auf ein internationales Plateau heben wollen –, nicht nur für die Stadt, sondern für jeden einzelnen Bürger Vorteile mit sich bringt.

Dietmar Gummel: Um so etwas durchzusetzen, braucht es aber einen Einzelkämpfer mit einer Vision, oder?

Ich habe da eine etwas spöttische Aussage: Was haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg an Errungenschaften geschaffen? Im Westen hatten wir den Mittelstand als Motor des Wirtschaftswachstums – und die Mittelmäßigkeit als Staatsdoktrin. Und das ist unser Problem. Das Wort Elite war ein Schimpfwort. Jetzt haben wir plötzlich Elite-Programme für Universitäten. Warum haben wir nicht auch Elite-Programme für Museen? Warum stellen wir sie nicht in einen konstruktiven Wettbewerb zueinander und fördern dasjenige Museum, welches aus seinen Beständen die interessantesten Zukunftsperspektiven anbietet, mit zusätzlichen Zuwendungen? Wir brauchen keine Einzelkämpfer, denn diese scheitern meistens. Wir brauchen den Willen und die Bereitschaft aller, Elitäres als Wert zu akzeptieren und zu fördern.

Heike Bouillardt: Erwarten Sie sich vom nächsten Ernestiner-Jahr etwas?

Warum die Bezeichnung Ernestiner-Jahr? Die Ernestiner waren ja kein eigenständiges Geschlecht. Sie verstanden sich, wie ihr gemeinsames Wappen und ihr gemeinsamer Name Herzog zu Sachsen beweist, stets als Wettiner. Richtig wäre zu sagen: „Die Wettiner in Thüringen: Die Ernestiner.“ Der Name Ernestiner sagt selbst in Thüringen kaum jemandem etwas. Das nächste Problem sehe ich in dem Signet, unter dem die Ausstellungen vermarktet werden sollen: eine ockerfarbene Sichel mit einer Art Angelhaken oben und unten und in der Mitte – wie bei einem E – ist so ein kleiner, kreuzförmiger Stummel. Das ist kaum nachvollziehbar und hat mit den Thüringer Wettinern absolut nichts zutun.

Und die Ausstellung?

Findet in Gotha und in Weimar statt. Die sogenannten Ernestiner regierten aber auch in Meiningen und Altenburg. Weswegen werden diese wichtigen historischen Bezüge ausgeblendet? Zunächst war vorgesehen, eine zentrale Eröffnungsfeier in Erfurt abzuhalten, um weder Weimar, noch Gotha den Vorzug zu geben. Gott sei Dank ist das vom Tisch. Am Samstag, 23. April 2016, wird in Weimar eröffnet, am Sonntag in Gotha. Das halte ich für eine praktikable Lösung.

Heike Bouillardt: Cranach findet auch an drei Orten statt . . .

Ja, das ist nicht optimal. Dreimal Cranach auf engstem Thüringer Raum: Was hätte näher gelegen, als das zusammenzuführen, was zusammen gehört und eine Gesamtschau von internationaler Ausstrahlung zu schaffen? Die Besucher wären vielleicht sogar aus New York gekommen: Cranach in Thüringen in einer so noch nie dagewesene Gesamtschau! Und so haben wir Cranach an drei Orten, die jeder für sich genommen durchaus beeindruckend sind, aber eben nicht Cranach so würdigen, wie dies möglich gewesen wäre.

Heike Bouillardt: Wenn Sie sich irgendwann einmal zurückziehen, wird Ihre Tochter dann Ihre Rolle einnehmen?

Sie wird meine Nachfolgerin, das ist in den Stiftungsverträgen festgelegt und mein Wunsch. Aber sie ist in Berlin erfolgreich berufstätig und ihr Beruf macht ihr unendliche Freude. Ich habe ihr die Gretchenfrage gestellt: Willst Du in Weimar und auf der Wartburg Verantwortung übernehmen oder sieht dein Lebensentwurf anderes vor? Sie hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie das Herzblut, ohne das man einer solchen Aufgabe nicht gerecht werden kann, zu investieren bereit ist. Sie sieht sich im Positiven in der Pflicht, aber sie sagt: Lass mir noch etwas Zeit. Das akzeptiere ich. Notiert von Lavinia Meier-Ewert

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