TA-Telefonforum: Tumore sorgen erst nach langer Zeit für Beschwerden

Gera  Welche neuen Behandlungsmöglichkeiten es gegen Krebs gibt und wie Betroffene mit der Erkrankung umgehen sollten, beantworteten Experten beim TA-Telefonforum.

Standen unseren Lesern am Telefon Rede und Antwort: Yves Dittmar, Sindy Zimmermann, Jana Wolf und Martin Kaatz (von links).

Standen unseren Lesern am Telefon Rede und Antwort: Yves Dittmar, Sindy Zimmermann, Jana Wolf und Martin Kaatz (von links).

Foto: Tino Zippel

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Wie Patienten von neuen Krebstherapien profitieren können und was bei der Ernährung Krebserkrankter zu beachten ist, stand im Mittelpunkt des gestrigen TA-Telefonforums. Zum Weltgesundheitstag standen Ärzte und Psychologen des Onkologischen Zentrums am SRH Waldklinikum Gera sowie eine Ernährungsberaterin aus Zeulenroda Betroffenen Rede und Antwort. Die Experten des Telefonforums:

  • Martin Kaatz, Leiter des Tumorzentrums und Chefarzt der Hautklinik
  • Yves Dittmar, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
  • Jana Wolf, Psycho-Onkologin

Sindy Zimmermann von der Praxis für Ernährungstherapie und Gesundheitsförderung „IssDichTopFit“

Ich leide unter Hautkrebs und habe von neuen Therapien gehört. Wohin muss ich mich wenden, damit auch ich die bekomme?

Martin Kaatz: In den letzten Jahren sind gerade beim schwarzen Hautkrebs zahlreiche neue Therapien entwickelt worden. Diese wirken entweder zielgerichtet, wenn der spezielle Tumor eine Mutation aufweist oder über das Immunsystem, das über einen oder mehrere Antikörper aktiviert wird. Einige der Wirkstoffe können auch zur Unterstützung eingesetzt werden, bei hohem Risiko auf einen erneuten Ausbruch der Erkrankung. Zudem forscht man weiter und kombiniert zum Teil die Therapien, um das Ansprechen noch zu verbessern. Gleichzeitig sind kleinere frühe Tumoren auch mit einer alleinigen Operation heilbar. Auch für ganz fortgeschrittenen weißen Hautkrebs sind neue Behandlungsmethoden entwickelt worden. Insbesondere für die fortgeschrittenen Tumoren sollte der Patient in einem Hautkrebszentrum vorgestellt werden, in dem die beste Therapieoption in einem Expertengremium ausgewählt wird. Die Hautärzte vor Ort arbeiten mit diesen Hautkrebszentren eng zusammen und sind deshalb oft erster Ansprechpartner für die Betroffenen.

Ich bin Krebspatient und leide unter häufigen Schlafstörungen. Kann das zusammen hängen? Was kann ich tun?

Martin Kaatz: Die Schlafstörungen können viele Ursachen haben, die im Einzelnen analysiert werden müssen. Dabei müssen Schmerzen, eine psychische Beeinträchtigung durch die Erkrankung, Auswirkungen des Leidens aber auch Therapiefolgen berücksichtigt werden. Daraus ergeben sich auch die Behandlungsoptionen psychoonkologische Betreuung, Schmerzmedizin, Einstellung von Stoffwechselstörungen. Kurzzeitig kann die Schlaflosigkeit auch durch entsprechende Medikamente gebessert werden. Hier sollten aber eine zeitliche Begrenzung und eine enge ärztliche Anbindung erfolgen, um keine Abhängigkeiten zu erzeugen. Daneben unterstützen Bewegung und gesunde Ernährung den Schlaf.

Ich habe gehört, dass Tumore durch Ausdauersport kleiner werden. Stimmt das?

Martin Kaatz: Sport und Bewegung wirken sich sicherlich in der richtigen Dosis günstig auf die Krebserkrankung aus. Insbesondere Patienten mit großen Operationen erholen sich rascher, wenn sie körperlich fit in eine Operation gehen und sich auch danach dosiert körperlich belasten. Auch eine Fatigue, also Abgeschlagenheit, durch den Tumor oder seine Therapie kann durch körperliche Betätigung gebessert werden. Eine alleinige Besserung der Erkrankung durch Ausdauersport ist jedoch nicht zu erwarten. Außerdem kann eine ständige Beanspruchung bis zur Leistungsgrenze sich auch negativ auswirken. Da heißt es, Augenmaß halten und auf seinen Körper hören.

Ich habe von Bluttests zur Krebserkennung gelesen. Wo kann ich die machen lassen?

Martin Kaatz: Tumormarker für Krebserkrankungen bestehen schon lange. In vielen Fällen sind sie aber nur geeignet, den Erkrankungsverlauf zu beobachten, etwa eine Besserung oder Verschlechterung anzuzeigen. Die Aussagekraft ist dabei sehr unterschiedlich. In den seltensten Fällen ist ein Marker aber als Screeningmethode geeignet. Kürzlich wurde über einen neuen Bluttest für Brustkrebs berichtet. Auch hier fehlen bisher Veröffentlichungen, die die Qualität des Testes beweisen. Aktuell zeigen die Tests in vielen Fällen auch positive Werte bei Patienten, die keine Tumorerkrankung haben und somit stark verunsichert werden oder bleiben insbesondere bei kleinen Tumoren stumm. Als alleinige Suche für einen Tumor sind sie gegenwärtig noch ungeeignet. Allerdings wird an neuen Methoden geforscht mit denen mehrere Marker ausgewertet werden oder einzelne Tumorzellen aus dem Blut isoliert werden.

Ich verbinde mit Krebs die Angst vor Schmerzen. Wie entstehen die überhaupt?

Yves Dittmar: Vor allem schnell wachsende Tumoren üben mechanischen Druck auf das umliegende Gewebe aus oder führen zu schmerzhaften Entzündungen und Durchblutungsstörungen. Die Schmerz-rezeptoren, die überall auf der Körperoberfläche und auf den Oberflächen der inneren Organe liegen, nehmen diese Reize auf und leiten die Informationen über Nervenbahnen zum Rückenmark und von dort ins Gehirn weiter. Dort wird der Schmerzreiz auf verschiedenen Ebenen verarbeitet und in das Bewusstsein überführt. Das Fatale an Tumoren ist, dass sie leider lange Zeit überhaupt keine Beschwerden machen, auch keine Schmerzen. Schmerzen ebenso wie andere Komplikationen und Symptome treten sehr häufig erst in einem weit fortgeschrittenen oder auch metastasierten Stadium auf.

Als meine Bekannte eine Strahlentherapie bekam, hat alles, was ich ihr mitbrachte, angeblich komisch geschmeckt. Woran liegt das? Was kann man da tun?

Sindy Zimmermann: Durch die Therapie, insbesondere Chemotherapie, aber auch Bestrahlungen im Kopfbereich, kann es zu Geschmacksveränderungen kommen – Lebensmittel schmecken plötzlich bitter, pappig, metallisch oder schal. Hier sollte das gegessen werden, worauf man gerade Appetit verspürt.

Weiterhin kann Folgendes helfen: Würzen mit wenig Salz und dafür frischen Kräutern, Zwiebelpulver oder Knoblauch direkt bei Tisch. Lieber Putenfleisch und Fisch, statt Schweinefleisch und Rind, die oft bitter schmecken. Saucen mit Fruchtsäften zubereiten. Starke Essensgerüche meiden und vor dem Essen gut lüften.

Mein 80-jähriger Vater macht gerade eine Chemotherapie durch. Sein Mund ist extrem trocken und er kann kaum schlucken. Was kann ich ihm anbieten?

Sindy Zimmermann: Die Chemotherapie kann häufig zu Schleimhautreizungen führen. Bei Schluckbeschwerden hilft insbesondere weiche und breiige Kost. Speisen können püriert oder sehr weich gekocht verzehrt werden. Zum Beispiel sind Suppen gut geeignet und gut gekochtes Gemüse. Ich empfehle auch Lebensmittel, die von Natur aus weich oder breiig sind wie Kartoffelbrei, Rührei, Gemüsebreie. Reichlich Sauce zu den Mahlzeiten ist außerdem hilfreich, damit die Speisen besser rutschen. Auf trockene und krümelige Produkte wie Brot, Knäckebrot, Cracker oder hartschaliges Gemüse und Obst sollten Sie verzichten, bis sich die Beschwerden gebessert haben.

Gibt es Lebensmittel, die man bei Krebs nicht essen sollte? Und gibt es welche, die Sie besonders empfehlen?

Sindy Zimmermann: Auch für Tumorpatienten gilt, so abwechslungsreich und reichhaltig wie möglich. Verbote sind hier fehl am Platz, da die Gefahr einer Mangelernährung noch erhöht wird. Insbesondere sollte auf eine ausgeglichene Energiebilanz geachtet werden, so dass das Körpergewicht konstant gehalten werden kann. Erst wenn Beschwerden oder Nebenwirkungen der Therapie auftreten wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen und Schleimhautreizungen, sollten Lebensmittel, die die Probleme verstärken, gemieden werden. So ist es zum Beispiel ratsam bei Mundschleimhautentzündungen scharf gewürzte Speisen eher nicht zu verzehren und Obst mit reichlich Fruchtsäuren zu meiden oder mit milden Speisen, wie Quark, zu mischen.

Soll ich meinen Kindern sagen, dass ich Krebs habe?

Jana Wolf: Ja, unbedingt! Viele Eltern scheuen sich vor dem Schritt, ihre Kinder zu informieren, aus Angst diese zu belasten. Kinder sind jedoch meist sehr sensibel und bekommen Veränderungen schnell mit. Wenn dann nicht darüber gesprochen wird, sind sie zusätzlich verunsichert. Wir empfehlen, die Kinder ihrem Alter entsprechend zu informieren. Bücher oder Foren im Internet - zum Beispiel „FAMOCA“, „Flüsterpost e.V.“ – können hier Anregungen geben. Kinder reagieren sehr unterschiedlich, je nach Alter und Temperament und wollen unterschiedlich viel wissen. Erklären Sie daher eher kurz die Situation und seien Sie dann offen für Fragen.

Ich bin eine erfolgreich behandelte Brustkrebs-Patientin. Trotzdem beherrscht die Angst vor einer Rückkehr des Krebses inzwischen mein Leben. Was raten Sie mir?

Jana Wolf: Die Sorge, dass der Krebs wiederkommen kann, kennen die meisten Patienten. Sie ist prinzipiell auch angemessen, da niemand zu 100 Prozent sagen kann, ob der Krebs wieder auftritt. Wenn diese Angst jedoch einen gravierenden Einfluss auf ihre Lebensführung hat, sollten Sie professionellen Rat in einer Krebsberatungsstelle oder bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten suchen, um zu ergründen, woher ihre Ängste kommen und welche Möglichkeiten es gibt, damit umzugehen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe, oder mit Angehörigen kann zur Krankheitsbewältigung beitragen.

Als Krebspatient hört man immer wieder den gut gemeinten Rat: Du musst kämpfen! Ich kann das nicht mehr hören. Verstehen Sie das?

Jana Wolf: Ich kann das gut verstehen. Dieser Satz drückt meist auch die Sorge Ihrer Angehörigen um Sie aus. Erkrankung und Behandlung sind für die meisten Betroffenen mit vielen Herausforderungen verbunden. Jeder geht auf Grundlage seiner Persönlichkeit und seiner Lebenserfahrung anders mit der Situation um. Bisher hat sich wissenschaftlich kein bestimmter Bewältigungsstil als der „Beste“ herausgestellt. Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck, sondern achten Sie auf ihre Gefühle und Bedürfnisse. Der Erfolg einer Behandlung hängt nicht von ihrem Kampfgeist ab.

Ich leide häufig unter Verstopfung und habe nur etwa dreimal die Woche Stuhlgang. Kann das Krebs begünstigen?

Yves Dittmar: Normal ist eine Stuhlentleerung von 3-mal täglich bis 3-mal die Woche. Es gibt keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Verstopfung und Krebsentstehung, dieser entsteht vielmehr auf der Basis schrittweiser Veränderungen der Schleimhaut. Diese feingeweblichen Veränderungen bilden sich als Folge von allmählich im Laufe des Lebens entstehenden Veränderungen an unseren Chromosomen.

Ich habe häufiges Sodbrennen. Begünstigt das das Entstehen von Speiseröhrenkrebs?

Yves Dittmar: Prinzipiell ja, aber mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit. Nur sehr wenige Menschen mit Sodbrennen entwickeln echte sichtbare Speiseröhrenveränderungen und von denen wiederum entarten nur sehr wenige.

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