Wismut-Kumpel kämpfen mit den Spätfolgen ihrer damaligen Arbeit

Ronneburg  Eine Radio-Reportage blickt in die Abgründe der Anerkennung von Berufserkrankungen bei der Wismut.

Die Spitzkegelhalden unweit von Ronneburg wurden in den Jahren 2004 bis 2006 abgetragen. Sie zeugten davon, wie die Region von der Wismut geprägt war. Doch die Leben vieler Wismut-Kumpel sind noch heute von ihr geprägt.

Die Spitzkegelhalden unweit von Ronneburg wurden in den Jahren 2004 bis 2006 abgetragen. Sie zeugten davon, wie die Region von der Wismut geprägt war. Doch die Leben vieler Wismut-Kumpel sind noch heute von ihr geprägt.

Foto: Jan-Peter Kasper, Archiv

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Reinhart Brüning ist Wissenschaftsjournalist. Er studiert gerade Physik in Marburg, als sich im April 1986 die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignet. „Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit den Risiken der Atomkraft“, erzählt der 53-Jährige. Es folgen zwei große Reportagen über Tschernobyl. Er ist außerdem Teil des ersten deutschen Reporterteams, das Fukushima besucht und direkt aus dem Reaktorblock 1 berichtet.

„Nach meiner Reportage über Fukushima bekam ich die Zuschrift eines Zuschauers“, berichtet Brüning. Der Mann erklärte darin, dass es bei der Wismut zu vielen Erkrankungen ­infolge der Strahlenbelastung beim Uranabbau gekommen sei, jedoch viele ehemalige Wismut-Arbeiter die Anerkennung als Berufskrankheit nicht zugesprochen bekämen.

Brüning ging der Sache nach. Dabei wurde er auf Gerti Warta aufmerksam. Ihr Fall sei bei einer Konferenz in Ronneburg 2014 diskutiert worden. „Der Fall war besonders. Mich überraschte, mit welcher Entschlossenheit sie den Streit verfolgt hat“, sagt Reinhart Brüning. Ordnerweise habe sie den Krankheitsverlauf, den Schriftverkehr mit der Berufsgenossenschaft und deren Akten dokumentiert.

Wartas Ehemann hatte seit seinem 22. Lebensjahr bei der Wismut gearbeitet, unter anderem im Tagebau Lichtenberg. Er erkrankte und starb an Lungenkrebs. Gerti Warta kämpfte 14 Jahre lang – auch noch als sie schon Witwe war – um die Anerkennung des Krebses ihres Mannes als Berufskrankheit. Sie verlor in allen Instanzen gegen die Berufsgenossenschaft.

Etwa 500 000 Menschen haben bei der Wismut gearbeitet, ohne dabei über das Strahlenrisiko aufgeklärt worden zu sein. Die gesundheitlichen Auswirkungen der radioaktiven Strahlung bekommen die Kumpel noch heute zu spüren. Die häufigste Erkrankung sei, laut Brüning, der Lungenkrebs. Der komme oft erst nach Jahrzehnten. Bisher wurde bei 10 000 Wismut-Kumpeln eine strahlenbedingte Berufserkrankung anerkannt. Beim größten Teil der Krebserkrankungen streite die Berufsgenossenschaft eine berufliche Verursachung ab.

Seit 2015 recherchiert Brüning zum Fall Warta und den Anerkennungsverfahren von Berufskrankheiten aufgrund von Strahlung im Uranabbau bei der Wismut. Sein Vorwurf: Die Verfahren seien ungerecht – und zwar zulasten der Betroffenen. Die Recherchen zeigten, das die Anerkennungsverfahren eine Vielzahl von Schwachpunkten aufweisen.

Ausschlaggebend für eine mögliche Anerkennung sei die sogenannte Verursachungswahrscheinlichkeit. Diese müsse bei über 50 Prozent liegen. Erst dann gelte eine Krankheit als Berufserkrankung. Denn die Ursache für eine Krebserkrankung könne nie genau bestimmt, sondern nur vermutet werden.

Um jene Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, rekonstruiert der technische Dienst der Berufsgenossenschaft zuerst, welcher Strahlenbelastung der Kumpel ausgesetzt war.

Von der Strahlenbelastung, die sich aus der Tätigkeit, dem Arbeitszeitraum und dem Arbeitsort berechnet, lassen sich Schlussfolgerungen auf die Verursachungswahrscheinlichkeit ziehen. Jedoch lägen jenen Berechnungen veraltete oder ungenaue Werte zugrunde.

Milliarden Zusatzkosten bei fairer Regelung

„Die Vorannahmen sind äußerst ungenau, weil es bezüglich der Strahlenbelastung bei der Wismut keine Messwerte gibt“, sagt Reinhart Brüning. Da keiner ein Dosimeter trug, sei auch wirklich nur eine grobe Schätzung möglich. Der wahre Wert an Strahlenbelastung, den ein Kumpel abbekommen habe, könne so um ein Zehnfaches abweichen. Eine solche Schwankung, ein sogenannter Fehlerbalken, sei nie ermittelt worden. „Die Betroffenen erhalten dann ein Ergebnis. Das ist eine Zahl mit zwei Kommastellen. Das suggeriert eine Genauigkeit, die es gar nicht gibt“, so Brüning. Bereits 2005 habe die Strahlenschutzkommision diesbezüglich Kritik geübt. Doch habe sich in der Praxis nichts geändert. Lediglich eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz bestätigte im vergangenen Jahr, dass es eine Vielzahl voneinander unabhängiger Fehlerquellen gibt.

Doch warum ändert sich nichts? Reinhart Brüning vermutet: „Das ist eine politische Entscheidung.“ Die Recherchen des Journalisten zeigen, dass bei einer fairen Regelung Zusatzkosten von mehreren Milliarden Euro fällig würden. Für die Kosten müsste das Bundeswirtschaftsministerium als Rechtsnachfolger der Wismut geradestehen.

Der Deutschlandfunk (DLF) sendet ein Feature von Reinhart Brüning. Darin besucht er gemeinsam mit Gerti Warta das Schaubergwerk in Ronneburg. Die beiden sprechen auch mit Vereinsmitgliedern, die sie durch das Bergwerk führen. Außerdem kommen Experten zu Wort. Die Meinungen von Brünings Gesprächspartnern gehen dabei weit auseinander.

Der Deutschlandfunk sendet das 45-minütige Feature „Der Fall Warta. Gerechtigkeit für einen toten Wismut-Kumpel“ am Dienstag ab 19.15 Uhr.

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