Handy-Süchtige bitten um professionelle Hilfe

Eisenach  Zum ersten Mal meldeten sich im vergangenen Jahr Menschen in der Diako-Suchtberatungsstelle „Kompass“, weil sie von ihrem Handy abhängig sind.

Manche Menschen können das Smartphone kaum mehr weglegen. Eine Frau erschien in Eisenach in der Sucht-Beratungsstelle, weil ihr Mann sie wegen des Handys kaum mehr anschaue. Foto: Jonathan Brady

Manche Menschen können das Smartphone kaum mehr weglegen. Eine Frau erschien in Eisenach in der Sucht-Beratungsstelle, weil ihr Mann sie wegen des Handys kaum mehr anschaue. Foto: Jonathan Brady

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„Es gab mehrere, die deshalb Hilfe suchten“, sagte der Leiter der Beratungsstelle, Gerald Böhm. Die immer weiter um sich greifenden modernen Medien würden die Gefahr einer Abhängigkeit bergen, ganz wie bei anderen Drogen, wenn sie auf den Markt kommen.

„Ohne mein Handy bin ich wie nackt“, ist ein Satz, den Böhm von einer jüngeren Betroffenen zu hören bekam. Eine Frau habe ihren Mann mitgebracht, weil der sie wegen der ständigen Beschäftigung mit dem Gerät nicht einmal mehr angucke. Dass sich hier eine neue Sucht herausbilde, werde zunehmend auch in Gesundheitskreisen so gesehen, sagte Böhm. Auch bei Aufklärungs- veranstaltungen weist er regelmäßig auf die neue Gefahr hin.

Doch Medien- sind wie Spielsüchtige nur ein kleiner Teil des Klientels in der Beratungsstelle in der Friedensstraße. Die meisten Fälle betreffen den Alkohol, dann folgen die illegalen Drogen. Wesentlich seltener sind Kauf- und Medikamentensucht.

Auch Raucher suchen Rat und Hilfe bei Gerald Böhm und seinem Team (wir berichteten). Nimmt man die Kompass-Jahresstatistik — „und wir sind nur die Spitze des Eisbergs“ –, dann breitet sich vor allem Crystal Meth weiter rasant aus. Die Zahl der Fälle bei „Kompass“ ist um über ein Drittel auf fast 140 gestiegen und macht inzwischen mehr als die Hälfte der Abhängigkeit von illegalen Drogen aus.

Heroin sei auf dem Rückzug, Kokain fast gar nicht mehr anzutreffen. Das liege nicht nur daran, dass das ähnlich wirkende Crystal überall leicht verfügbar sei, wie Böhm weiß: „Das gibt es in allen Orten in der Region“. Es ist auch billiger und es ist eine Droge, die in die Zeit passt: Crystal-Konsumenten steigern vorübergehend stark ihre Leistungsfähigkeit, die Droge suggeriert Unbesiegbarkeit und erzeugt Euphorie. „Einerseits passt es zur Spaßgesellschaft – man will schnell weg aus dem Alltag.“ Andererseits passe Crystal auch zur Leistungsgesellschaft: Arbeit, Zweitjob, Haushalt, Familie – mit der Droge könne man scheinbar alles besser bewältigen, sagt Böhm. So werde der Körper gezielt für den Alltag manipuliert.

Die Nutzer der Droge reichen durch fast alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Das sei anders als bei anderen illegalen Suchtmitteln, sagt Böhm. Nur etwa die Hälfte der Crystal-Fälle seien Menschen „mit gebrochener Biographie“. Dabei habe Crystal ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial – was aber wegen der Wirkung auf das Selbstbewusstsein kaum selbst bemerkt werde. Doch es drohen körperlicher Verfall bis hin zu schweren Hirnschäden, die Beschaffung koste immer mehr Geld und könne zu Kriminalität verleiten, die Angst vor Entdeckung nimmt zu. Bis zu drei Wochen dauere eine Entgiftung, eine mehrmonatige Therapie folge, sagt Böhm.

Die gebe es inzwischen auch für Mediensüchtige. Die Gesellschaft müsse lernen, besser mit dem neuen Suchtmittel umzugehen: „Braucht ein sechsjähriges Kind ein Handy?“, fragt Böhm etwa und rät: „Wir müssen den Umgang mit Handys und Computern üben und selbst darauf achten, sie verantwortungsvoll zu nutzen.“

Aber auch das passe in die Zeit: Ständig erreichbar sein zu müssen, alles ist schnelllebiger geworden. „Aber es darf nicht grenzenlos sein, denn dann wird es zur Sucht.“ Böhms Rat: Das Handy öfter mal weglegen, auch länger, und direkte Kontakte unter Menschen pflegen.

Steigende Zahl von Hilfesuchenden:

  • 629 Menschen (2014: 556), darunter auch Angehörige, hat die „Kompass“-Beratungsstelle der Diako 2015 betreut. 380 davon kamen neu in die Beratung (2014: 300).
  • Wegen Alkoholsucht werden 289 Menschen betreut (2014: 271), wegen illegalen Drogen 235, davon 139 wegen Crystal (2014: 101).
  • Neu gegründet wurde eine Gesprächsgruppe von Menschen, die statt Drogen unter Aufsicht Ersatzstoffe nehmen.
  • Die Hälfte der Klienten ist berufstätig, dreiviertel sind Männer.
  • Kompass bietet auch Präventionsveranstaltungen in Schulen und Betrieben.
  • Kontakt: Tel. (03691) 7452258, E-Mail: suchtberatung@diako-thueringen.de

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