„Wer Ärzten rückhaltlos vertraut, schadet sich“: Ein Thüringer Arzt deckt auf

Saalfeld  „Wer Ärzten rückhaltlos vertraut, schadet sich“: Gerd Reuther hat ein Buch geschrieben, das vielen seiner Kollegen nicht gefallen wird – Seine Botschaft: Vertraue nur dem Zweifel.

Dr. med. Gerd Reuther, Arzt und Buchautor aus Saalfeld, Verfasser des Buches "Der betrogene Patient". Foto: Renate Reuther

Foto: zgt

Die erste Begegnung ist zugleich die erste Überraschung. Der Dr. med., der da vor zwei Jahren seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, um ein Buch zu schreiben, ist kein von Leben und Job gezeichneter Senior, sondern ein schlanker und vitaler Mittfünfziger, wie sie einem per Fahrrad an den Serpentinen zur Serra de Tramuntana auf Mallorca oder beim Moonlight Classic Skimarathon auf der Seiser Alm begegnen.

Er sei „im Pilotenalter“ aus dem Berufsleben ausgeschieden, sagt Gerd Reuther. Zum Teil aus Frustration, weil er als Radiologe nur dann mitwirken durfte, wenn die schneidenden Fächer ihn hinzuzogen. Aber wohl auch, weil er es sich leisten kann. Nach 30 Jahren als Arzt in zumeist leitender Funktion mit Stationen in Wiesbaden, Wien und Saalfeld muss man nicht mehr zwingend jeden Tag zur Arbeit gehen, um ein Auskommen zu haben.

Die Zweifel, ob das alles richtig ist, was da im Medizinbetrieb so vor sich geht, seien ihm schon in den 1980er Jahren gekommen, als er in den Klinikbetrieb einstieg. Nach dem Medizinstudium in Erlangen sei er der festen Überzeugung gewesen, dass 90 Prozent der Dinge, die ein Mediziner tut, sinnvoll sind. In den 30 Jahren danach habe sich dieser Prozentsatz sukzessive geändert, bis sich das Verhältnis am Ende umgedreht habe. „Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass 90 Prozent der Behandlungen überflüssig oder für den Patienten sogar schädlich sind“, sagt der 57-Jährige.

In seine Zeit in den Thüringen-Kliniken in Saalfeld, wo er ab 2007 in leitender Funktion in der Radiologie tätig ist, fallen die ersten Gedanken an ein Buch. Einmal aufschreiben, was ist. Einmal die Gedanken zusammenfassen, die ihn seit Jahren bewegen, Dinge beim Namen nennen, die nicht passen. Und einmal einen Ausweg zeigen.

Kurz vor seinem Ausscheiden 2014 wird das Projekt konkret. „Ich habe eine Marktforschung vorangestellt und mir danach anderthalb Jahre Zeit gegeben für das Buch“, sagt Gerd Reuther. Zu seinem Erstaunen gibt es zwar diverse medizinkritische Bücher zu Teilaspekten wie gefährlichen Vorsorgeuntersuchungen, dem Einfluss der Pharmaindustrie auf den Medizinbetrieb oder tödlichen Psychopharmaka – eine Generalkritik aber, wie sie ihm vorschwebte, existiert auf dem Buchmarkt noch nicht.

Mit Akribie, Disziplin und Fleiß stürzt sich der Mediziner im Ruhestand in die Arbeit am Buch. Mitte 2016 ist das Werk mit dem Arbeitstitel „Vertraue nur dem Zweifel“ fertig. Seine Frau, die Historikerin und Buchautorin Renate Reuther, glättet sprachlich und sorgt dafür, dass es auch für medizinische Laien lesbar ist. Am Ende sind von den 400 Buchseiten allein 60 mit fast 1400 Literaturverweisen gefüllt. „Ich hoffe, dass ich für ausreichende juristische Belegbarkeit gesorgt habe“, sagt Reuther. Er habe keine Primärforschung betrieben, sondern eine Zusammenfassung dessen geschrieben, was an Erkenntnissen da ist. Dass diese Erkenntnisse vielen seiner früheren Kollegen nicht schmecken werden, ist ihm bewusst. „Alle Fakten sind nachprüfbar“, sagt Reuther trotzig. „Wer andere hat, kann sich melden“.

Seine Kernaussage spiegelt sich im Buchtitel wider, den der Riva-Verlag in München kreierte: „Der betrogene Patient – Ein Arzt deckt auf, warum Ihr Leben in Gefahr ist, wenn Sie sich medizinisch behandeln lassen“. Das klingt ein bisschen marktschreierisch, trifft aber den Inhalt exakt. Es geht um Medizin ohne Nachweis und kritische Selbstkontrolle, erfundene Studien, ärztlichen Aktionismus, Interessenkonflikte und undurchsichtige Geldflüsse, schließlich den „Hochrisikobereich Klinik“.

„Wer Ärzten rückhaltlos vertraut, schadet sich.“

Die ärztliche Behandlung sei zu unserer häufigsten Todesursache geworden, erklärt das Buch. „Wer den Therapieempfehlungen der Mediziner rückhaltlos vertraut, schadet sich häufiger, als er sich nützt. Erschreckend viele Behandlungen sind ohne nachgewiesene Wirksamkeit und oft wäre das Abwarten des Spontanverlaufs sogar wirksamer und nachhaltiger“, heißt es im Begleittext des Verlages.

Das traurige Bild bleibt nicht ohne Hoffnung. Am Ende zeigt Reuther in zwanzig Punkten auf, wie eine neue, bessere Medizin aussehen könnte.

Bei allem Erkenntnisgewinn ist das heute erscheinende Buch aber auch unterhaltsam. Es spielt mit Bonmots, etwa von Voltaire, der sagte: „Die Kunst der Medizin besteht darin, den Kranken so lange bei Laune zu halten, bis die Natur die Krankheit geheilt hat“. Was nur zutreffe, „so lange keine nebenwirkungsträchtigen Maßnahmen zur Anwendung kommen“, fügt Reuther hinzu. Denn dann schade Medizin oft mehr, als sie nutze.

Er räumt mit dem Mythos von der medizinischen Lebensverlängerung auf, führt die in den vergangenen 70 Jahren explodierten Kosten im Gesundheitswesen an und zeigt, wie die in 20 Jahren verdoppelten Fallzahlen in der Psychiatrie mit der Verteilung von Psychiatern und Psychotherapeuten korrelieren. Weder 50 Prozent mehr Ärzte seit 1990 noch die weit verbreitete Blutdruck- und Cholesterinsenkung hätten etwas daran geändert, dass jährlich etwa ein Prozent der Bevölkerung stirbt. Reuthers Befund: „Ärzte können Einzelschicksale zum Guten oder Schlechten verändern wie die Börse das Vermögen – die Summe der Toten bleibt allerdings gleich, wie das Geld nur den Besitzer wechselt.“

Das Grundprinzip ärztlichen Handelns, „primum non nocere“ (zuerst einmal nicht schaden) und nur zu behandeln, wenn eine zwingende Notwendigkeit gegeben scheint, sei zu einer Minderheiteneinstellung geworden.

Leben sei zum Risikozustand verkommen, bei dem ärztlicher Zugriff jederzeit möglich ist. Wenn gemäß einer Forsa-Umfrage zwei Drittel der Befragten Angst vor Krebs haben und die Hälfte vor Demenz, obwohl die Wahrscheinlichkeit dafür im mittleren Alter im Promillebereich liegt, sei eine unrealistische Krankheitsangst in den Köpfen angekommen. Dabei müssten Medikamentenverpackungen „mit Warnhinweisen und Schockbildern wie Zigarettenschachteln gekennzeichnet werden“, so der Mediziner.

„Als ob die Zunahme von Erkrankungen mit dem Lebensalter nicht schon ausreichen würde, erfinden Ärzte und ihre Fachgesellschaften neue Krankheiten, psychiatrisieren Stimmungsschwankungen, senken Schwellenwerte und verzögern das Sterben im Einzelfall fast um jeden Preis“, klagt der Arzt, der sich selbst am liebsten von Medizinern fernhält. Nicht zufällig sei die Zahl der Einzeldiagnosen von 44 im Jahr 1893 inzwischen auf unglaubliche 16 000 angewachsen.

Von den Krankenhäusern fordert er, den Ursachen von Todesfällen auf den Grund zu gehen, um aus möglichen Behandlungsfehlern zu lernen. „Ich habe allerdings den Eindruck, man will gar nicht so genau wissen, woran die Leute gestorben sind“, sagt Gerd Reuther. Sein Ideal wäre der mündige Patient, der alle Informationen vom Arzt seines Vertrauens bekommt und dann eine Entscheidung trifft.

Das Buch „Der betrogene Patient“ wurde in Pößneck gedruckt, ab heute ist es im Buchhandel erhältlich (gebundene Ausgabe 19,99 Euro, ISBN: 978-3-7423-0071-3).

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