Gesundheits-App auf Rezept – Thüringer Ärzte sind skeptisch

Erfurt  Thüringer Ärzte sehen den Gesetz-Entwurf, wonach Gesundheits-Apps ab 2020 auf Rezept verschrieben und die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden sollen, skeptisch. Die wenigsten dieser Anwendungen seien als Heilmittel zugelassen.

Unzählige Medizin- und Gesundheits-Apps stehen zum Download bereit. Den ärztlichen Rat können sie nicht ersetzen. (Symbolbild)

Unzählige Medizin- und Gesundheits-Apps stehen zum Download bereit. Den ärztlichen Rat können sie nicht ersetzen. (Symbolbild)

Foto: Franziska Gabbert/dpa

Gesundheits-Apps für Mobiltelefone oder Tablets messen die Fitness, geben medizinische oder Ernährungstipps, analysieren physiologische Daten und berechnen die Medikamenten-Einnahme. Die Grenze zwischen Medizin und Wellness ist dabei oft schwer zu ziehen. Auch deshalb sehen Thüringer Ärzte den vom Bundeskabinett auf den Weg gebrachten Entwurf zum „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ (DVG), wonach Apps ab 2020 auf Rezept verschrieben und die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden sollen, skeptisch.

Es gebe bereits Tausende solcher Apps, von denen jedoch die wenigsten als Heilmittel zugelassen seien, gibt Veit Malolepsy, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Thüringen (KVT), zu bedenken. „Unerlässlich ist dafür neben der Datensicherheit ein medizinischer Nutzennachweis. Die Entscheidung über den Einsatz muss beim Arzt liegen. Apps, die Behandlungsanweisungen vorwegnehmen, lehnen wir ab“, sagt Malolepsy. Für fraglich hält man bei der KVT auch die Finanzierung. „Es gibt Budgets, viele ärztliche Leistungen bleiben unbezahlt. Statt dessen einen weiteren Geldtopf aufzumachen, sehen wir kritisch“, sagt der Ärztevertreter.

Krankenkassen würden in ärztliche Autonomie eingreifen

Die medizinische Versorgung ist Sache der Ärzte, heißt es auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Dass Krankenkassen künftig etwa durch die gezielte Förderung digitaler Anwendungen in die ärztliche Autonomie eingreifen, stelle einen Systembruch dar.

Bei der Krankenkasse AOK plus weist man das zurück. „Kassen waren lange scheinbar nur die Kostenträger im Gesundheitssystem. Aber wir zahlen schon lange nicht mehr nur die Rechnungen, sondern kooperieren mit Leistungserbringern bei der Gestaltung sinnvoller Versorgung in Stadt und Land“, sagt Sprecherin Hannelore Strobel.

Nach Meinung der AOK sollte es künftig Apps auf Rezept geben, sofern diese nicht nur „irgendwie zum Lifestyle passen“, sondern „in Versorgungspfade integriert sind und der medizinische Nutzen messbar ist“. Über die Verschreibungsfähigkeit solle der Gemeinsame Bundesausschuss befinden. Mit einer Bonus-App könnten AOK-Versicherte bereits durch sportliche und soziale Aktivitäten Bonuspunkte in Geld ummünzen.

Zudem kooperiere man seit zwei Jahren mit Start-ups im Bereich E-Health. „Eines dieser Start-ups hat eine Schwangerschafts-App entwickelt, die junge Paare bei der Geburtsvorbereitung unterstützt. Ein anderes Start- up arbeitet an einer App für Mentaltraining“, sagt Strobel.

Selektivverträge mit App-Herstellern

Vereinzelt finanzieren Kassen schon heute Gesundheitsapps, etwa zur Überwachung des Herzrhythmus, zur Messung des Blutzuckers oder zur Anpassung der Musiklautstärke an einen Tinnitus. Laut Barmer gibt es oft „noch keine umfassenden Belege für den Nutzen, aber durchaus vereinzelte Hinweise auf positive Auswirkungen“.

Bei der Techniker Krankenkasse verweist man zudem auf Risikoklassen für Apps, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) festgelegt werden. Hohe Zugangshürden erschwerten App-Anbietern den Zugang. Das Gesetz ermögliche neue Zulassungs- und Erprobungsverfahren mit geringeren Anforderungen an den Nutzennachweis.

Um die Einführung von Gesundheitsanwendungen zu beschleunigen, plädiert die TK für Selektivverträge mit App-Herstellern. Diese kämen so schneller an Nutzungsnachweise, während Patienten früher von den Vorteilen der Digitalisierung profitierten. Dafür sollten die Krankenkassen die Möglichkeit erhalten, Selektivverträge auch ohne Arztbeteiligung zu vereinbaren.

Digitale Gesundheitsanwendungen:

Gemäß DVG ist eine digitale Gesundheitsanwendung ein Medizinprodukt

  • das einer niedrigen Risikoklasse zuzuordnen ist und erfolgreich ein Konformitätsbewertungsverfahren absolviert hat.
  • dessen Hauptfunktion auf digitalen Technologien beruht und das dazu bestimmt ist, bei den Versicherten die Erkennung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten oder die Erkennung, Behandlung, Linderung oder Kompensierung von Verletzungen oder Behinderungen zu unterstützen.

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