Muslime stellen Weimarer Frauenklinik vor besondere Herausforderungen

Weimar  Ohne Kopftuch geht kaum eine Muslimin auf die Straße. Deutschen Männern reichen sie zur Begrüßung nicht die Hand. Beim Frauenarzt aber sollen sie ihren Unterleib entblößen? Gynäkologen verlangt das ausgeprägte muslimische Schamgefühl starkes Feingefühl ab.

Chefarzt Dr. med. Jörg Herrmann und Oberärztin Martin Brenner von der Frauenklinik des Weimarer Klinikums. Foto: Weber

Chefarzt Dr. med. Jörg Herrmann und Oberärztin Martin Brenner von der Frauenklinik des Weimarer Klinikums. Foto: Weber

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Ohne Kopftuch geht kaum eine Muslimin auf die Straße. Deutschen Männern reichen sie zur Begrüßung nicht die Hand. Beim Frauenarzt aber sollen sie ihren Unterleib entblößen? Insbesondere Gynäkologen verlangt das ausgeprägte muslimische Schamgefühl starkes Feingefühl ab. Wie gehen die Ärzte in der Frauenklinik des Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikums mit diesen Herausforderungen um, die mit dem Flüchtlingsstrom vermehrt an sie herangetragen werden?

„Wir versuchen, auf ethische Wünsche einzugehen“, unterstreicht Chefarzt Dr. med. Jörg Herrmann. Bei Entbindungen ist das im Einzelfall leichter zu lösen. „Auf der Station arbeiten nur zwei männliche Ärzte“, sagt Herrmann. Schwieriger jedoch wird es, wenn die Ehemänner der Wöchnerinnen auf einem Einzelzimmer beharren. Sie möchten vermeiden, dass ihre Frau mit dem ihr fremdem Männerbesuch der deutschen Bettnachbarin konfrontiert wird. „Wir versuchen ein Einzelzimmer zu gewährleisten“, sagt Dr. Herrmann, doch „wir haben auch Drei-Bett-Zimmer. Wenn es extrem voll wird, können wir auf die Wünsche nicht eingehen.“ Etwa zwei bis drei Musliminnen wöchentlich werden in der Gynäkologie des Klinikums betreut, schätzt der Chefarzt.

Generell nehme man sich mehr Zeit, es gebe mehr Fragen, ziehe gegebenenfalls einen Dolmetscher hinzu. Doch gerade bei den Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak seien die Englischkenntnisse gewöhnlich so gut, dass ohne unüberbrückbare Probleme miteinander kommuniziert werden kann, hat Oberärztin Martina Brenner erfahren. Schwieriger wird es mit den Flüchtlingen aus Afghanistan. „Mit Händen und Füßen, mit Bildern“, behelfe man sich weiter, mitunter dolmetschen auch Familienmitglieder. Doch manchmal hilft selbst dies nicht weiter wie im Fall einer türkischen Kurdin. Eine Woche lang habe man auf einen geeigneten Dolmetscher warten müssen, um die Patientin über die medizinische Vorgehensweise aufzuklären. In einem Notfall oder bei akuter Erkrankung hätte man dazu nicht die Zeit gehabt.

Doch in der Regel hätten die Flüchtlinge bereits einen Deutschkurs absolviert, sagt die Oberärztin, die bereits ganz stolz mit „Hallo, Frau Doktor“ begrüßt wurde. Eine ganz andere Hürde aber sei in Sachen Schamgefühl zu nehmen. Sie berichtet von einer Operation, bei welcher der Mann der muslimischen Patientin ausschließlich Ärztinnen im Operationssaal wissen wollte. „So lange nur Frauen im Raum sind, ist alles in Ordnung“. Das aber sei zumal bei Wochenenddiensten und engen Dienstplänen nicht immer zu gewährleisten. „Für uns ein großer Aufwand“, gibt der Chefarzt zu bedenken. Als die frisch Operierte nach Erwachen aus der Narkose im Aufwachraum auch männliche Patienten sah, war der Schreck groß.

Es gibt im deutschen Krankenhausalltag Normalitäten, an die sich eine Muslimin erst gewöhnen muss. Andererseits aber überrascht es sie mitunter auch sehr positiv. Beispielsweise als der Mann einer Wöchnerin fragte, ob denn auch das zweijährige Geschwisterkind bei der Mutter in der Klinik bleiben darf und er zaghaft zu bedenken gab, es müsse noch gewickelt werden. Die Antwort der Klinik – „kein Problem“ – hat ihn dann doch sehr erstaunt. Oft seien die Patientinnen sehr verschüchtert, – fremdes Land, fremde Kultur und eine für sie unangenehme medizinische Situation.

Wie auch bei deutschen Vätern inzwischen üblich, bleiben auch muslimische Männer bei der Geburt ihrer Kinder im Kreißsaal, halten sich im Hintergrund, sprechen der Frau gut zu. Jedoch machte der Chefarzt die Erfahrung, dass Hebammen im Gegensatz zu Ärztinnen von ihnen nicht so akzeptiert werden. Sanfte Geburt, Unterwassergeburt, Gebärhocker, Tücher? Das kennen viele nicht und bevorzugen die Standard-Entbindung auf dem Entbindungsbett.

„Wenn sie länger in Deutschland sind, haben sie auch die Vorsorgeuntersuchungen mitgemacht“, sagt die Oberärztin. Wer schon Deutsch spricht, nimmt auch den Informationsabend vor der Geburt wahr. Stillen? „Die Motivation dazu sei groß. Und Stillen sei für die Musliminnen eine Selbstverständlichkeit“, hat Oberärztin Martina Brenner erfahren.