„Halle ist wirklich sehr nah“ – Wie Juden in Thüringen auf den Anschlag reagieren

Erfurt  Trauer, Verunsicherung und Forderungen nach konsequentem Durchgreifen des Staates:

Matthias Tordinic, der eine Rose zur Synagoge bringt, um sein Mitgefühl auszudrücken.

Matthias Tordinic, der eine Rose zur Synagoge bringt, um sein Mitgefühl auszudrücken.

Foto: Sascha Fromm

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Auch in der Erfurter Synagoge feierte am Mittwoch die Jüdische Gemeinde den Jom-Kippur-Gottesdienst. „Nach einer kurzen Pause am Nachmittag berichteten einige sehr aufgeregt vom Anschlag in Halle“, erzählt Rabbiner Alexander Nachama. „Ich konnte es erst nicht fassen, Halle ist wirklich sehr nah. Wir beteten für die Opfer, die Stimmung war sehr bedrückt.“ Als der Gottesdienst gegen 19.30 Uhr beendet war, sahen sie bewaffnete Polizei vor der Tür der Synagoge. Das habe viele Gläubige etwas beruhigt.

Normalerweise, sagt der Rabbiner, sei das gemeinsame Essen nach dem Jom-Kippur-Fasten ein freudiges Ereignis. Doch an diesem Abend habe im jüdischen Gemeindezentrum fast Sprachlosigkeit geherrscht, kaum jemand unterhielt sich. Was soll, fragt er, man auch sagen an einem solchen Tag? „Viele dachten sich: Es hätte auch in Erfurt passieren können.“

Die harsche Kritik des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, an den mangelenden Sicherheitsvorkehrungen in Halle kann der Rabbiner nachvollziehen, zumal die Polizei wohl erst nach 20 Minuten eintraf. Der Schutz der Synagoge und der anderen jüdischen Einrichtungen müsse auch in Erfurt erhöht werden. Darüber sei man seit gestern bereits im Gespräch mit den Zuständigen im Land.

„Doch das eigentliche Problem wird das nicht lösen“, sagt Rabbiner Nachama. Die Hemmschwelle für antisemitische Anfeindungen sei gesunken. Durch Aussagen wie „Denkmal der Schande“ und „Vogelschiss in der Geschichte“ fühlten sich solche Leute bestätigt.

Im kommenden Herbst wird in Thüringen das Themenjahr „900 Jahre jüdische Geschichte in Thüringen“ eröffnet. Alexander Nachama setzt Hoffnungen darauf, dass man damit auch Menschen erreicht, die kaum oder gar nichts über das Judentum wissen. Um Vorurteile abzubauen und zu sensibilisieren.

Polizei müsse bei antisemitische Straftaten härter Durchgreifen

Der Anschlag kam nicht gänzlich unerwartet, sagt Jascha Nemtsov. Er ist Professor für jüdische Musik in Weimar, außerdem unterrichtet er am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam. Aus Gesprächen mit Studenten, die in der Öffentlichkeit Kippa tragen und auch aus dem Bekanntenkreis wisse er, dass die Schamgrenze für antisemitische Übergriffe sinkt. Von einer allgemeinen judenfeindlichen Atmosphäre in Deutschland will er aber nicht sprechen. Auch wenn das viele nach den Ereignissen von Halle verständlicherweise emotional so empfinden würden. Aber er sieht ein großes Sicherheitsproblem, der Staat versage hier, sagt er deutlich. Nicht nur in Halle, wo es keinen Polizeischutz gab. Der Mann, der erst vor einer Woche mit einem Messer vor der Neuen Synagoge in Berlin auftauchte, sei kurz darauf auf freien Fuß gesetzt worden, antisemitische Straftaten ahnde die Polizei oft gar nicht. Er erwartet härteres Durchgreifen von Polizei und Justiz. „Wenn das potenziellen Tätern klar ist, überlegen sie zweimal, bevor sie einen Juden beschimpfen, bespucken oder angreifen.“

Fühlt man sich als Jude in Deutschland sicher? Von „sicher“, antwortet Jascha Nemtsov, kann man nicht sprechen.

Etwa 850 Menschen gehören zur Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen. Die Mehrheit von ihnen kam in den 90er-Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. „Viele fragen sich jetzt, ob ihre Entscheidung für Deutschland ein Fehler war. Ob die Zukunft ihrer Kinder und Enkel hier liegen kann“, beschreibt Ilja Rabinovitch von der Jenaer Gemeinde die seelischen Folgen des Anschlags von Halle. Was sie jetzt erwarten? Es gibt kein Rezept, sagt er bitter, das uns hundertprozentig schützen kann. „Niemand kann uns auf solche Gewalttaten vorbereiten. Der Mensch wird doch für das Glück geboren.“

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