„Granny Aupair“: Als Leihoma von Thüringen nach Shanghai

Meusebach  Die pensionierte Lehrerin Marion Gröschel (66) aus Meusebach hat sich einen Traum erfüllt und ist in eine fremde Familie und Kultur eingetaucht.

Marion Gröschel (66), mit eingegipsten Händen in ihrem Haus in  Meusebach (Saale-Holzland-Kreis), war als „Granny Aupair“  von Oktober vergangenen Jahres bis Januar in Shanghai.

Marion Gröschel (66), mit eingegipsten Händen in ihrem Haus in  Meusebach (Saale-Holzland-Kreis), war als „Granny Aupair“  von Oktober vergangenen Jahres bis Januar in Shanghai.

Foto: Ulrike Kern

Im idyllischen Meusebach im Saale-Holzland-Kreis, umsäumt von Wald und grünen Wiesen, wohnen 94 Einwohner. Eine von ihnen ist Marion Gröschel, pensionierte Lehrerin für Sport und Geografie in Triptis und 25 Jahre lang auch Fachleiterin in Thüringen. Sie liebt ihren Heimatort. Aber regelmäßig zieht es sie raus in die großen Städte, wo das pralle Leben mit allen seinem Für und Wider tobt. „Ich brauche den Kontrast“, sagt sie selbst, um dann auch wieder mit der Ruhe und Abgeschiedenheit Meusebachs klarzukommen.

Nun, der Kontrast, den sich die lebenslustige, umtriebige und sehr heitere Dame im vergangenen Oktober selbst gewählt hat, hätte nicht größer sein können. Sie ist als „Granny Aupair“ nach Shanghai gereist, hat also ihr 94-Seelen-Dorf gegen eine 24-Millionen-Einwohner-Metropole getauscht.

Schon bevor sie im Sommer vergangenen Jahres in den Ruhestand ging, war Marion Gröschel bei „Granny Aupair“ angemeldet, einer Plattform, die weltweit zwei Parteien miteinander verbindet: Familien, die temporär eine Leihoma zur Kinderbetreuung suchen, und aufgeschlossene, unternehmungslustige Frauen, die sich gern bei einer fremden Familie und in einer fremden Kultur mithelfend integrieren möchten.

Für die pensionierte Lehrerin, die ihr Leben lang Umgang mit Kindern hatte und das Reisen so sehr liebt, genau das Richtige. Sie besucht noch Kurse in Hamburg, um als Granny im Ausland mental gut gerüstet zu sein, und stürzt sich in ihr Abenteuer.

Die Vorliebe für Asien ist schon immer vorhanden. Schon oft war sie auch mit dem Rucksack in verschiedene asiatische Länder gereist. Es fällt der Thüringerin also nicht schwer, sich auf der Plattform von „Granny Aupair“ für eine deutsch-chinesische Familie mit fünfjährigen Drillingen in Shanghai zu entscheiden. „In China war ich vorher noch nie, es hat mich schon sehr gereizt, gerade wegen der Widersprüche im Land und der Kultur“, erzählt Marion Gröschel. Sie tritt in Kontakt mit den Eltern, bespricht die Details und tritt Ende Oktober ihre Reise an.

Es ist eine Reise in eine andere Welt, nicht nur die Esskultur ist eine andere, der Umgang mit Medien ist anders, auch die Kindererziehung wird anders gelebt als in Deutschland. „Man muss sich darauf einlassen wollen, darf sich nicht versperren oder die eigenen Maßstäbe ansetzen. Man muss, auch wenn manches eine Herausforderung ist, die Dinge gelassen sehen“, erzählt sie. Das war trotz Vorbereitung eine harte Nuss.

Von Shanghai, wo sie mit der Familie etwas außerhalb wohnt, ist die 66-Jährige begeistert. „Man wird gut behütet, überall steht Sicherheitspersonal. Dafür habe ich mich sicher in dieser riesigen Stadt gefühlt und bin auch abends allein durch die Stadt gelaufen. Alles ist unglaublich sauber, gepflegt, sehr modern, aber zugleich auch traditionell.“ Die gängigen Sehenswürdigkeiten für Touristen lässt sie erst einmal aus. Sie kommt irgendwann wieder nach Shanghai, das steht für Marion Gröschel schon fest.

Zucker ist verpönt, dafür isst man fettreicher

Zunächst möchte sie den Alltag der Menschen und ihrer Familie kennenlernen. „Ich bin überall mit hingegangen, hab mich ins Gewusel gestürzt, in die Bank, in Parks, Bäder, Indoorspielplätze, auf lokale Märkte, sogar Heiratsmärkte, in Malls oder sonst wo, und habe alles beobachtet.“ Drei Monate hat sie vor, zu bleiben. Länger erlaubt das Visum ohnehin nicht. Sie legt sich mithilfe der chinesischen Familie ein eigenes Bankkonto an. Um überall bargeldlos bezahlen können, richtet sie sich „WeChat“ ein, das chinesische Whatsapp. Ohne Handy geht in Shanghai nämlich gar nichts.

Sie benutzt wie die Einheimischen Mietfahrräder und Roller, um in der riesen Metropole mobil zu sein, und baut sich ein kleines Netzwerk im Umfeld der Deutschen Schule, der größten im asiatischen Raum, auf, indem sie sich als Vorlesepatin einbringt.

Den Drillingen, die einen deutschen Vater haben, soll sie die deutsche Sprache beibringen, unsere Kultur vermitteln, mit ihnen die Freizeit verbringen, basteln, vorlesen und spielen. Für die agile Dame kein Problem. „Die Drillinge sind sehr lebhaft, aber auch lieb. Wir haben uns super verstanden.“ Für die Vorweihnachtszeit nimmt sie extra Backzutaten, Pudding und Milchreis aus Deutschland mit, um unter anderem traditionelle Weihnachtsplätzchen für die Familie zu backen. Die Kleinen haben die deutsche Nascherei geliebt, für die Erwachsenen waren die Plätzchen zu süß.

Ohnehin, so erzählt Marion Gröschel, ist Zucker in China sehr verpönt. Dafür ist die einheimische Küche etwas fettreicher. Natürlich auch viel gedünstetes Gemüse und Fisch. „Ich habe in der Zeit sogar abgenommen, essenstechnisch aber ganz viel probiert.“

In der Weihnachtszeit reist ihre Gastfamilie für drei Wochen nach Berlin zum deutschen Großvater. Marion Gröschel ist somit allein in der Großstadt und zieht vorübergehend aus dem Randgebiet Shanghais in eine sehr zentrale Stadtwohnung einer befreundeten Lehrerin. Alles ist nun fußläufig erreichbar, und sie nutzt die freie Zeit, um die Stadt und das Leben richtig kennenzulernen. Über Silvester kommt ihre Tochter zu Besuch. „Obwohl man es in China nie vermuten würde, aber in Shanghai ist wie in allen chinesischen Großstädten die Knallerei zum Jahreswechsel strengstens verboten. Ohnehin feiern die Chinesen erst am 5. Februar ihr mehrtägiges, familiäres Neujahrsfest. Dann sind alle mit Reisen, Essen, Feiern und Verschenken beschäftigt. Doch bis dahin wollte ich schon wieder in Deutschland sein, um den großen Reiseverkehr zu umgehen“, erzählt Marion Gröschel. Ohnehin wäre das Visum bis dahin abgelaufen, doch es sollte anders kommen.

Denn kurz nach der Abreise ihrer Tochter stolpert die Granny Aupair bei einem abendlichen Fotostreifzug durch die Stadt und bricht sich dabei beide Hände. Also lernt sie – unfreiwillig – auch noch das chinesische Gesundheitssystem kennen und bekommt jeweils rechts und links einen Gips verpasst, den sie auch heute noch trägt. Der Orthopäde rät ihr zur Heimreise, ohnehin kann sie in diesem Zustand den Drillingen keine gute Ersatz-Oma mehr sein. Schon am 8. Januar geht es deshalb für sie zurück nach Deutschland – zwar mit zwei eingegipsten Händen, aber ganz vielen tollen Eindrücken und Erlebnissen. Doch der Kontakt zur Gastfamilie in Shanghai bleibt bestehen. Sie hätten gern, dass die Granny wiederkommt.

Und auch Marion Gröschel ist sich sicher, dass es ein Wiedersehen geben wird. „Generell finde ich dieses Austausch- Programm super und kann deshalb nur allen Damen, die noch fit sind, und die Welt kennenlernen wollen, raten: Habt Mut, euch ins Unbekannte zu stürzen, genießt das Leben, und lasst euch ein auf fremde Kulturen. Es ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, sagt sie.

Zu Granny Aupair

  • Mit der Agentur „Granny Aupair“ mit Sitz in Hamburg schuf Michaela Hansen im Januar 2010 die erste Plattform dieser Art.
  • Bereits zwei Jahre nach Gründung wurde „Granny Aupair“ von der Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.
  • Die Agentur ist eine reine Kontaktvermittlung. Die Konditionen des Aufenthaltes – wie zum Beispiel Arbeitszeiten, Taschengeld, Aufgaben und eventuell die Übernahme der Reisekosten – regeln die teilnehmenden Frauen,die sogenannten Grannies, selbst mit den Familien.
  • Die Grannies, gliedern sich in die Familien ein, teilen den Alltag und erleben so ein fremdes Land intensiver und direkter.
  • Mittlerweile sind mehrere Tausend Grannies in mehr als 50 Länder gereist.
  • Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.granny-aupair.com