Ärzte, Apotheker und AOK wollen mehr Sicherheit trotz Pillencocktails

Patienten mit mehreren Krankheiten in Thüringen und Sachsen sollen vor unerwünschten Wirkungen unbeabsichtigter Medikamentenkombinationen geschützt werden. Ab der nächsten Woche können ihre Ärzte und Apotheker sich für einen Modellversuch mit Namen "Armin" (Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen) einschreiben.

Eine Apothekerin nimmt in einer Apotheke ein Medikament aus dem Regal. Apotheker und Ärzte in Thüringen und Sachsen können sich an einem Pilotprojekt zur Erhöhung der Medikamentensicherheit beteiligen. Archivfoto: Caroline Seidel

Eine Apothekerin nimmt in einer Apotheke ein Medikament aus dem Regal. Apotheker und Ärzte in Thüringen und Sachsen können sich an einem Pilotprojekt zur Erhöhung der Medikamentensicherheit beteiligen. Archivfoto: Caroline Seidel

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In der ersten Stufe dieses Modellversuchs, den die Krankenkasse AOK Plus mit den Apothekerverbänden und Kassenärztlichen Verbänden der beiden ostdeutschen Länder verabredet hat, werden die teilnehmenden Ärzte nur noch Wirkstoffe, statt exakt bestimmte Präparate verschreiben.

Stefan Fink, Vorsitzender des Apothekerverbandes Thüringens aus Weimar, verweist auf eine weitere Stufe des Pilotprojektes. Arzt und Apotheker überprüfen gemeinsam den Medikationsplan von Patienten. Von den 2,7 Millionen Versicherten bei der AOK Plus in beiden Ländern nehmen mehr als dreihunderttausend über fünf Arzneimittel parallel ein. Die Hälfte davon liegt mindestens einmal in Jahr im Krankenhaus.

In den Patientengesprächen wird überprüft, ob sich alle Medikamente miteinander vertragen oder sich nicht gegenseitig neutralisieren. Oft wissen Mediziner und Apotheker nichts darüber, welche Mittel der Patient noch in der Drogerie oder im Supermarkt zusätzlich erwirbt. Ein individueller Medikationsplan soll erarbeitet werden.

Computergestützt werden die Apotheker die infrage kommenden Medikamente auswählen, wobei, wie jetzt auch, das rabattgestützte Mittel bevorzugt wird, wenn es den Wirkstoffanforderungen entspricht.

Da immer neue Medikamente auf den Markt kommen und sich auch die Rabattverträge ständig ändern, wird dieser Plan permanent aktualisiert.

Für den Modellversuch geht die beteiligte Krankenkasse erst einmal in Vorleistung. Für die Umstellung des IT-Systems bei Ärzten und Apothekern stehen im ersten Quartal 1500 Euro pro Praxis und Apotheke bereit. Diese Summe verringert sich bei späterer Teilnahme. Auch die Kosten der Erstellung der Wirkstoffkataloge werden von der AOK Plus getragen.

Die Krankenkasse hofft, die Auslagen über verschiedene andere Quellen zu refinanzieren. So werden sicherlich durch die Medikamentationspläne Doppelverschreibungen von Wirkstoffen spürbar reduziert. Aber im Wesentlichen sollen etwa die zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen deutlich zurückgefahren werden, die ihre Ursache in Fehlmedikamentierungen durch die Patienten haben.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) konnte gestern nur verspätet am Start des Pilotprojektes teilnehmen. Ein Wäschereilaster hatte nach einem Unfall mit seinen grünen Säcken die Autobahn blockiert. Sie zeigte sich gegenüber unserer Zeitung optimistisch über den Testlauf. Doch auf Länderebene werde sie keine Werbung für das Pilotprojekt betreiben. Nur der Erfolg sei die nötige Werbung für "Armin". In verschiedenen Ländern wird das Projekt von den Vereinigungen der Hausärzte abgelehnt.

Momentan beschränkt sich der Test auf 250 Wirkstoffe. Vorerst ist der Probelauf auf acht Therapiegebiete von "Volkskrankheiten" wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Depression und Demenz beschränkt. Mit Beginn des neuen Jahres werden vier Krankheitsfelder dazukommen. Medikamente, die auf die Haut aufgetragen oder in Auge und Ohr angewendet werden, wirkstoffhaltige Pflaster sowie Inhalationsmittel und Stoffe, die gespritzt werden, wie etwa Insulin, fanden keine Aufnahme in die Wirkstoffverordnung.

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