Einschätzung der Orkanfolgen: Zwischen Großlage und Krise

Erfurt/Weimar/Jena/Gotha/Eichsfeld/Gera/Mühlhausen  Während in Thüringen zumeist ehrenamtliche Einsatzkräfte über Stunden gegen die Orkanfolgen kämpfen beginnt ein politischer Zwist über die Einschätzung der Lage.

Das Dach der Gemeinschaftsschule Greußen gibt es seit vier Tagen nicht mehr. Orkan „Friederike“ hatte es am vergangenen Donnerstag heruntergeweht. Mitarbeiter des Landkreises beseitigten am Tag darauf die Schäden.

Das Dach der Gemeinschaftsschule Greußen gibt es seit vier Tagen nicht mehr. Orkan „Friederike“ hatte es am vergangenen Donnerstag heruntergeweht. Mitarbeiter des Landkreises beseitigten am Tag darauf die Schäden.

Foto: Timo Götz

Die Mitteilung wirkt, als solle verhindert werden, dass es noch schlimmer kommt. Aber da ist es eigentlich schon zu spät: Gegen 16 Uhr verbreitet das Bildungsministerium am vergangenen Donnerstag die Nachricht, dass Schulen geschlossen wurden und eine Heimfahrt der Kin der mit dem Bus oder durch Abholen organisiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt wütet Orkantief „Friederike“ längst über vielen Orten Thüringen.

Die Frage drängt sich auf: Ist das Orkantief unterschätzt worden? Ein Thread (Nachrichtenverlauf) auf dem Nachrichtendienst „Twitter“ auf der Seite des Thüringer Bildungsministeriums legt zumindest nahe, dass im Hause von Bildungsminister Helmut Holter (Linke) Nachholbedarf bei Planung und Organisation sowie Krisenmanagement gesehen wird. Als Reaktion auf die Mitteilung, dass die Schulen geschlossen wurden, schreibt ein User, dass die Nachricht einen Tag vorher sinnvoll gewesen wäre. Dann meldet sich der bekannte Meteorologe Jörg Kachelmann mit dem Verweis auf seine Wettervorhersage vom Vortag zu Wort. Darin wurden viele der drohenden Gefahren bereits beschrieben. Die Reaktion des Bildungsministeriums darauf lässt nicht lange auf sich warten – und spiegelt so etwas wie Selbstkritik wider: „Die Verantwortlichen vor Ort haben richtig reagiert und auch informiert. Trotzdem ist Ihr Hinweis richtig. Wir werden das auswerten und daraus lernen.“ Heißt übersetzt: Im Zuge zu ergreifender Maßnahmen ist offenbar einiges schief gegangen. Dazu passen wiederum Meldungen, in denen Mütter und Väter davon berichten, sie seien zur Schule gerufen worden, während der Sturm tobte.

Für CDU-Innenpolitiker Raymond Walk passen die Meldungen zu mangelndem Krisenmanagement ins Bild. Er kritisiert, dass die Stabsstelle Krisenmanagement, in der alle Ressorts der Landesregierung verbunden seien, nicht zusammengekommen sei, sondern nur in Bereitschaft versetzt wurde. Das könne, sagt er, „nicht Ernst gemeint sein, wenn landauf landab tausende Kräfte im Einsatz seien“. Diese, das will Walk unmissverständlich deutlich machen, haben jede für sich überragende Arbeit geleistet. Ihnen sei in aller Form zu danken. Darüber waren sich wenige Stunden nach dem Orkantief alle einig. Gelobt wurden die zumeist ehrenamtlichen Feuerwehrleute bei fast allen Einsätzen. Zum Beispiel in Gerstungen, wo sie etwa 100 gestrandete Bahnreisende mit warmen und kalten Getränken versorgten. Dass der ICE dort zwangsevakuiert werden musste, sei nicht absehbar gewesen. Dass den Bahnreisenden überhaupt geholfen wurde, war der unbürokratischen Hilfe vor Ort zu verdanken, berichten Augenzeugen dieser Zeitung.

Aus Sicht von Raymond Walk zeigt dieser Fall, auch wenn in Gerstungen alles gut gegangen sei, dass eine gebündelte Koordination von der Landesseite den betroffenen Kommunen hätte weiterhelfen können.

Ministeriumssprecher: Ende war absehbar

Im zuständigen Innenministerium sieht man indes auch vier Tage nach dem Orkantief „Friederike“ (noch?) keinen Grund, in Frage zu stellen, wie gehandelt wurde. Eine Krise habe es nicht gegeben, sagt ein Ministeriumssprecher. Das Ende der Auswirkungen von „Friederike“ sei absehbar gewesen. Er verweist auf die Kernzeit zwischen 13 Uhr und 18 Uhr. In der Tat hatte zum Beispiel die Thüringer Polizei in diesem Zeitraum die meisten Anrufe zu verzeichnen. Der Sprecher verweist darauf, dass es eine Bereitschaft für die Mitglieder der Stabsstelle gegeben habe, Staatssekretär Udo Götze (SPD) aber entschieden habe, sie nicht einzuberufen.

Was die „Stabsstelle Krisenmanagement“, deren Arbeit Unionspolitiker Walk einfordert, genau ist, dass beschreibt das Innenministerium in einer Antwort auf eine „Kleine Anfrage“ der Thüringer CDU aus dem vergangenen Jahr. Darin heißt es zum Beispiel zu den Aufgaben sehr klar: „Gewährleistung der Handlungsfähigkeit des Krisenmanagements.“ Walk macht deutlich: „Wir leisten uns diese Stabsstelle mit mehreren Dienstposten. Dann muss sie auch in solchen Fällen arbeiten.“ Konkret bedeutet das, dass die „Stabsstelle Krisenmanagement“ über zwei höhere, einen gehobenen und einen mittleren Dienstposten verfügt.

Allerdings gehen die Meinungen darüber, ob die Situation am vergangenen Donnerstag als Krise einzustufen gewesen sei, auseinander. Im Innenministerium verweist der Sprecher von Innenminister Georg Maier (SPD), als das Wort darauf im Gespräch kommt, auch darauf, dass es wohl in den Landkreisen und kreisfreien Städten nach Informationen des Ministeriums keine Krisenstäbe gegeben habe, die zusammengetreten seien.

Schwierige Funk-Kommunikation

Dabei hatte man in manchem Landkreis durchaus seine liebe Not mit dem hohen Einsatzaufkommen. In Nordthüringen haben mehrere Feuerwehren während des Sturms versucht, die Bewohner ihres Zuständigkeitsbereiches darüber zu informieren, dass der Notruf im Landkreis Eichsfeld zeitweise nicht funktionierte – dafür nutzten sie ihre Facebook-Seiten und gaben die direkten Telefonnummern der Feuerwachen an.

Aufgrund des Einsatzaufkommens kam auch der Funkverkehr nach Informationen in weiten Teilen des Landes an seine Grenzen – phasenweise wurden so viele Einsatzkräfte zeitgleich alarmiert, dass kaum mehr eine Verständigung möglich gewesen ist.

Die Schäden, die „Friederike“ verursacht hat, gehen nach ersten Schätzungen bundesweit indes in die Milliarden.

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