Pflegekosten machen immer mehr Senioren zum Sozialfall

Erfurt  Der Paritätische Wohlfahrtsverband Thüringen fordert eine Begrenzung des Eigenanteils auf höchstens 15 Prozent.

Nach einem arbeitsreichen Leben auf Hilfe vom Amt angewiesen zu sein, ist für viele Senioren mit Scham behaftet. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpa

Nach einem arbeitsreichen Leben auf Hilfe vom Amt angewiesen zu sein, ist für viele Senioren mit Scham behaftet. Symbolfoto: Christoph Schmidt/dpa

Foto: Christoph Schmidt/dpa

Vor dem Hintergrund der sprunghaft gestiegenen Kosten, die Senioren für ihren Aufenthalt in Pflegeheimen aufbringen müssen, fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband Thüringens eine Begrenzung des monatlichen Eigenanteils auf maximal 15 Prozent. Der hatte sich in Thüringen allein in den vergangenen zwölf Monaten von durchschnittlich 1322 auf aktuell 1480 Euro erhöht.

Geld, dass immer mehr Senioren gar nicht aufbringen können, die durchschnittliche Rente im Land beträgt 1100 Euro. Der Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Thüringen, Rolf Höfert, spricht von alarmierenden Zahlen. „Es braucht dringend eine Reform der Pflegeversicherung, die Pflegebedürftige entlastet und vor Armut schützt“, fordert er.

Awo spricht sich für gesetzliche Begrenzung der Eigenanteile aus

Ursache ist die Schieflage im Finanzierungssystem der Pflege. Senioren müssen für ihr Leben im Heim neben den Kosten für Unterkunft und Verpflegung einen Eigenanteil für Pflege aufbringen. Der hat sich aufgrund steigender Gehälter für Pflegekräfte erhöht. Besonders spürbar ist das in Einrichtungen, wo Tarifbindung bislang wenig ausgeprägt war, der Anpassungsbedarf auf Marktniveau groß ist, heißt es beim Paritätischen. Da der Anteil der Pflegekassen jedoch gleich bleibt, sind es die Senioren, die für diese Erhöhung zur Kasse gebeten werden.

Bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Thüringen, die in Thüringen 54 Pflegeheime betreibt, schätzt man die bisherige Gehaltssteigerung auf neun Prozent. Das sei angesichts des Personalnotstands auch „dringend notwendig“, erklärt Sprecher Dirk Gersdorf. „Doch alle Verbesserungen, vom günstigeren Fachkräfteschlüssel bis zu höheren Gehältern, gehen derzeit zu Lasten der Heimbewohner“, kritisiert er. Gerade befinde man sich wieder in Verhandlungen mit den Kassen. „Man muss kein Prophet sein, um zu vorherzusagen, dass die Kosten erneut höher werden.“ Auch die Awo spricht sich für eine gesetzliche Begrenzung der Eigenanteile aus. „Die Senioren brauchen eine Sicherheit, statt jeder neuen Kostenerhöhung entgegenzubangen“, so Dirk Gersdorf.

Mehrbettzimmer in Pflegeheimen können zur Realität werden

Nach Schätzungen der privaten Pflegeanbieter ist bereits etwa jeder zehnte Bewohner eines Pflegeheims in Thüringen auf Zuschüsse von Sozialamt angewiesen. In Erfurt zum Beispiel musste laut Landesamt für Statistik im vergangenen Jahr das Sozialamt mehr als 5,2 Millionen Euro zuschießen, im Wartburgkreis waren es 2,4 Millionen Euro. Insgesamt zahlten in Thüringen Kommunen mehr als 45 Millionen Euro für Pflege in Einrichtungen. Nach einem arbeitsreichen Leben auf Hilfe vom Amt angewiesen zu sein, sei für viele Senioren mit Scham behaftet, weiß man beim Paritätischen. Mehr noch. Der Sparzwang, befürchtet man, könne Mehrbettzimmer in Pflegeheimen zur Realität werden lassen, wenn sich das Finanzierungssystem nicht ändert.

Doch auch das Land könnte auch Sicht der Wohlfahrtsverbände für Entlastung der Senioren sorgen, indem es zum Beispiel die Anteile für Investitions-und Ausbildungskosten übernimmt, für die Senioren in den meisten Fällen auch aufkommen müssen.

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