Schulpsychologin: Weniger Kontakte, weniger Konflikte

Gera.  Schulpsychologen helfen Lehrern, Eltern und Schülern bei Problemen rund um die Schule. Werden die Dienste während der Corona-Epidemie stärker in Anspruch genommen?

Heimunterricht wird wohl noch längere Zeit zumindest teilweise den Alltag der Schüler bestimmen.

Heimunterricht wird wohl noch längere Zeit zumindest teilweise den Alltag der Schüler bestimmen.

Foto: Antti Aimo-Koivisto / picture alliance/dpa

Wir sprachen mit Viktoria Munk-Oppenhäuser, der leitenden Schulpsychologin im Schulamt Ostthüringen in Gera. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Frau Munk-Oppenhäuser, werden die schulpsychologischen Dienste in Thüringen derzeit stärker nachgefragt?

Der Umfang ist in etwa gleich geblieben, aber die Themen haben sich verändert. Anstelle der üblichen Beratungsanfragen kamen nach den Schulschließungen Anfragen von Schulleitungen zum Krisenmanagement, etwa: Wie informiere ich am besten die Eltern? Daraufhin haben wir begonnen, die Amtsleitung zu beraten, was eine gute Strategie des Schulamtes in der Kommunikation mit den Schulen wäre. Die täglichen Einzelanfragen nehmen erst seit Ostern wieder zu, seit klar war, dass die Abiturklassen wieder teilbeschult werden. Und seit Familien sich an Distanzunterricht gewöhnen.

Welche Fragen werden aktuell an Sie herangetragen?

Ein Großteil der Fragen betrifft die Pandemie: Schüler, Lehrer und Eltern fragen uns, wie man am besten mit seiner Angst umgeht? Wir geben gerade einen Newsletter zum psychischen Umgang mit solchen Krisensituation heraus, bis hin zu ganz konkreten Empfehlungen, wie der Distanzunterricht pädagogisch sinnvoll von der Schule aus geleitet werden könnte.

Und welche Tipps haben Sie für Ratsuchende?

Es ist ganz wichtig, dass die Schulleitungen gemeinsam mit den Lehrern ein Gesamtkonzept erarbeiten und sich regelmäßig miteinander absprechen. Welcher Lehrer schickt welche Aufgaben in welchem Fach an welchem Tag über welchen Weg an die Schüler. Nicht, dass der eine Lehrer immer per E-Mail-Aufgaben versendet und keine Rückmeldung will und der andere ganz individualisiert sogar telefonische Rückmeldungen einfordert. Die Individualität, die normalerweise Sinn macht, ist jetzt kontraproduktiv. Man muss sich auch Gedanken machen über Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf. Wichtig ist auch die Frage: Gibt es Familien, die nicht genug Rechentechnik zu Hause haben beziehungsweise nur schlechten Netzempfang? Wir haben tatsächlich einige ganz engagierte Lehrer auf dem Lande, die fahren morgens die Aufgaben aus.

Gab es in der letzten Zeit gehäuft Schüleranfragen?

Nein, nur vereinzelt. An uns wenden sich aber vor allem Lehrer und Eltern. Ansprechpartner der Schüler sind die Beratungslehrer in den Schulen. Wir sitzen im Schulamt.

Und ist der Gesprächsbedarf seitens der Eltern zum Heimunterricht groß? Der eröffnet ja ein ganz neues Konfliktfeld.

Im Moment ist er noch nicht so hoch, wie wir es erwartet haben. Neben allem Neuen erleben wir ja zurzeit auch eine ruhigere Zeit. Durch die Reduzierung von Kontakten im Job, in der Schule, im Familien- und Bekanntenkreis gibt es weniger Konfliktpotenzial.

Wird die Kontaktreduzierung zu Gleichaltrigen Auswirkungen auf die Psyche oder das Sozialverhalten der Schüler haben?

Da gehen die Meinungen in der Fachwelt auseinander. Ich denke, das ist sehr individuell. Schüler, die in der Schule gut integriert sind, familiäre Unterstützung erfahren und über gute Bewältigungsmechanismen verfügen, die werden ganz gut durchkommen. Es wird aber auch ein paar Jugendliche geben, die danach unter mehr Angststörungen oder sozialer Unsicherheit leiden. Abgesehen davon nutzen die Kinder und Jugendlichen aber auch die neuen Medien – und dass viel besser und intensiver als wir Erwachsenen.

Kontakt zu Thüringer Schulpsychologen unter: www.schulaemter.de