Heilen mit Radioaktivität am Erfurter Helios-Klinikum

Obwohl die Bundesregierung mit dem Atomausstieg ernst macht, soll 2014 ein neuer Reaktor hochgefahren werden - auf deutschem Boden. Die dort produzierte Strahlung wird Medizinern helfen, Leben zu retten.

Station für Nuklearmedizin am Erfurter Helios-Klinikum. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. Sie setzen sich atomarer Strahlung aus, und sie tun es freiwillig. Über 2000 mal im Jahr kommen Menschen ans Erfurter Helios-Klinikum, um sich das radioaktive Technetium-99 in die Blutbahn spritzen zu lassen. Denn sie erhoffen sich Gewissheit über ihre Krankheit - und Heilung.

Vor jedem Eingriff müssen das Risiko durch die Strahlenbelastung und der Nutzen durch den Erkenntnisgewinn neu gegenübergestellt werden. Nur wenn das Informationsbedürfnis den vermuteten Schaden überwiegt, wird die Untersuchung durchgeführt.

Nach der Injektion der heiklen Flüssigkeit wandern die mit radioaktiven Atomen markierten Substanzen zum jeweiligen Zielorgan und reichern sich dort an. Anschließend können sie mit einer speziellen Kamera, von der die abgegebene Strahlung eingefangen wird, sichtbar gemacht werden.

"Das Präparat sucht sich den Weg in die Zelle selbst", erklärt Dr. Elke Conrad, Chefärztin der Klinik für Nuklearmedizin des Erfurter Helios-Klinikums. "Wenn Absiedlungen eines Tumors beispielsweise den Knochenstoffwechsel beeinflussen, dann sieht man das." Neben dem Aufspüren von tumorbedingten Veränderungen kommt Technetium vor allem bei der Diagnose von Schilddrüsen-, Nieren- und Herzerkrankungen zum Einsatz.

Technetium ist das Arbeitspferd der Nuklearmedizin. Eine besondere Eigenschaft dieses Atoms sorgt dafür, dass die Patienten nicht dauerhaft sich und ihre Umwelt verstrahlen: Technetium-99 besitzt eine kurze Halbwertszeit. Schon nach sechs Stunden hat sich die Hälfte des gespritzten Materials wieder abgebaut.

Doch was den Körper der Patienten schont, stellt für die Mediziner eine enorme logistische Herausforderung dar: Es ist unmöglich, für längere Zeit Vorräte des rasant zerfallenden Atoms anzulegen. Dazu kommt, dass derzeit in der westlichen Welt nur fünf Forschungsreaktoren existieren, die eine Vorstufe des Technetiums herstellen können. Keiner davon steht in Deutschland.

Seit 2008 gab es mehrmals gravierende Lieferengpässe, zuletzt war Erfurt im Sommer 2009 unterversorgt. "Die Produktionskapazitäten sind auf Kante genäht", beschreibt Manfred Gaillard, Geschäftsführer des Berufsverbandes der Nuklearmediziner Deutschlands, die Lage. "Wenn einer der größtenteils über 40 Jahre alten Reaktoren aufgrund technischer Probleme vom Netz geht, sind wir aufgeschmissen."

Abhilfe soll jetzt ein neuer Reaktor in Garching bei München schaffen. Der wird, sobald er einsatzfähig ist, nicht der Stromerzeugung, sondern der Produktion von radioaktiven Substanzen für die Medizin dienen. Deshalb ist er auch hinsichtlich des Risikos nur eingeschränkt mit einem Kernkraftwerk zu vergleichen. Dennoch kommen dort Technologien zum Einsatz, denen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst in ihrer Regierungserklärung attestierte, nicht beherrschbar zu sein.

Betreiber rechnen 2014 mit dem Start

Begonnen wurde mit dem Neubau auf dem Gelände eines bereits bestehenden, anderweitig genutzten Forschungsreaktors schon Ende vergangenen Jahres. Doch die Betreiber rechnen erst 2014 mit dem Start der Produktion. Bis dahin bleibt den Nuklearmedizinern nur die Hoffnung, von längeren Ausfallzeiten verschont zu bleiben.

Der Umgang mit der medizinisch genutzten Radioaktivität selbst ist heikel genug. Die Spezialtransporte, die Generatoren mit einer Vorstufe des Technetium 99 einmal wöchentlich ans Helios-Klinikum liefern, sind mit Blei abgeschirmt, damit die Strahlenbelastung für Fahrer und Umwelt niedrig bleibt. Jeder Mitarbeiter in der Nuklearmedizinischen Klinik muss ein Dosimeter tragen, das die Strahlenbelastung überwacht.

Besonders rigide sind die Schutzmaßnahmen, wenn radioaktive Elemente nicht nur zur Diagnose, sondern direkt zur Heilung eingesetzt werden, zum Beispiel bei gut- und bösartigen Schilddrüsenerkrankungen oder Lymphdrüsenkrebs.

Die Radioaktivität wandert entweder, wie bei der Gabe von Jod-131, direkt in die Schilddrüsenzellen. Oder sie wird an einen Antikörper angeheftet, der seinerseits an die Krebszellen andockt. Weil die Strahlung nur wenige Millimeter reicht und nur den Krebs vernichtet, werden umliegende Organe geschont.

Bei diesen Therapien kommen radioaktive Stoffe zur Anwendung, die eine längere Halbwertszeit haben als das nur zu Diagnosezwecken eingesetzte Technetium-99. Im Erfurter Helios-Klinikum sind die Patienten zur Schilddrüsentherapie deshalb in einer abgeschlossenen Abteilung untergebracht - der nuklearmedizinischen Therapiestation.

Schwarz-gelbe Radioaktivitäts-Warnschilder markieren die gefährlichen Zonen. Jeder Arzt, jeder Pfleger, der die Station durch die Schleuse im Zugangsbereich verlassen möchte, muss durch eine Messung ausschließen, dass er mit dem radioaktiven Jod in Berührung gekommen ist. Nicht einmal Besuch von ihren Angehörigen dürfen die Patienten empfangen. Denn durch unkontrollierten Aufenthalt oder den Kontakt mit möglicherweise radioaktiven Gegenständen droht eine unnötige Bestrahlung.

Abwasser darf nicht in die Kanalisation

Auch das Abwasser der Isolierstation darf nicht einfach in die Kanalisation fließen. Vakuumtoiletten wie im Flugzeug befördern die radioaktiven Ausscheidungen der Patienten mit einem lauten Rauschen in einen der zehn großen Tanks im Keller der Klinik.

Jeder Tank fasst zehn Kubikmeter, ausreichend für die Stations-Abwässer eines Monats. Die stammen jedoch nicht nur aus den Toiletten - auch alles, was aus den Stationsduschen, Geschirrspülern, Waschbecken und -maschinen abfließt, ist möglicherweise strahlenbelastet. Patientenurin an Putzlappen oder radioaktive Speichelreste auf Geschirr und Besteck machen die Sicherheitsmaßnahmen nötig.

Ungefähr acht Monate dauert es, bis sich die Radioaktivität in der Brühe so weit abgebaut hat, dass sie gefahrlos aus den Tanks ins normale Abwassersystem eingeleitet werden kann.

In den von Erdbeben und Tsunami betroffenen Reaktoren von Fukushima wird es etwas mehr Zeit brauchen, bis das radioaktive Material zerfallen ist - Experten rechnen mit ein paar Millionen Jahren.

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