Modellprojekt in Bleicherode: Gesünderes Mittagessen in Schulen ist möglich

Bleicherode  Die Bleicheröder Grundschule geht mit gutem Beispiel voran – weil der Staat bereit ist, sich finanziell stark einzubringen.

Beim Essen soll man sich wohlfühlen – auch deshalb wird der Speisesaal der Bleicheröder Grundschule umgebaut. Manja Dittrich (links) von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und ihre Mitarbeiterin Theresa Pörschmann besprechen die Arbeitern mit Mitarbeitern des Schulverwaltungsamtes.

Beim Essen soll man sich wohlfühlen – auch deshalb wird der Speisesaal der Bleicheröder Grundschule umgebaut. Manja Dittrich (links) von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und ihre Mitarbeiterin Theresa Pörschmann besprechen die Arbeitern mit Mitarbeitern des Schulverwaltungsamtes.

Foto: Kristin Müller

Es sind drastische Worte, die Marcel Sievers wählt: „Wenn Erbsen morgens 7 Uhr gekocht werden, sind sie um 12 Uhr auf dem Teller nur noch Magenfüller – Vitamine sind nicht mehr drin.“

Sievers, im Schulverwaltungsamt Leiter des Projekts „Bildung integriert“, macht damit auf das Hauptproblem der Mittagessen-Versorgung an Schulen aufmerksam: Gekocht wird in Großküchen, meist viele Kilometer ist das Essen dann auf der Straße unterwegs. In Schulen wird es Stunden nach der Herstellung nur noch ausgegeben.

„Je länger das Essen warmgehalten wird, desto mehr Vitamine gehen verloren. Deshalb fordern wir maximal drei Stunden zwischen dem Ende des Garprozesses und jenem Zeitpunkt, bis der Letzte sein Essen auf dem Teller hat“, erklärt Dr. Manja Dittrich von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Aus Jena reiste sie dieser Tage nach Bleicherode. Denn an der August-Petermann-Grundschule hat der Landkreis Vorbildliches vor: Gesundes Essen soll hier ab Anfang April auf den Tisch: maximal zweimal pro Woche Wurst oder Fleisch, mindestens einmal pro Woche Fisch, täglich Gemüse. Und: In großen Teilen wird das Essen vor Ort zubereitet. Die frühere Ausgabestelle am Speisesaal wurde deshalb in den vergangenen Wochen um etwa fünf Quadratmeter vergrößert – Platz finden müssen darin auch ein Herd, Tiefkühltruhen und ein Kombidämpfer. In letzterem lassen sich Beilagen schonend und schnell garen, ebenso Fleisch und Fisch braten und schmoren. Die Awo-Küche wird aus der Löwentorstraße nur noch wenig schon Gekochtes zuliefern, Soße beispielsweise. Das Gros bereitet eine Köchin vor Ort zu, eine weitere Kraft kümmert sich um die Ausgabe.

„Alle halbe Stunde soll frisch nachgelegt werden“, weist Sievers auf die vorgesehene Warmhalte-Selbstbedienungstheke. An einer weiteren sollen sich die Kinder Salat aussuchen, und dabei nicht nur zwischen Fertigrohkostarten wählen können.

„Letztlich wird weniger weggeworfen, wenn jeder sich nehmen kann, was und wie viel er mag“, berichtet Schulleiter Diethard Groß von seinen Erfahrungen an einer anderen Schule. Er ist froh, dass seine Schule neben acht anderen in Thüringen für das Modellprojekt ausgewählt wurde. Der Landkreis hatte schnell genug einen Förderantrag geschrieben, dank seiner Servicegesellschaft war eine externe Ausschreibung der Bauarbeiten nicht nötig.

Mitarbeiter der „Service“ unterziehen dieser Tage auch den Speisesaal selbst einer Frischzellenkur. Lärmdämpfende Elemente und ein Raumteiler werden eingebaut, bei der Wandgestaltung dürfen die Kinder selbst mit Hand anlegen. Denn sie sollen sich hier wohlfühlen und gern zum Essen kommen. „Die Farben Rot, Gelb und Orange sind appetitanregend, Grün eher appetitmindernd“, deutet Manja Dittrich an, wie viele Einflussfaktoren es zu beachten gilt.

Für das Schulessen sollen die Eltern an der Petermann-Grundschule künftig 1,90 Euro bezahlen – deutlich weniger als dies bislang überall im Südharz üblich ist. Möglich ist das, weil der Staat für das Modellvorhaben einiges an Geld in die Hand nimmt: Den Umbau und die Anschaffung der nötigen Küchentechnik lässt sich das Land 70.000 Euro kosten, der Landkreis steuert 20.000 Euro bei. Zudem muss der Freistaat jährlich 50.000 Euro geben, damit der Essenspreis von besagten 1,90 Euro möglich ist. Andernfalls wäre es 1,30 Euro pro Portion teurer, sagt Schulverwaltungsamtsleiter Hans-Georg Müller. Nach seinen Worten ist der Landkreis bestrebt, eine solch gute Mittagessensverpflegung zum Standard bei Schulneubauten werden zu lassen.

Welcher Anbieter an der jeweiligen Schule zum Zuge kommt, entscheiden die Eltern. Landkreis und Stadt als Schulträger haben lediglich sogenannte Konzessionsverträge mit den infrage kommenden Caterern abgeschlossen. In denen, erklärt Müller, sei bislang festgelegt, dass die DGE-Qualitätsstandards „weitestgehend“ eingehalten werden müssen. Genau diese Lücke lässt Raum für die langen Warmehaltezeiten.

Jeder zweite Schüler isst Mittag in der Schule

- Die Schulen in Stadt und Landkreis Nordhausen werden von vier Anbietern beliefert: dem Kochhaus vom Horizont-Verein, der Menümanufaktur der Lift gGmbH, der Küche Gottert (alle in Nordhausen) und der Bleicheröder Awo-Küche mit Herz.

- Die Essensportionspreise liegen zwischen 2,40 Euro und 2,95 Euro.

- Grund- und Förderschüler bekommen pro Portion einen Zuschuss von 55 Cent vom Landkreis. Bedürftige können weitere Zuschüsse aus dem Programm Bildung und Teilhabe beantragen.

- Der Anteil derjenigen Schüler, der in der Schule ein warmes Mittagessen zu sich nimmt, ist laut Landratsamt unterschiedlich: 22 Prozent sind es an den Regelschulen, 40 Prozent an den Gymnasien, 64 Prozent an den Förderschulen und 80 Prozent an den Grundschulen.

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