Ex-MDR-Intendant und Pfarrerin zur Sterbehilfe

Udo Reiter meint: "Mein Tod gehört mir." Friederike F. Spengler spricht sich hingegen dafür aus, Menschen beim Sterben zu begleiten.

Aktive Sterbehilfe ist weltweit nur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und im US-Bundesstaat Oregon erlaubt. Archivfoto: Oliver Berg/dpa

Aktive Sterbehilfe ist weltweit nur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und im US-Bundesstaat Oregon erlaubt. Archivfoto: Oliver Berg/dpa

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Pro

Udo Reiter, ehemaliger Mdr-Intendant und Autor des Buches "Gestatten, dass ich sitzen bleibe"

Es geht um eine Gruppe von Menschen , die nicht todkrank sind, aber in freier Entscheidung zu dem Entschluss kommen, nicht mehr weiterleben zu wollen, sei es, weil sie den Verlust ihrer Persönlichkeit im Altwerden nicht erleben wollen, sei es, weil sie "lebenssatt" sind, wie es im ersten Buch Moses. Diese Menschen werden in unserer Gesellschaft allein gelassen. Sie müssen sich ihr Ende quasi in Handarbeit selbst organisieren. Das kann nicht so bleiben.

Für diese Menschen muss es Notausgänge geben, durch die sie in Würde und ohne sinnlose Qualen gehen können.

Ich sitze seit 47 Jahren im Rollstuhl und habe trotzdem ein schönes und selbstbestimmtes Leben geführt. Irgendwann wird es zu Ende gehen. Aber wie? Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte nicht allmählich vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern. Und ich möchte ganz allein entscheiden, wann es soweit ist und ich nicht mehr will. Ohne Bevormundung durch einen Bischof, einen Ärztepräsidenten oder einen Bundestagsabgeordneten. Und wenn ich das entschieden habe, möchte ich mich ungern vor einen Zug rollen oder mir, wie das verschiedentlich empfohlen wird, eine Plastiktüte über den Kopf ziehen, bis ich ersticke. Ich möchte auch nicht in die Schweiz fahren und mich dort einschläfern lassen. Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt.

Dazu brauche ich Hilfe, ärztliche Hilfe am besten. Natriumpentobarbital kriegt man nicht im Supermarkt. Um diese Hilfe risikofrei möglich zu machen, braucht es eine Änderung unserer Gesetze, und zwar in eine Richtung wie sie die Niederlande, die Schweiz, der US-Staat Oregon und vor allem Belgien schon seit Längerem eingeschlagen haben. Aktive Sterbehilfe muss möglich und erlaubt sein, wenn jemand dies ernsthaft und aus eigener Entscheidung will.

Natürlich gibt es Einwände, vor allem die Frage: Wer garantiert denn, dass der Entschluss eines Sterbewilligen wirklich belastbar ist und nicht nur aus einer vorübergehenden depressiven Verstimmung oder einer momentanen Mutlosigkeit kommt?

Die Antwort: Niemand garantiert das. Es ist die Konsequenz der Freiheit, Fehlentscheidungen treffen zu können. Dieses Risiko gilt auch für andere Lebensbereiche. Es ist unaufhebbar mit einer freien Gesellschaft verbunden und es kann nicht angehen, dass andere festlegen, wann wir über uns entscheiden können und wann nicht. Das wäre das Aus für die Idee der Selbstbestimmung. Es wird Zeit, dieser Idee auch am Ende unseres Lebens Gültigkeit zu verschaffen.

Kontra

Friederike F. Spengler, Pfarrerin

Wie unerträglich das Leben für Menschen werden kann, erlebe ich als Seelsorgerin mitunter bei Besuchen. Manchmal verschlägt es uns die Sprache, dann schweigen wir gemeinsam. Manchmal gehe ich danach selbst beschenkt aus dem Gespräch. Entscheiden, ob Menschen ihr Leben noch ertragen können, kann keiner... Dennoch, die aktuelle Diskussion um die aktive Sterbehilfe geht uns alle an und fordert auf, sich zu positionieren.

Meiner Beobachtung nach hat sich in den letzten Jahrzehnten der Begriff von "Leben" verändert: Attribute wie "glücklich", "gesund", "erfolgreich", "unabhängig" wurden beinahe untrennbar damit verbunden und haben zu einer Einseitigkeit der Wahrnehmung geführt. Das geht bereits am Lebensanfang los, wenn Frauen, die in der Schwangerschaft auf pränatale Diagnostik verzichten, unterschreiben sollen, dass sie dies gegen den Rat des Arztes tun. Die Bereitschaft, auch ein Kind mit Beeinträchtigungen auf die Welt zu bringen, erzeugt längst nicht mehr nur unterstützende Reaktionen... Und nur wenige Flugstunden von uns entfernt, bastelt man schon lange an der DNA für das perfekte Baby.

Die Einseitigkeit, mit der wir das Leben inzwischen als solches definieren, lässt uns ebenso einseitig auf das schauen, was das Leben eben auch noch beinhaltet. Auf das Unverfügbare. Darauf antworten wir mit panischem Wegsehen: Alte kommen ins Heim, Behinderte in Spezialeinrichtungen und Sterbende in die Klinik! Gerade Letztere wurden Stück für Stück aus dem gesellschaftlichen Leben exkommuniziert. Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens erzählen mir von ihrer Angst, weniger der vor dem Tod, als von der, zur Belastung zu werden - für die Familie, den Staat, sich selbst. Hier muss es Sterbehilfe geben, die ihren Namen verdient: Die das Sterben als Teil des Lebens definiert und deshalb zu gestalten sucht; die Schutzräume anbietet, begleitet und Hilfe organisiert; die Zeit als das größte aller Geschenke einsetzt - der Hospizgedanke ist eine Form davon.

In der Erzählung "Oskar und die Dame in Rosa" von Eric-Emmanuel Schmitt legt der sterbende, leukämiekranke Junge einen Zettel auf den Nachttisch: "Nur der liebe Gott darf mich wecken."

Vorangegangen sind Gespräche über das Leben und den Tod, über Glück und Liebe, Schmerzen, Wut und Ängste. Die Besuchsdame "Oma Rosa" ist für Oskar zu einer Hilfe beim Sterben geworden: Sie hat Zeit, hört zu, redet, schweigt. Sie hilft der Klage, eine Adresse zu finden - und dem Dank für jede Minute Leben ebenfalls. Am Ende findet sie gemeinsam mit ihm eine Hoffnung, die trägt.

Solche Sterbehilfe brauchen wir!

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