Gesünder essen: Lebensalltag lässt ausgewogene Ernährung oft nicht zu

Berlin  Laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse sagen 64 Prozent der Berufstätigen, dass ihnen für gesundes Essen nicht genügend Zeit bleibt. Auch während der Arbeitszeit gibt es wenig Chancen auf eine gesunde Ernährung.

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Der Feierabend fängt mal wieder später an als gedacht. Jetzt noch in den Supermarkt und sich mit anderen Gestressten in die Kassenschlange einreihen? Keine Lust. Wer braucht frisches Gemüse, Salat oder Kartoffeln, wenn daheim die Pizza im Tiefkühlfach wartet?

Laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse sagen 64 Prozent der Berufstätigen, dass ihnen für gesundes Essen nicht genügend Zeit bleibt. Auch während der Arbeitszeit gibt es wenig Chancen auf eine gesunde Ernährung. Mehr als 40 Prozent essen daher während der Zeit im Job nicht viel und schlagen am Abend zu Hause zu. Knapp die Hälfte der Befragten glaubt ohnehin, dass eine gute Ernährung generell zu viel Zeit benötigt. Hinzu kommt: Wer sich für gesundes Essen entscheidet, muss mehr bezahlen. Knapp einem Drittel der Menschen in Deutschland fehlt laut Studie das Geld, um sich gesündere Lebensmittel zu kaufen.

Voraussetzungen sind Zeit und gute Planung

Doch stimmt das wirklich? „Nur zum Teil“, glaubt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ein wenig Zeit und gute Planung sieht auch sie als Voraussetzung für gesunde Ernährung im Job. So ließe sich etwa ein Hülsenfrüchtesalat mit Bohnen und Mais aus der Dose schnell zubereiten. Mit einem frischen Stück Paprika und einem Vollkornbrot sei das eine vollwertige Mahlzeit. Die Ernährungsexpertin rät dazu, sich einen Vorrat an Joghurt oder Müsli im Büro anzulegen: „Dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man doch zum Bäcker geht und sich einfach irgendetwas holt.“

Dabei auch mal auf Dosen- oder Tiefkühlware zurückzugreifen, um Zeit zu sparen, sei grundsätzlich kein Problem: „Gemüse und Obst in der Dose verlieren zwar einen kleinen Teil der Vitamine und Nährstoffe durch die Konservierung, aber der Verlust ist nicht dramatisch. Gemüse aus der Tiefkühltruhe kann sogar noch mehr Vitamine enthalten als ein frisches Produkt, das aber vor der Zubereitung drei Tage lang im Kühlschrank lag.“ Teurer müsste die gesunde Ernährung keineswegs sein. Regelmäßiges Außer-Haus-Essen oder auf Fertiggerichte zurückzugreifen, könne kostspieliger sein als frische Zutaten. Wer auch beim Einkauf gut plant, kann „Basics“ wie Nudeln, Reis, Dosen mit Tomatenpüree oder Brühe immer auf Vorrat kaufen und bei Frischem auf regionale und saisonale Lebensmittel setzen.

Gute Ernährung ist kein Bildungsproblem

Dass Verbraucher nicht ausreichend über die Folgen ungesunder Ernährung informiert sind, ist laut Studie kein Grund dafür, dass es damit oft nicht klappt. Auch über die gesundheitlichen Konsequenzen seien sie sich im Klaren: Knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland bezeichnet sich demnach als übergewichtig. Acht Prozent bescheinigen sich sogar ein sehr starkes Übergewicht.

Gesundheitsexperten halten ein Schulfach „Gute Ernährung“ daher nicht für nötig. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) hatte in der vergangenen Woche einen solchen Vorschlag erneut ins Spiel gebracht. Dagegen sollte gesundes Essen in allen Lebenslagen Standard werden. „Essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme“, sagt Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse. „Wir sollten uns das bewusst gönnen und wissen, was wir essen.“ In den Betrieben, in Schulen, Kitas und Kantinen aller Art müssten hohe Standards für gute Mahlzeiten herrschen. Für das Kita- und Schul-Catering hatte Minister Schmidt in der vergangenen Woche einen solchen Kriterienkatalog angeregt. Umfragen zufolge wären neun von zehn Eltern bereit, mehr Geld zu bezahlen, wenn ihre Kinder ein gesundes Essen serviert bekämen.

Oliver Huizinga von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht die Lebensmittelproduzenten in der Pflicht. Für ihn hängt gute Ernährung auch von dem Angebot ab, das die Lebensmittelwirtschaft den Menschen vorsetzt. „Die gesunde Wahl wird uns unnötig schwer gemacht“, sagt Huizinga. „Der Großteil der Erfrischungsgetränke ist überzuckert, die Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz ist eine Zumutung, und selbst Süßigkeiten werden wie gesunde Produkte beworben.“ Foodwatch zufolge soll sich die Bundesregierung lieber mit den Unternehmen anlegen, als die Lehrpläne in den Schulen zu verändern. Auch mit einer Sonderabgabe, also einer Steuer, könnten die Konzerne unter Druck gesetzt werden.

Verbraucher verstehen Nährwerttabellen nicht

Verbraucherschützer sehen das ähnlich. „Seit Anfang des Jahres stehen auch Nährwerttabellen auf den Produkten, aber viele Leute können diese Angaben nicht verstehen“, sagt Silke Schwartau, Leiterin der Ernährungsabteilung der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie plädiert für eine Ampelkennzeichnung auf den Lebensmitteln. Diese könnten anzeigen, wie viel Zucker oder ungesunde gesättigte Fettsäuren in einem Produkt enthalten sind.

Stress im Job, zu wenig Zeit für gutes Essen. Auch Schwartau kennt die Gründe, warum Verbraucher eher zur Tiefkühlpizza als zum Salat greifen. „Für unsere Gesundheit ist die Ernährung ein ganz wichtiger Baustein“, sagt die Verbraucherschützerin. „Solange der Körper funktioniert, übersehen das viele.“ Bis Informationen durch politischen Druck - etwa auch durch Zucker- oder Fettsteuern - verbessert werden, bleibt den Verbrauchern nichts weiter, als kritisch auf die Etiketten zu schauen und die Zutatenliste genau zu studieren. Verbraucher müssten sich wieder mehr Zeit fürs Essen nehmen, sagt Schwartau. Dazu gehört auch, sich beim Thema gesunde Ernährung besser zu organisieren. Frische Lebensmittel sollten selbstverständlich auf dem Einkaufszettel stehen - und nicht nur Tiefkühlpizza und Currywurst.

Das isst Deutschland

Für ihre Studie „Iss was Deutschland“ befragte die Techniker Krankenkasse (TK) im September 2016 einen bevölkerungsrepräsentativen Querschnitt der Deutschen. Die wichtigsten Fakten:

  • Gesund wichtiger als lecker Im Gegensatz zu einer ähnlichen Studie 2013 gaben 45 Prozent der Befragten an, ihre Ernährung müsse vor allem gesund sein. Das Attribut „lecker“ landete mit 41 Prozent auf Platz zwei. 2013 war der Geschmack noch 45 Prozent der Befragten besonders wichtig, die Gesundheit lag bei nur 35 Prozent. Den älteren Teilnehmern war dieser Punkt wichtiger als den jungen.
  • Mehr Fleisch im Westen Der Anteil der Befragten, für die Fleisch unbedingt zur Ernährung gehört, lag mit fast 90 Prozent am höchsten in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Thüringen liegt mit 84 Prozent im mittleren Feld. Ganz hinten stehen mit 81 und 75 Prozent Bayern und Baden-Württemberg. Die Gruppe der sogenannten Flexitarier, die versucht, möglichst wenig Fleisch zu essen, liegt laut Studie deutschlandweit bei 13 Prozent. Zwei Prozent zählen sich selbst zu den Vegetariern und ein Prozent zu den Veganern.
  • Viele sündigen aus Frust Laut Studie essen 23 Prozent der Deutschen Süßes und Ungesundes aus Frust - Frauen doppelt so häufig wie Männer. 23 Prozent der Frauen naschen sogar jeden Tag.
  • Weniger Allergien als gedacht 82 Prozent der Deutschen haben laut Studie weder Lebensmittel-Allergien noch Unverträglichkeiten. Spezielle Allergikerprodukte seien mittlerweile so präsent, dass der Eindruck entstehe, sehr viele Deutsche würden Laktose, Gluten oder Histamin nicht vertragen, so die Autoren. So gaben sieben Prozent der Befragten an, unter Laktoseintoleranz zu leiden - doppelt so viele wie bei der Befragung 2013. Der Verdacht liege nahe, dass aufgrund der hohen Aufmerksamkeit für das Thema mehr Menschen meinen würden, den Milchzucker nicht zu vertragen.
  • Brot liegt auf Platz eins Das beliebteste Lebensmittel der Deutschen ist Brot: 89 Prozent essen mindestens dreimal pro Woche Brot oder Brötchen, manche sogar täglich. Auf Platz zwei landen Obst und Gemüse, die 85 Prozent der Befragten täglich essen. Bei 83 Prozent gehören Milch, Joghurt und Käse fest zum Speiseplan. 21 Prozent essen mehrmals pro Woche Fertiggerichte.
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