Experten warnen vor wachsender Gewalt in der Pflege

Erfurt  In Thüringen sind 42 Fälle von Gewalt in der Pflege aus den vergangenen zwei Jahren bekannt. Sie ereignen sich nicht nur in den Heimen.

Symbolfoto: Sebastian Kahnert

Symbolfoto: Sebastian Kahnert

Foto: Sebastian Kahnert

Drohungen, Beschimpfungen, Vernachlässigung bis hin zu Schlägen und Tritten – in deutschen Pflegeheimen sind viele Alte und Kranke Gewalt ausgesetzt. Eine Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) kommt zu diesem alarmierenden Befund. Allein fast jeder zehnte Befragte berichtete von häufiger oder gelegentlicher körperlicher Gewalt.

In Thüringen wurden nach Auskunft des Sozialministeriums in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 42 Fälle von Gewaltanwendung in Pflegeheimen angezeigt. Gründe dafür sind nach Einschätzung der Heimaufsicht vor allem in Überforderung und Überlastung zu suchen: Fehlendes oder nicht ausreichend qualifiziertes Pflegepersonal, fehlende Fortbildung oder mangelnde Aufsicht durch Pflegedienstleitungen, die solche Risikosituationen zu spät oder gar nicht erkennen.

Von Überlastung spricht auch Britta Richter, wenn sie Ursachen solcher Entgleisungen benennt. Sie ist Pflegereferentin beim Paritätischen Verband Thüringen, dessen Mitgliedsorganisationen zahlreichen Pflegeheime betreiben. Ein Tabu-Thema, wie es das ZQP beklagt? „Für uns definitiv nicht“, so Britta Richter. „Gewalt in der Pflege“ sei mindestens einmal im Jahr Gegenstand von Schulungen und Supervisionen in Pflegeeinrichtungen.

Dunkelziffer ist nicht abschätzbar

Die zuständige Referentin bei der Arbeiterwohlfahrt, Sabine Spittel, verweist auf die Vielschichtigkeit des Problems. Der Großteil der Pflege erfolge nicht in stationären Einrichtungen, sondern im privaten Umfeld. Ein Bereich, in dem selbst ambulante Pflegedienste, sofern sie eingebunden sind, nur wenig Handhabe und beschränkte Einblicke haben, beschreibt sie die Schwierigkeit. Hier sehe sie tatsächlich eine Tabu-Zone.

Gerade bei einer Pflege rund um die Uhr seien Angehörige schnell überfordert. Hinzu kämen Faktoren wie das Krankheitsbild des Pflegebedürftigen oder familiäre Beziehungen, die sich auf häusliche Pflege auswirken können. Wie bei allen Formen häuslicher Gewalt sei die Dunkelziffer nicht abschätzbar.

Das Thema muss in die Öffentlichkeit, sagt Christiane Tepke. Sie leitet in Erfurt die telefonische Meldestelle für Gewalt in der Pflege. Ihre Erfahrung: Wenn das Thema aus aktuellen Anlässen gerade präsenter ist, mehren sich auch die Anrufe. Es sind vor allem pflegende Angehörige selbst, die sich an sie wenden. Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind und fürchten, dass die Situation zu Hause eskalieren könnte. Das sei mit großer Scham verbunden, weshalb niedrigschwellige Hilfen so wichtig sind. Häufig fühlen sich Pflegende allein gelassen und ratlos. Ein Beispiel: Darf ich meinen dementen Mann einschließen, wenn ich einkaufen gehe? Gewalt beginne ja nicht erst mit Schlägen.

Das Thema werde auch bei der Barmer als Pflegekasse ernst genommen, so Sprecher Robert Büssow. Auch er spricht von einer unbekannten Dunkelziffer. Einen Überblick über die Häufigkeit gebe es auch bei ihnen nicht. Er verweist in erster Linie auf präventive Arbeit durch Beratung und Entlastung. Pflegende könnten zum Beispiel Haushaltshilfen beantragen.

Hilfsangebote für pflegende Angehörige

Die Meldestelle für Gewalt in der Pflege ist telefonisch zu erreichen: (0361) 67 13 125, E-Mail: christiane.tepke@gewaltinderpflege.de

Hilfsangebote der Pflegekasse Barmer: Individuelle häusliche Schulungen, bei denen Fachkräfte zu Hause beraten, praktische Tipps und gezielte Hilfen zum Umgang mit den Alltagssituationen geben. Kurse für häusliche Pflege, Online-Beratung mit psychologischer Unterstützung über das Portal „Pflegen und Leben“. Darüber hinaus können geschulte Psychologinnen und Psychologen direkt angeschrieben werden.

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