Erfurter Kältekammer – Minus 110 Grad gegen den Schmerz

Erfurt  Die Kältekammer in Erfurt gehört zu den kältesten Orten in Thüringen. Vor allem Schmerz-Patienten und auch Leistungs-Sportler nutzen die medizinische Einrichtung.

Heiko Demski kommt aus der Kälte – er trägt Handschuhe und Mütze, seine Atemorgane schützt er durch eine Maske.

Heiko Demski kommt aus der Kälte – er trägt Handschuhe und Mütze, seine Atemorgane schützt er durch eine Maske.

Foto: Marco Schmidt

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„Hier ist man wirklich cool drauf“, sagt Mathias Holl lachend. Er streift die Handschuhe ab, nimmt die Mütze mit den Ohrenschützern vom Kopf, klappt den Mundschutz herunter und zieht die Fellschuhe aus. Für einige Sekunden steht er nun dampfend nur im Slip da, bevor er wieder in Jeans, Shirt, Socken und Lederschuhe schlüpft.

Hinter dem Gymnasiallehrer liegt ein rund dreiminütiger Aufenthalt in der Kältekammer im medizinischen Cryozentrum in Erfurt. Zehn Mal war er schon da, „wegen ziemlich nerviger Beschwerden an der Achillessehne.“ Sie hätten nachgelassen, so das Empfinden, deshalb plant er für die nächsten Wochen noch einige frostige Zugaben.

Ähnliche Einrichtung auch in Bad Langensalza

Bereits über ein Jahr kommt Edeltraud Zeisberg in die Einrichtung. Und das täglich. Sie hat mit Rheuma zu kämpfen, „die Kälte tut meinen Gelenken sehr gut.“ Das bestätigt auch Heiko Demski, Finanzmakler aus der Landeshauptstadt, dem die Hüfte arg zu schaffen macht. Der Arzt hat ihm gesagt, dass ein neues Gelenk bald fällig sei, „aber das will ich solange wie möglich hinaus schieben“, begründet der Mittfünfziger den regelmäßigen Gang in die Kältekammer. Eine ähnliche Einrichtung gibt es in Thüringen nur noch in der Friederiken-Therme in Bad Langensalza.

Egal, ob Hüfte, Rücken, Knie, Schulter oder Arme – vor allem der Schmerz bei Entzündungen wird behandelt. Und viele erfahren eine Linderung, deshalb öffnet sich die Tür mit Glasfenster täglich mehrere Dutzend mal.

„Zu uns kommen jedoch auch zahlreiche Leistungssportler“, berichtet Björn Lach. „Meist zur Regeneration, aber auch, weil das Immunsystem durch die Kälte aktiviert wird.“ Der aus Schwaben stammende Kollege des Sportwissenschaftlers, Volker Kühnle, nutzt selbst täglich die Kammer. Athleten verschiedenster Sportarten begegnen ihm, denn Kälte wird im Hochleistungssport immer häufiger angewandt. Man denke nur an die Nutzung der Eistonne durch Pierre Mertesacker. Von der hatte der Verteidiger fast schon legendär zur Fußball-WM 2014 im Anschluss an das Achtelfinale in einem Interview gesprochen.

Mit minus 110 Grad zählt die Kammer, die seit 2018 im Erfurter Rückenzentrum integriert ist, jedenfalls zu den kältesten Orten in Thüringen. Analysen haben laut Björn Lach ergeben, dass der dreiminütige Aufenthalt nach rund zwanzigsekündiger Gewöhnungsphase in der minus 60 Grad kalten Vorkammer am effektivsten für den Körper ist. Danach würde es unangenehm werden, spätestens ab fünf Minuten drohen Unterkühlungen. Aber auch so können die letzten dreißig Sekunden trotz ständiger Mikrofon-Information von „außen“ lang wirken, „weil die Haut kribbelt oder sogar sticht“, wie Mathias Holl und Heiko Demski feststellen.

In den drei Minuten in der rund fünf Quadratmeter großen Kammer steigt eisiger Nebel auf. Im Innern vollführen die beiden – wie andere Nutzer auch – unterschiedliche Bewegungen. Diese reichen von Armkreisen bis hin zum Tanzen. Und das nicht, weil auch Wunschmusik läuft, sondern die Schritte gegen die frostige Kälte helfen. Dazu gibt es reichlich eigenen Beifall, denn unablässig klatschen die Hände ineinander.

Krankenkassen bezahlen die Kälte nur selten

Der Preis pro Aufenthalt liegt laut Björn Lach zwischen 12 und 35 Euro. Krankenkassen bezahlen das nur selten. Trotzdem reisen manche Frauen und Männer aus über fünfzig Kilometern Entfernung an. Vielleicht auch, weil der Kälteschock angeblich die Faltenbildung stoppen und zur Gewichtsabnahme beitragen soll.

„Ob das stimmt?“, zweifelt Mathias Holl diese Theorie etwas an. Aber was er weiß: „Man fühlt sich danach fit und kann auf jeden Fall gut schlafen.“

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