Thüringer Pfarrer in Südtirol: „Ich bete für die Menschen weltweit“

Meran/Jena/Magdala.  Seit sechs Jahren lebt der Jenaer Pfarrer Martin Krautwurst in Südtirol und hofft, dass seine alte Heimat von dem verschont bleiben möge, was die neue derzeit durchmacht.

Corona-Krise in Südtirol: Carabinieri patrouillieren auf der Kurpromenade von Meran.

Corona-Krise in Südtirol: Carabinieri patrouillieren auf der Kurpromenade von Meran.

Foto: Martin Krautwurst

Immer wieder sind seine Gedanken in diesen Tagen in Deutschland und in Thüringen. Denn hier leben seine drei erwachsenen Töchter und viele gute Freunde, weshalb er inständig hofft, dass die alte Heimat von dem verschont bleiben möge, was die neue derzeit durchmacht: Der Jenaer Pfarrer Martin Krautwurst und seine Frau Ulrike leben seit sechs Jahren in italienischen Meran, mithin einer der vom Coronavirus am heftigsten gebeutelten Regionen. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Bis Mitte Februar erlebte das Ehepaar die Kurstadt nie anders als voller Touristen, die bei Kaffee oder Wein die wunderbare Landschaft genossen. Inzwischen haben sich die Krautwursts daran gewöhnt, dass Straßen und Plätze menschenleer sind, die Carabinieri mit Schutzmasken auf der Passerpromenade patrouillieren und das Militär die zentralen Plätze in Beschlag genommen hat – Zeichen der vor Wochen verhängten strengen Ausgangssperre.

Meran ist eine Geisterstadt

Obwohl sie zumeist in sehr kleinen Wohnungen lebten und sich das Leben sonst zu großen Teilen auf der Straße abspiele, seien die Südtiroler sehr verständnisvoll und diszipliniert. „,Geisterstadt‘ ist eine treffende Beschreibung für die aktuelle Situation“, sagt Krautwurst, der 16 Jahre lang in Magdala bei Weimar Pfarrer war. „Es gibt zwar nach wie vor Schlangen vor dem Supermarkt, aber immer mit dem nötigen Abstand.“ Toilettenpapier horte indes in Italien niemand.

Meran grüne und blühe und zeige sich bei Sonnenschein mit seinen schneebedeckten Bergen von seiner schönsten Seite. „Doch die wenigsten können dieses Paradies noch wahrnehmen“, sagt Martin Krautwurst. Nach wie vor bestehe ein striktes Versammlungsverbot: „Unser Tango-Gottesdienst zum Valentinstag war im Grunde unsere letzte Veranstaltung.“ Die Christuskirche bleibe zwar geöffnet, „aber nur sehr selten kommt jemand zum Gebet“. Dabei hält Martin Krautwurst täglich um 12 und um 18 Uhr ein Gebet: „Ich bete für die Gemeinde, für die Menschen dieser Stadt und weltweit.“

Auch aus Thüringen erreichten ihn Gebetsanliegen, die er aufgreife. Zudem schreibe er täglich die „Worte zum Tag“, eine kurze Andacht zur Tageslosung, die inzwischen an mehr als 1000 Adressen gehe, bei Facebook, Instagram und auf der Homepage abrufbar sei und in neun verschiedenen Ländern gelesen werde: „Das verbindet uns auch mit der alten Heimat“, sagt Krautwurst, der in einer protestantischen Diaspora arbeitet. Denn 95 Prozent der Einwohner Südtirols sind katholisch. Sein Gemeindegebiet erstreckt sich vom Reschenpass bis zum Gardasee.

Selbst die Friedhöfe sind geschlossen

Hochzeiten und Taufen wurden verschoben, sagt Krautwurst, Trauerfeiern dürften nur mit bis zu sechs Personen im Freien am Grab stattfinden. „Das ist wirklich traurig“, sagt der Pfarrer. Selbst die Friedhöfe seien offiziell geschlossen. Da Besuche derzeit nur im Ausnahmefall und mit Passierschein möglich seien, konzentrieren sich der Pfarrer und seine Frau darauf, alleinstehende Gemeindeglieder mit Lebensmitteln, Medikamenten oder auch Literatur zu versorgen.

„Zudem hat sich in unserer Gemeinde ein Netz an täglichen Anrufen entwickelt, so dass jeder jeden Tag jemanden zum Reden hat.“ Zum Glück gebe es eine Telefonflatrate. „Die Kosten würden sonst explodieren.“ Familien mit Kindern versorgt Krautwurst jede Woche mit einem Kindergottesdienst über WhatsApp, außerdem liest er den Kindern per Sprachnachricht eine Geschichte vor: „Als Belohnung nach den Schulaufgaben und zur Entlastung der Eltern.“ Diese Woche ist Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ dran.

Überhaupt experimentieren die Krautwursts mit allen Möglichkeiten moderner Kommunikation: Ehefrau Ulrike erteilt online Flötenunterricht, per FaceTime findet Seelsorge statt, und über das lokale Fernsehen kommt das „Wort zum Sonntag“ in die Wohnzimmer. Gemeindearbeit in Zeiten der Corona-Krise.

Martin Krautwurst wünscht sich, dass es gelingt, das Gute aus dieser Katastrophe – die heilende Nähe, den Gemeinsinn, die Kreativität – hinüberzuretten in die Zeit danach. Kaum erwarten kann er indes den Moment, da er seine Kinder und Enkel wieder in die Arme schließen kann. Wie er sich auch auf ein Wiedersehen mit Thüringen freut, wohin er nach dem Ende seiner Dienstzeit in drei Jahren zurückkehren will: „Hier in Meran ist es wunderschön. Aber Heimat ist nun einmal Heimat.“