Mehr als 100 Kreuze mahnen in Sülzhayn

Sülzhayn  Abgesehen von Nordhausen hat Sülzhayn die größte Kriegsgräberstätte im Südharz. Der Friedhof auf dem Mittelberg wurde 1917 angelegt.

Die schlichten Metallkreuze stellte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1992 auf. Sie erinnern an Dutzende Menschen, die im Zweiten Weltkrieg starben.

Die schlichten Metallkreuze stellte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1992 auf. Sie erinnern an Dutzende Menschen, die im Zweiten Weltkrieg starben.

Foto: privat

Was für eine Symbolik: Kein Sülzhayner, sondern ein Kohlenarbeiter aus Sachsen ist 1917 der erste zu Grabe Getragene auf dem neuen Friedhof am Mittelberg. Der I. Weltkrieg hat Otto Hilbert zum Soldaten im Infanterie-Regiment 139 gemacht, im August 1916 an der Somme zum Kriegsopfer: Eine Schrapnellkugel zerschmetterte ihm die linke Schulter. Die Wunde verheilte, doch die verborgene Tuberkulose brach aus.

Bis Anfang 1917 verbrachte Otto Hilbert seine letzten Tage in der Militär-Lungenheilanstalt Sülzhayn, für die in jenen Weltkriegsjahren in der Klinik am Steierberg Platz sein musste. Die Folgen des Krieges bündeln sich in Sülzhayn wie unter einem Brennglas.

Der damalige Pfarrer Ernst Sander notiert später zu Hilberts Beerdigung: „Im feierlichen Zuge, voran der Kriegerverein mit umflorter Fahne, dann die Schulkinder, eine Gewehrsektion, viele Soldaten und Offiziere, ein großes Gefolge aus der Gemeinde – so trugen wir den Sarg um den in Gebrauch genommenen Teil des neuen Gottesackers. Oben im Walde wurde er niedergesetzt.“

Hilbert ist 1917 der Erste – es werden in den darauffolgenden drei Jahrzehnten über 400 weitere Kriegsopfer folgen. Manche Soldaten kamen bei den Kämpfen um Sülzhayn im April 1945 um, andere hofften vergebens auf Genesung in einem der Sanatorien. Unter letzteren sind auch viele Zivilisten von außerhalb. Die meisten haben sehr jung diese Welt verlassen: Hilbert wurde 31, Karl Müller 25, Emil Garske 24.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nahm sich 1992 des Sülzhayner Friedhofs an, errichtete zur Mahnung an die ab 1941 Gestorbenen Hunderte schlichte Metallkreuze, auf Vor- und Rückseite mit Namen versehen. Nach wie vor gibt der Volksbund der Kirchengemeinde Geld, auf dass diese eine regelmäßige Pflege der Flächen veranlasst.

Die Kriegsgräberstätte dominiert heute den Friedhof, der deshalb so ganz anders als in anderen Dörfern wirkt.

Das zu DDR-Zeiten errichtete Denkmal zu „Ehren der Verfolgten des Naziregimes“ indes verkommt. Durch einen Metallzaun vom Friedhof abgetrennt, verwittert der Beton, wächst das Areal zu. Ortsbürgermeisterin Bärbel Kirchner erklärt, der Zaun markiere die Grenzen des Kirchenlandes. Die Stadt wisse nicht, in wessen Eigentum die Flächen dahinter sind. Ohnehin wolle das frühere Denkmal doch niemand pflegen. Im Gedenken an die in Sülzhayn bestatteten Häftlinge des KZ Mittelbau Dora, die nach ihrer Befreiung in Kurkliniken an den Folgen ihrer Haft starben, gebe es zwei Namenstafeln, zudem Platten im Boden.

Christa Zabel ärgert der Zaun vorm Denkmal: „Das ist doch auch Teil der Geschichte unseres Landes, unseres Ortes.“ Mit anderen kümmert sie sich seit Langem darum, dass die Kriegsgräber stets in einem würdigen Zustand sind. An diesem Märztag – der Schnee hält sich hartnäckig – steht sie auch am Grab von Otto Hilbert und den anderen 1917 gefallenen Soldaten. Das kräftige Gelb erster Winterlinge erfreut sie, ein paar Narzissen- und Schneeglöckchenzwiebeln habe sie auch gesteckt.

Zu den Kommentaren