Dirk Rühling: „Da rutschen uns etliche Kinder durch“

Weimar.  Die Interessen der Kinder und Jugendlichen werden bei den Entscheidungen in der Corona-Krise noch nicht genug berücksichtigt, beklagt der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte.

Dirk Rühling – hier bei der Untersuchung einer kleinen Patientin – ist Kinderarzt in Weimar und Sprecher des Thüringer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Dirk Rühling – hier bei der Untersuchung einer kleinen Patientin – ist Kinderarzt in Weimar und Sprecher des Thüringer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Foto: Michael Grübner

Der Sprecher des Thüringer Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) appelliert an die Politik, bei allen weiteren Entscheidungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise noch mehr Augenmerk auf die Kinder und Jugendlichen zu richten. Alle bisherigen Regelungen seien vor allem aus der Perspektive von Erwachsenen getroffen worden, sagt Dirk Rühling, der selbst als Kinderarzt in Weimar arbeitet. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen seien dadurch massiv eingeschränkt worden – aber nicht zum eigenen Schutz, sondern zum Schutz anderer. Rühling verweist auf eine Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, in der es unter anderem heißt, dass sich Entscheidungen „nicht ausschließlich an einer hygienischen und epidemiologischen Risikominimierung für Erwachsene orientieren“ sollten. Sie müssten auch darauf ausgerichtet sein, langfristig Schaden von Kindern und Jugendlichen abzuwenden.

„Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Friseure wieder öffnen dürfen, Frühförderstellen aber nicht“, sagt der Kinderarzt. Denn natürlich benötigten Kinder, die behindert oder von Behinderung bedroht seien und jetzt seit Wochen allein von ihren Eltern betreut werden, auch in der Corona-Krise die von den Frühförderstellen angebotenen medizinisch-therapeutischen Hilfen.

Lage in den Familien zunehmend angespannt

Überhaupt sei nicht verständlich, warum dringend benötigte Hilfsangebote für Kinder und Familien wegen der Pandemie womöglich für Monate wegfielen: „Denn wenn irgendwo Infektionsketten nachvollziehbar sind, dann doch in diesem Bereich. Da ist klar, wer mit wem Kontakt hatte, da haben die Familien ein sehr überschaubares Umfeld.“

Doch Rühling und seine Kollegen sorgen sich auch um Kinder, die bislang schon Schwierigkeiten mit dem Lernen hatten und nun erst recht Mühe haben werden, den Anschluss zu halten: „Man wird einen Regelschüler, der vorher schon keine Hausaufgaben gemacht hat, auch nicht per E-Mail dazu bringen, sie zu erledigen. Nur kommt jetzt noch hinzu, dass diese Kinder auch nicht zum Unterricht gehen.“ Die Auswirkungen wolle er sich gar nicht ausmalen. Denn jeder wisse, dass man für jeden versäumten Schultag doppelte Anstrengungen unternehmen müsse, um den Stoff nachzuholen.

Kritisch sehen die Kinder- und Jugendärzte Rühling zufolge auch die Betreuungssituation: Die Lage sei nicht nur in den Familien zunehmend angespannt, in denen Eltern im Homeoffice arbeiten und parallel Kinder betreuen müssten, sondern auch bei Berufstätigen, die nicht von zu Hause aus arbeiten könnten. Rühling führt aus der eigenen Praxis das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter mit Kindern im Alter von 9, 11 und 14 Jahren an: Wenn die Mutter zur Arbeit müsse, blieben die Kinder sich zuhause selbst überlassen: „Das ist der Wahnsinn.“

Kindergärten, Schulen und Vereine können Aufgabe derzeit nicht erfüllen

Äußerst problematisch aus ärztlicher Sicht sei die Situation auch für Kinder aus Migrantenfamilien, die nicht zuletzt wegen der Sprachbarrieren von ihren Eltern meist keine Unterstützung bei den Schularbeiten erwarten könnten – und oft auch über Wochen mit kaum jemandem Deutsch sprächen. „Da rutschen“, befürchtet der Kinderarzt, „uns etliche Gruppen durch“.

Erst recht gelte das für Familien, in denen Kinder Gewalt erleben müssen oder die Eltern psychisch oder suchtkrank sind. Denn Kindergärten, Schulen und Vereine, denen eine wichtige Auffangfunktion zukäme, könnten diese derzeit nicht erfüllen. Wie durch den Lockdown auch „auf alles auf den Kopf gestellt wird, was wir Ärzte den Eltern bisher zum altersgemäßen Konsum von Bildschirmmedien ihrer Kinder gesagt haben“.

Dirk Rühling will niemanden kritisieren: „Aber Kinder und Jugendliche werden vor allem als potenzielle Virusträger gesehen. Doch dazu gibt es noch viel zu wenige Daten. Fakt ist, dass anders als bei der Influenza im Prinzip kaum Infektionen in Kindergärten und Schulen auftraten. Kinder waren zudem nie in die Hotspots involviert, in denen sich viele Erwachsene mit dem Coronavirus infizierten. Sie haben sich, wenn sie erkrankten, meist bei den Erwachsenen im häuslichen Umfeld angesteckt.“

Ärzte haben Termine entzerrt

Der Weimarer Kinderarzt ist erleichtert, dass nach den ersten Wochen des Lockdowns, als viele Eltern aus Unsicherheit und Angst vor Ansteckung Termine bei den Kinderärzten abgesagt hätten, die meisten wieder ganz normal zu Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen gemäß dem Impfkalender kommen: „Das ist auch gut so. Denn wenn wir das jetzt monatelang aussetzen würden, hätten wir bald das nächste Problem.“

Die Ärzte hätten sich darauf eingestellt, die Termine zu entzerren, damit sich die Familien möglichst nicht im Wartezimmer begegnen. Rühling appelliert namens seiner Kollegen an alle Eltern, notwendige Arztbesuche nicht aufzuschieben und Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen zeitgerecht durchführen zu lassen, zumal alle Praxen die geltenden Hygienestandards umgesetzt haben.

Bei manchen Maßnahmen, sagt der Weimarer Pädiater, frage man sich sogar, warum man nicht schon in Vor-Corona-Zeiten daran gedacht habe: Die Plexiglasscheibe etwa, die an der Rezeption angebracht werden musste, könne für die Mitarbeiter generell ein Schutz sein, wenn Kinder verschnupft und hustend in die Praxis kämen.

Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin: https://www.dakj.de/stellungnahmen/stellungnahme-der-deutschen-akademie-fuer-kinder-und-jugendmedizin-e-v-zu-weiteren-einschraenkungen-der-lebensbedingungen-von-kindern-und-jugendlichen-in-der-pandemie-mit-dem-neuen-coronavirus-sar/