Ärzte sollen nur noch Wirkstoffe verschreiben - statt Medikamenten

Erfurt. Thüringen ändert gemeinsam mit Sachsen die Verschreibung und Vergabe von Medikamenten. Im Rahmen des Pilotprojektes " Arzneimittelinitiative", kurz Armin , sollen Ärzte in beiden Bundesländern zunächst versuchsweise nur noch Wirkstoffe anhand eines Medikamentenkataloges verordnen. Über das Medikament entscheidet dann der Apotheker.

Mit dem Pilotprojekt "Armin" sollen auf Rezepten von Thüringer Ärzten nur noch Wirkstoffe stehen. Archivfoto

Mit dem Pilotprojekt "Armin" sollen auf Rezepten von Thüringer Ärzten nur noch Wirkstoffe stehen. Archivfoto

Foto: zgt

Nachdem das Projekt mehrfach wegen Umsetzungsschwierigkeiten und Widerständen der Ärzte verschoben wurde, soll es nun Ende März starten.

Ziel von Armin sei eine Verbesserung der Versorgung vor allem chronisch kranker Patienten, sagte die 1. Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT), Annette Rommel, unserer Zeitung. Rommel sieht einen Mehrwert: Ärzte müssten Überschreitungen ihres Arzneimittelbudgets nicht mehr in Form von Regressleistungen aus eigener Tasche bezahlen. Außerdem würde die Beratungskompetenz der Apotheken gestärkt und die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Ärztepraxen verbessert.

Rommel widersprach dem Eindruck, dass mit Armin der "Pillenkrieg" zwischen Ärzten und Apothekern zugunsten Letzterer entschieden werde. "Der Apotheker ist an die Herausgabe bestimmter Rabattarzneimittel gebunden. Die Therapiehoheit und -freiheit liegt in der Entscheidung des Arztes", sagte die KV-Vorsitzende.

Thüringer Ärztevertreter kritisierten gestern, dass an Armin bisher neben Apothekerverbände und KV nur die Krankenkasse AOK Plus beteiligt ist. "Ursprünglich sollten alle Krankenkassen mitmachen. Nur mit der AOK bleiben die Regresserleichterungen überschaubar", sagte der Chef des Thüringer Hausärzteverbandes, Ulf Zitterbart.

Nach Meinung von Zitterbart muss die Teilnahme an Armin für die Ärzte freiwillig sein, außerdem dürfe deren Therapiehoheit nicht infrage stehen.

Details der Vereinbarung kennt weder der Hausärzteverband noch die Thüringer Landdesärztekammer. Deren Sprecherin, Ulrike Schramm-Häder, verwies gestern auf die Zuständigkeit der beteiligten KVs.

Stefan Fink, Vorsitzender des Apothekerverbandes Thüringens und Inhaber einer Apotheke in Weimar, nannte Armin einen "Knaller". "Da für den Patienten die gesamte Medikation zusammengestellt und in Boxen vorbereitet wird, sinkt das Risiko unerwünschter Arzneimittelfolgen, die oft in einem Klinikaufenthalt münden", sagte Fink.

Langfristig sollen mit Armin die Arzneimittelausgaben gesenkt werden. Auf die Frage, ob Patienten damit künftig statt des besten nur noch das billigste Präparat bekämen, antwortet Claudia Stumpe von der KV Sachsen: "Eine Unterscheidung in gute und billige Medikamente gibt es aus unserer Sicht nicht. Durch Armin wird der Patient nicht entmündigt. Im Gegenteil sollen Patienten im Medikationsmanagement durch die Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker besonders intensiv betreut werden."

Thüringens Sozialministerin Heike Taubert erwartet von dem Konzept positive Wirkungen für die medizinische Betreuung der Bürger.

Kommentiert von Hanno Müller

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