Thüringer Ärzte streiten: Sollte Homöopathie zur Facharztausbildung gehören?

Erfurt.  Die ärztliche Weiterbildungsordnung bestimmt, was Fachärzte lernen sollen. Ob dazu auch Homöopathie gehört, darüber gab es bei der Vertreterversammlung der Landesärztekammer heftige Diskussionen.

Ein Fläschchen mit Globoli. Die Wirksamkeit ist umstritten, viele Kassen lehnen deshalb die Kostenübernahme für die Minipillen grundsätzlich ab.

Ein Fläschchen mit Globoli. Die Wirksamkeit ist umstritten, viele Kassen lehnen deshalb die Kostenübernahme für die Minipillen grundsätzlich ab.

Foto: Johanna braun

Die Homöopathie hat zu heftigen Diskussionen bei der Vertreterversammlungen der Landesärztekammer (LÄK) geführt. Thema der Sitzung am Mittwoch war eine neue Weiterbildungsordnung, sie regelt, was Fachärzte in Thüringen künftig können und lernen sollen. Auf Antrag des LÄK-Vorstandes sollte die Homöopathie aus dem Ausbildungskatalog gestrichen werden. Neben den stimmberechtigten Mitgliedern des „Parlamentes der Thüringer Ärzteschaft“ beanspruchten auch ein knappes Dutzend Gäste Rederecht.

Abstimmung war sehr knapp

In der Medizin ist die Homöopathie umstritten. Frankreich und Großbritannien haben sie aus den Leistungskatalogen verbannt, in der Schweiz ist sie als gesetzliche Versorgung verankert. In Thüringen gibt es laut LÄK 116 Ärzte mit entsprechender Zusatzqualifikation, nötig sind dafür 240 Ausbildungsstunden. Eindringlich bat Peter Großgott, Arzt in Weimar und Vorsitzender des Thüringer Landesverband Homöopathischen Ärzte, die Kammervertreter, dies beizubehalten. Nur so bleibe das Fach in der Hand kompetenter Ärzte und werde nicht Scharlatanen überlassen.

Dagegen hielten unter anderem die Allgemeinmedizinerin Ulrike Reinsch und der Kinder- und Jugendmediziner Hans-Jörg Bittrich, beide aus Erfurt. In der Medizin bemühe man sich um Evidenz, die Beibehaltung einer unbewiesenen Disziplin sei das falsche Signal.

Mit 19 zu 17 Stimmen (bei zwei Enthaltungen) fiel die Entscheidung knapp gegen die Verbannung der Homöopathie aus der Weiterbildungsordnung aus. Wie wichtig das für die Homöopathen ist, zeigt die Reaktion der Kassen. AOK, TK und Barmer teilten mit, man finanziere Homöopathie in begrenztem Umfang auf Basis von Selektivverträgen. Vertragspartner können aber nur ausgebildete Schulmediziner mit besagte Zusatzqualifikation „Homöopathie“ sein, die als Vertragsärzte tätig sind.

Kassen bezahlen keine Globuli

Die AOK gibt knapp zwei Millionen Euro ihres Gesamtbudgets von 11,6 Mrd. Euro dafür aus, bei der Barmer sind es 0,007 Prozent aller Leistungsausgaben. Vergütet würden nur Beratungsleistungen, die Kostenübernahme für homöopathische Arzneimittel lehnen beide Kassen ab. „Wir zahlen ausdrücklich keine Globuli“, so Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK plus.

Enttäuscht von der Abstimmung in der Kammer zeigte sich die Präsidentin der Landesärztekammer, Ellen Lundershausen. In der neuen Weiterbildungsordnung bemühe man sich um Wissenschaftlichkeit, dem widerspreche die Homöopathie.

Für die Beibehaltung stimmte Annette Rommel, Chefin der Kassenärztlichen Vereinigung. Sie begründete dies mit Freiräumen, die sich aus der Nutzung naturheilkundlicher oder homöopathischer Methoden ergäben. „Ich schätze an der Homöopathie, dass nicht nur Globuli verteilt werden, sondern dass sich die homöopathisch tätigen Kollegen viel Zeit nehmen bei der Anamnese und sehr viel mit dem Patienten sprechen“, sagte Rommel.

Insgesamt haben 116 Ärztinnen und Ärzte in Thüringen die Zusatzweiterbildung Homöopathie in folgenden Fachgebieten:

  • FA Allgemeinmedizin 63
  • FA Kinder- und Jugendmedizin 10
  • FA Praktischer Arzt 10
  • FA Frauenheilkunde und Geburtshilfe 5
  • FA Innere Medizin 4
  • FA Orthopädie 3
  • FA Augenheilkunde 3
  • FA Anästhesiologie 3
  • FA Hals-Nasen-Ohrenheilkunde 2
  • FA Physikalische und Rehabilitative Medizin 2
  • FA Chirurgie 2
  • Ohne Facharzt (Übergangsregelung) 2
  • FA Orthopädie und Unfallchirurgie 1
  • FA Urologie 1
  • FA Arbeitsmedizin 1
  • FA Haut- und Geschlechtskrankheiten 1
  • FA Öffentliches Gesundheitswesen 1
  • FA Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 1
  • FA Psychiatrie und Psychotherapie 1