Empörung und Unmut: Viele Senioren müssen im Alter zum Sozialamt

Blankenhain  Viele Senioren müssen immer mehr Geld für ihr Leben im Pflegeheim aufbringen, das viele gar nicht haben. „Geht man so mit Menschen um, die ein Leben lang gearbeitet haben?“, fragt ein Bewohner.

Horst Rost ist Vorsitzender des Beirats im Pflegeheim Blankenhain.

Horst Rost ist Vorsitzender des Beirats im Pflegeheim Blankenhain.

Foto: Elena Rauch

Ein Leben lang hat Horst Rost gearbeitet. Er hat in der Landwirtschaft gelernt, musste wegen einer Erkrankung in die Buchhaltung wechseln. Seit dreieinhalb Jahren lebt er im Pflegeheim Maria-Martha in Blankenhain. Schrank, Fernseher, Bett, Schreibtisch, ein Fenster zum Hof, dahinter viel Grün. Mit seinem Zimmer ist er zufrieden, mit der Versorgung im Heim auch. Doch dass er immer mehr dafür zahlen muss, weckt zunehmend seinen Unmut. Vorsichtig ausgedrückt.

Er hat Pflegestufe vier. Mit seinem Anteil für Investitionskosten und für die Ausbildung von Fachkräften kostet sein Heimplatz monatlich 3.113 Euro. Die Kasse übernimmt davon 1.775 Euro. Was übrig bleibt, muss er selbst zahlen. Das wird stetig mehr, weil die Kasse ihre Anteile nicht erhöht. Von seiner Rente bleiben ihm 160 Euro. Er hat zwei Enkel, denen er ab und zu eine Freude machen möchte. Er sitzt im Rollstuhl, versucht trotzdem, aus dem Heim zu kommen. Wenn es Angebote gibt wie zum kürzlich im Schlosspark, wo er zum Oldtimertreffen war. Ein Mensch verabschiedetet sich doch nicht von der Welt, wenn er ins Heim zieht. Aber, fragt er, rechnen Sie mal wie weit man kommt, mit 160 Euro.

Damit, bemerkt er bitter, ist er noch gut dran, wenigstens muss er nicht beim Sozialamt um Zuschuss bitten. Jedenfalls noch nicht. Die letzte Erhöhung betrug 50 Euro, die letzte wird es nicht sein, das ist ihm klar. Im Heim leben sieben Senioren, deren Rente schon jetzt nicht für den Heimplatz reicht. Er weiß das, er ist Vorsitzender des Heimbeirates. Müsse man sein letztes Hemd verkaufen, um hier unterzukommen, fragt er.

Auf seinem Schreibtisch liegen Aktenordner. Er schreibt viele Briefe und Petitionen. Nach Erfurt, nach Berlin an den Gesundheitsminister. Er rechnet nach, rechnet vor, macht Vorschläge. Horst Rost kennt sich aus mit Zahlen und Bilanzen. Wenn sich niemand für die Senioren einsetzt, muss man es selber tun, bemerkt er. Es gibt Bewohner, die bekommen wegen ihrer Demenz gar nicht richtig mit, was der Staat mit ihnen macht, sagt er. Das empört ihn besonders. „Geht man so mit Menschen um, die ein Leben lang gearbeitet haben?“

Senioren zahlen inzwischen durchschnittlich 1480 Euro für das Heim

Heimleiterin Beate Berger kann diese Empörung gut verstehen. Einen Ausweg sieht sie bei geltender Gesetzeslage aber auch nicht. Das Heim ist mit seinen 63 Plätzen voll belegt. Neun Fachkräfte und 16 Pflegekräfte kümmern sich um die Bewohner. Auf die Frage, ob es mehr sein könnten, kann sie nur müde lächeln. Auch sie würde sofort einstellen. Sie musste schon miterleben, wie Fachkräfte in nahe Kliniken abgewandert sind, weil sie dort mehr verdienen. Bis zu 500 Euro kann die Differenz betragen. Bessere Löhne in der Pflege ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. In den vergangenen drei Jahren habe man die Gehälter um fünf Prozent erhöht. Das Einstiegsgehalt für eine Pflegefachkraft mit einer 40-Stunden-Woche beträgt seit Januar 2019 2.261 Euro, aber das kann nicht der Endstand sein.

So wie in Blankenhain geht es derzeit allen Pflegeheimen, nicht nur in Thüringen. Hier zahlen Senioren inzwischen durchschnittlich 1480 Euro für das Heim.

Derzeit verhandelt man auch in Blankenhain wieder mit den Pflegekassen. Das ist, sagt Beate Berger, auch dringend nötig. Die Schieflage bestehe doch darin, bemerkt sie, dass die Kassen über Geld verhandeln, das nicht sie zahlen. Sondern die Senioren im Heim.

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