Telemedizin: Krankenkasse brüskiert Ärzte in Thüringen

Erfurt  Seit April 2018 ist der Tele-Arzt-Rucksack in Thüringen im Einsatz. Die Techniker Krankenkasse sagte den Einsatz für ihre Patienten im Freistaat ab – macht es aber in Schleswig-Holstein.

Archivfoto vom Start des Telearztes im April 2018 bei einer Patientin in Mechterstädt in Thüringen. TeleVerah Gabriele Liehr (rechts) vermittelte das Gespräch mit Ärztin Sarah Maria Taubert, die aus der Praxis zugeschaltet war.

Archivfoto vom Start des Telearztes im April 2018 bei einer Patientin in Mechterstädt in Thüringen. TeleVerah Gabriele Liehr (rechts) vermittelte das Gespräch mit Ärztin Sarah Maria Taubert, die aus der Praxis zugeschaltet war.

Foto: Hanno Müller

Seit über einem Jahr gibt es in Thüringen den Tele-Arzt-Rucksack. Die Idee: nichtärztliche Praxisassistentinnen von Hausärzten – die sogenannte Verah oder Näpa – können auf Hausbesuchen oder bei Besuchen im Pflegeheim einen Telemedizin-Rucksack nutzen. Das Gepäckstück enthält mehrere als Medizinprodukte zugelassene Messgeräte, mit denen beim Patienten vor Ort Puls, Blutzucker, Gewicht, Blutdruck, Lungenvolumen und Herzfunktion erfasst und über eine sichere Datenverbindung an das Praxisinformationssystem (PVS) übermittelt werden können.

Bei Thüringer Krankenkassen kommt das Projekt TeleArzt allerdings unterschiedlich gut an. Während die AOK plus von Anfang an dabei ist, zweifelte die Landesvertretung der Techniker Krankenkasse bei der Einführung am sinnvollen Einsatz ihrer Versichertengelder und sagte der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ab. Jetzt aber macht die TK eine Wendung um 180 Grad – allerdings nicht in Thüringen, sondern in Schleswig-Holstein. Und brüskiert damit die hiesigen Ärzte. „Spannend daran ist, dass wir den TeleArzt seit 2017 allen in Thüringen tätigen Kassen und ihren Landesverbänden anbieten. Die TK lehnte das im vergangenen Jahr für ihre Mitglieder in Thüringen ab“, sagt KV-Sprecher Veit Malolepsy.

Zahl der Praxen, die den Rucksack nutzen, steigt stetig

Vor allem in ländlichen Regionen mit nur wenigen Ärzten schafft der Tele-Arzt-Rucksack die Möglichkeit, bei Hausbesuchen einen Teil der nichtärztlichen Behandlungsaufgaben zu delegieren. Sofern medizinisch erforderlich, kann der Hausarzt per Video zugeschaltet werden, mit dem Patienten sprechen oder das weitere Vorgehen mit der Praxisassistentin abstimmen.

Seit der Einführung in Thüringen im April 2018 steigt die Zahl der Praxen, die den Rucksack nutzen, stetig – und damit auch die Erfahrungen damit. Einige Startschwierigkeiten konnten laut KV beseitigt werden: Praxen, deren PVS nicht mit der TeleArzt-Software kompatibel sind, können ein datensicheres elektronisches Postfach nutzen. Der nicht ganz billige Einsatz der Technik wird von den Kassen mitgetragen. Neben der AOK macht bislang nur die IKK classic mit. Mehr Teilnehmer wären gut, auch für den Erfahrungsaustausch. Bislang aber halten sich alle anderen in Thüringen tätigen Kassen zurück.

So auch die TK. Gegenüber unserer Zeitung erklärte man die Zurückhaltung seinerzeit damit, dass man zunächst für das Testen des TeleArztes in einer Modellregion plädiere, um ihn „bei ausreichendem Nutzen im gesamten Bundesland auszurollen“. Nicht alles, was technisch möglich und denkbar ist, solle ungefragt übernommen werden. Zudem bereite der Internet-Ausbau in Thüringen Probleme, auf dem Land, wo das Projekt besonders helfen könne, fehlten damit technische Voraussetzungen. So laufe man Gefahr, teure Technik zu finanzieren, die die Versorgung nicht wirklich verbessere. Soweit die Ansicht der TK in Thüringen.

Landesvertretung gibt sich bei Nachfrage eher wortkarg

Bei der TK im ebenfalls durchaus ländlich geprägten Schleswig-Holstein sieht man das offensichtlich anders. Die verkündete dort gerade ihre Unterstützung für ein mit 230.000 Euro bezuschusstes „innovatives Telemedizin-Projekt“, das „die medizinische Versorgung im Norden weiter verbessern“ soll. Gefördert werde die Video-Telefonie zwischen Fachärzten und Hausarztpraxen – Motto: wenn Patientinnen und Patienten nicht zum Facharzt kommen können, kommt dieser per Video-Telefonie zu ihnen.

Ebenfalls mit im Topf: der Tele-Arzt-Rucksack. Gefeiert wird er mit den nahezu gleichen Argumenten, die die Thüringer TK einst nicht überzeugen konnten. Auf unsere Nachfrage zum Projekt im Norden gibt sich die hiesige Landesvertretung eher wortkarg. Verwiesen wird lediglich darauf, dass man inzwischen mit der KV verhandele und entsprechende Verträge in Arbeit seien.

Umso mehr wundert man sich bei der Ärztevertretung. „Was am Ende zählt, sind unterschriebene Verträge. Die gibt es nicht“, sagt Sprecher Veit Malolepsy. Aufmerksam geworden war man in Thüringen durch Twittermeldungen und Zeitungsberichte, in denen das Schleswig-Holsteiner Projekt quasi als Pioniertat gepriesen wird. Sein Erstaunen darüber habe er auch an die TK-Zentrale zurückgetwittert. Malolepsy weiter: „Aus meiner Sicht stützt das unsere These, dass Digitalisierung bei den Kassen vielfach unter Marketing- und Wettbewerbsgesichtspunkten gesehen wird.“

Zu den Kommentaren