Jenaer Infektiologe zum Coronavirus: „Die Reaktion macht mir die größten Sorgen“

Der Jenaer Professor Mathias Pletz spricht im Interview über die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht und wie man sich schützen kann.

Prof. Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena.

Prof. Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena.

Foto: Anna Schroll/UKJ / TLZ

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Lässt sich die Ausbreitung des Coronavirus überhaupt noch verhindern und wie gefährlich ist es für den Menschen wirklich? Professor Mathias Pletz ist Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. Erst vor zwei Wochen hatte der Mediziner an einer Beratung der Weltgesundheitsorganisation WHO zum neuartigen Virus teilgenommen. Seine Expertise war bereits beim Ausbruch der SARS-Infektion gefragt.

Professor Pletz, das Coronavirus ist in Deutschland angekommen, wie ernst ist die Lage?

Für mich hat das Virus die Relevanz einer schweren Grippe-Epidemie. Wobei man immer wieder betonen muss, dass Grippe sogar folgenreicher sein kann, vor allem für Kinder. Am Coronavirus ist weltweit noch kein Kind unter neun Jahren verstorben, in den USA sind in der bisherigen aktuellen Saison 105 Kinder an Influenza gestorben.

Sehen Sie eine reale Chance, die Ausbreitung des Coronavirus aufzuhalten?

Es wird meiner Meinung nach eine Pandemie und ich sehe wenig Chancen, dass uns eine Eindämmung gelingen wird. Wobei eine Pandemie zunächst nichts über die Schwere einer Erkrankung aussagt, sondern über ihre Verbreitung. Das Problem beim Coronavirus ist die lange Inkubationszeit und der hohe Anteil an Infizierten, die nur sehr leichte Symptome aufweisen und daher „übersehen“ werden, das macht eine Nachverfolgung der Infektionswege so schwer.

Ist die Abriegelung ganzer Städte sinnvoll?

Von solchen Maßnahmen halte ich nicht viel, ich glaube nicht, dass man damit auf Dauer viel erreichen kann. Im Gegenteil, solche geschlossenen Gemeinschaften befördern die Verbreitung des Virus und anderer Infektionskrankheiten. Ich befürchte, dass durch solche übertriebenen Reaktionen am Ende mehr Menschen zu Schaden kommen, als durch das Coronavirus selber. Es wird Patienten geben, die medizinisch nicht ausreichend versorgt werden können, weil die Notaufnahmen und Krankenhäuser von besorgten Menschen blockiert sind.

Was würde mehr Erfolg versprechen?

Ich persönlich halte eine individuelle Quarantäne für einen guten Kompromiss. Damit hat man zum Beispiel während der SARS-Epidemie 2003 in Toronto gute Erfahrungen gemacht.

Was bereitet Ihnen größere Sorge: Die schnelle Ausbreitung oder dass wir wenig über das Virus wissen?

Über das Virus wissen wir inzwischen viel. Eine viel größere Sorge als das Virus selbst bereitet mir die Reaktion in der Gesellschaft darauf. Die Börsen brechen ein, die Leute beginnen, sich mit Lebensmitteln einzudecken, Lieferketten werden abgebrochen, Kontakte gekappt. Es gibt bereits jetzt Engpässe mit Medikamenten. Die Folgen sind noch gar nicht absehbar.

Manche Fachleute sprechen sich für eine „aktive Suche“ nach dem Virus aus, also für einen Test jeder grippeähnlichen Erkrankung auf Corona. Könnte das unser Gesundheitssystem in der Fläche überhaupt leisten?

Möglich wäre das schon. Seit 2003 gibt es deutlich bessere diagnostische Verfahren, es kommen beinahe täglich neue Tests auf den Markt. Doch wie gesagt, die größte Herausforderung in der aktuellen Situation besteht für mich darin, dazu beizutragen, dass die Urangst der Menschen vor Seuchen nicht zu hysterischen Panikreaktionen führt. In den vergangenen Jahren wurden mehrere respiratorische Viren entdeckt. 2001 tauchte zum Beispiel das humane Metapneumovirus auf, seitdem kommt es in den Berichten des Robert-Koch-Instituts regelmäßig vor. Man nimmt es zur Kenntnis, aber niemand verfällt in Panik.

Warum ist das beim Coronavirus anders?

Ich denke, dass die rabiate Reaktion der chinesischen Behörden viel damit zu tun hat und die Menschen verunsichert. Wohl auch, weil die Behörden am Anfang des Ausbruchs Fehler gemacht haben.

Aber es gab doch auch viele Todesfälle, die alarmiert haben?

Wenn Viren eine Spezies-Barriere überspringen, sich also wie bei Corona vom Tier auf den Menschen ausbreiten, sind sie im Anfang oft sehr virulent, also schwerwiegend, übertragen sich aber im Gegenzug innerhalb des neuen Wirts nicht so gut. Im weiteren Verlauf sinkt die Virulenz, ein Virus will sich ja ausbreiten, und nicht seinen Wirt töten. Ob das hier ebenso ist, weiß ich nicht. Aber die höchste Todesrate gibt es in Wuhan (4,9 Prozent) und der zugehörigen Provinz Hubai (3,1 Prozent). In den restlichen Provinzen Chinas beträgt sie nur noch 0,16 Prozent.

Wie wahrscheinlich ist ein baldiger Impfstoff gegen Corona?

Prognosen sind schwierig. Es wird in verschiedenen Laboren daran gearbeitet, aber dazu sind Studien nötig und die brauchen Zeit. Kontrollen sind natürlich wichtig, doch die aktuelle Situation zeigt auch, dass wir eine hochregulierte Gesellschaft haben, die aber zu langsam reagiert. Wir brauchen für die Zulassung von Impfstoffen auch flexiblere Verfahren, die Zulassungsbehörden müssen schneller arbeiten.

Was raten Sie Menschen, die jetzt in großer Sorge vor einer Ansteckung sind?

Alles, was für die Grippe gilt, gilt auch für das Coronavirus: Hände oft waschen und desinfizieren, Abstand zu anderen halten. Und ich rate all denen, die sie noch nicht haben auch jetzt noch zur Grippeschutzimpfung. Grippe ist im Übrigen auch die häufigste Krankheit, die Menschen von Reisen mitbringen. Bei vielen Patienten, die sich nach einem Urlaub besorgt aus Angst vor Corona beim Arzt meldeten, weil sie sich krank fühlten, wurde eine Grippe festgestellt. Ein Großteil dessen, was Angst verursacht, ist von Menschen gemacht und hat mit der rationalen Gefahr, die vom Virus selber ausgeht, wenig zu tun. Das muss man sich bewusst machen.

Teilen Sie die Hoffnung vieler Fachleute auf das Verschwinden des Coronavirus im Frühjahr?

Ja, weil UV-Strahlen, hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme Viren außerhalb des Körpers schneller absterben lassen. SARS ist verschwunden, als der Sommer kam.

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