Thüringer Ärzte bleiben länger im Dienst

Erfurt  Fast jeder achte Thüringer Hausarzt ist älter als 65 Jahre. Landesweit praktizieren rund 20 Niedergelassene mit über 80.

Viele Ärzte machen über das Ruhestandsalter hinaus weiter, um ihren Selbstwert zu erhalten.

Viele Ärzte machen über das Ruhestandsalter hinaus weiter, um ihren Selbstwert zu erhalten.

Foto: Frank Hormann

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In einer Thüringer Klinik wird ein knapp 80-Jähriger zum Chefarzt berufen. Anderswo behandelt eine niedergelassene Medizinerin noch mit über 80 Jahren Patienten. Was nach Ausnahmen klingt, ist in Thüringer Arztpraxen keine Seltenheit. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) ist jeder zehnte Arzt oder Psychotherapeut über 65 Jahre alt. Bei der Gruppe der Hausärzte sind es mit 13 Prozent sogar noch mehr. Über 70 Jahre sind 170 Haus- und Fachärzte, mit über 80 praktizieren derzeit in Thüringen noch 20 Niedergelassene (Stand Juli).

Bei der Ärztevertretung verweist man darauf, dass es in der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Tätigkeit aufgrund der Freiberuflichkeit kein offizielles Rentenalter gibt. Das gelte auch für angestellte Ärzte. „Deshalb ziehen wir auch keine Grenze bei 67 Jahren. Zur Motivation, auch in höherem Alter weiter zu praktizieren, hören wir von vielen Kollegen, dass sie das nicht tun, weil sie müssen, sondern weil sie es wollen“, sagt KV-Sprecher Veit Malolepsy. Viele der in Thüringen noch tätigen älteren Vertragsärzte praktizierten in Familienpraxen, die inzwischen von den „Kindern“ geführt würden oder arbeiteten angestellt. Ein Großteil nutze zudem Teilzeitmodelle. Das Durchschnittsalter der Ärzte stieg hierzulande auf über 54 Jahre, bei der Gruppe der ärztlichen Psychotherapeuten sind es fast 59 Jahre.

Bundesweit liegt Thüringen damit im Trend. Wie die Ärztezeitung unter Berufung auf Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) berichtet, hat sich allein unter Hausärzten der Anteil der über 65-jährigen seit 2007 bundesweit verdreifacht von rund 5 Prozent auf 15 Prozent.

Arbeiten, obwohl sie nicht arbeiten müssten

Betroffen vom steigenden Altersdurchschnitt sind auch Chirurgen. Auf seiner Homepage veröffentlichte deren Bundesverband BDC die Ergebnisse einer Umfrage unter mehr als 1400 Niedergelassenen, Klinikärzten und MVZ-Mitarbeitern verschiedener Altersgruppen – Motto: „Silver Worker 2018: Generation ,Active Retiremen‘ (Aktiver Ruhestand)“. Laut BDC war es die erste Umfrage mit deutschen Ärzten über drei Generationen zum Thema.

„Es ist ein drastischer Anstieg von Silver Workern zu beobachten, die arbeiten, obwohl sie nicht arbeiten müssten“, berichten die Umfrageverantwortlichen. Bei Akademikern liege die Motivation häufig nicht in der Altersarmut, die Mehrheit arbeite gerne. So gaben die Befragten an, dass sie weitermachen, um ihren Selbstwert zu erhalten (77 Prozent) und um Wertschätzung zu haben (74 Prozent). Weitere Gründe liegen in der Angst, nichts zu tun zu haben (59 Prozent) und im Gefühl, gebraucht zu werden (73 Prozent).

Die Kehrseite der Medaille seien Konflikte mit jüngeren Kollegen. Mehr als ein Drittel der Befragten bis 54 Jahre gab an, dass sie sich durch ältere Ärzte in ihren Aufstiegschancen behindert sehen.

Viele wollen früher aufhören

  • Einer wachsenden Zahl älterer Ärzte stehen viele gegenüber, die den Beruf vorzeitig aufgeben möchten. Bei einer aktuellen Umfrage des Ärztenachrichtendienstes (Änd), unter 2000 Medizinern, über die mehrere Fachmedien berichten, hätten zwei Drittel (67 Prozent) angegeben, früher als geplant in den Ruhestand gehen zu wollen. Als Gründe würden zu viel Bürokratie und Eingriffe durch die Politik genannt. Fest entschlossen, den Kassensitz vor dem 65. Lebenjahr zu verlassen, seien 39 Prozent. Nach Meinung von Kommentatoren würde die Zahl noch höher ausfallen, wenn keine Praxiskredite abzubezahlen wären. Vier von zehn Ärzten hätten in der Änd-Umfrage angegeben, sie sähen sich gezwungen, aufgrund offener Raten in beträchtlicher Höhe länger als gewünscht in der Praxis bleiben zu müssen.
  • Jan Scholz, Chefredakteur des Portals, spricht von alarmierenden Zahlen und sieht gravierende Folgen für die medizinische Versorgung.

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