Tatort Thüringen Spezial: Der Rambo aus Apolda – Mord, Flucht und Geiselnahme

Die wilden 90er-Jahre (5): Seine kriminelle Karriere begann mit dem Diebstahl eines Eiskratzers und endete mit Mord, Bankraub, Gefängnisausbruch und Geiselnahme. Noch heute sitzt er in Haft.

Nach der Geiselnahme in Hötzelsroda (bei Eisenach) schirmten Polizisten das Wohngebiet ab. Archiv-

Nach der Geiselnahme in Hötzelsroda (bei Eisenach) schirmten Polizisten das Wohngebiet ab. Archiv-

Foto: Norman Meißner

Es gibt nicht allzu viele Filmhelden, die ähnlich bekannt sind wie John Rambo. Der von Sylvester Stallone verkörperte Elite-Soldat ist zweifelsohne eine tragische Person. Gleich im ersten der vier Hollywood-Filme bekommt Rambo einen Nervenzusammenbruch. Er erzählt unter Tränen, dass er sich nach seiner Zeit beim Militär nicht mehr im normalen Leben zurechtfinden würde.

Rambo weiß: Dies ist ein Krieg, den er nicht gewinnen kann.

1983 erobert „Rambo“ erstmals die Kinos. In jenem Jahr wird in der DDR ein Mann aus Apolda zum Elite-Soldaten ausgebildet. Er hatte bereits zuvor das Tauchen in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) erlernt. Nun soll aus ihm ein auf Nahkampf spezialisierter Personenschützer werden – und damit zugleich ein Spezialist mit der Lizenz zum Töten.

Dann aber, nach drei Jahren, möchte der Apoldaer nicht länger Soldat sein. Er lehnt alle diesbezüglichen Angebote ab, auch die der Stasi. Er kehrt heim, nach Thüringen.

John Rambo landete erstmals im Gefängnis, weil man ihn für einen Landstreicher hielt. Bei dem Apoldaer sind es kleine Straftaten. Er hatte einige Autos aufgeknackt. Bei einem dieser Diebeszüge, so wird er später zu Protokoll geben, habe er lediglich einen Eiskratzer erbeutet. Raymond A. wird 1986 zu drei Jahren Haft verurteilt.

Er kommt dank einer allgemeinen Amnestie 1987 vorzeitig frei. Mittlerweile lebt seine Frau mit einem anderen Mann zusammen; sie haben sogar ein gemeinsames Kind. Was nur soll nun aus ihm werden?

Weitere Straftaten folgen; wieder steht er vor Gericht. Nun sind es fünfeinhalb Jahre, die ihm hinter Gittern bevorstehen. Doch erneut wird der Apoldaer amnestiert. So wie er kommen Tausende Häftlinge anlässlich der deutschen Wiedervereinigung frei.

Im Jahre 1995 wird ihn das Magazin „Der Spiegel“ mit den Worten zitieren: „Da stand ich nun vor der vollendeten Tatsache, dass es die DDR nicht mehr gab. Die Wende hatte ich nicht mitbekommen. Den Westen kannte ich nicht. Die Betriebe in meiner Heimat waren geschlossen. Mit Arbeit war da nichts.“

Geschäftsmann entführt, ermordet und enthauptet

Der Apoldaer findet ausgangs des Jahres 1990 in Jena neue Bekannte. Er freundet sich mit dem Geschäftsführer einer Spielothek in der Lutherstraße an. Der „Bierteufel“ besteht erst seit wenigen Monaten. Inhaber des Lokals ist ein Geschäftsmann aus Stuttgart. In Jena wird der „Bierteufel“ durch einen Einheimischen geführt. Der Stuttgarter lässt sich fast nur am Wochenende sehen. Dann leert er stets die Spielautomaten. Doch schon bald ist das Verhältnis der Partner zerrüttet; der Jenaer Geschäftsführer fliegt im Januar 1990 aus der Spielothek.

In den kommenden Wochen reift der Plan, es dem „Wessi“ heimzuzahlen. In der Nacht zum 18. März 1991 ist es soweit. Es ist ein Montag. Vier Männer brechen in Jena nach Stuttgart auf: der Ex-Chef der Kneipe, der Apoldaer, ein weiterer Jenaer sowie ein Mann aus Torgau (Sachsen). Sie sind zwischen 26 und 35 Jahren alt.

Gegen 8 Uhr stürmen sie die Wohnung des Stuttgarters. Sie schlagen ihn zusammen, sie fesseln ihn, sie knebeln ihn. Sie erbeuten mehrere Säcke mit Münzgeld sowie etliche Diamanten. Alles in allem ist das Raubgut rund 150.000 Mark wert. Nun packen die Angreifer ihr Opfer in den Kofferraum seines „Honda Legend“. Mit ihrem eigenen BMW und dem japanischen Wagen fahren sie gen Bayern.

Unweit der Autobahn-Abfahrt Schnelldorf stoppen sie an einem einsamen Platz. Zwei der Täter halten den Gefesselten fest, Raymond A. erdrosselt ihn. Unmittelbar danach greift er zu einem Messer, er schneidet dem Getöteten den Kopf ab. Schließlich versucht er auch noch, den Schädel anzuzünden, um so eine Identifizierung des Opfers zu erschweren.

Die Bande verscharrt Körper und Kopf an weit voneinander entfernten Orten in Bayern.

Etwa zur gleichen Zeit kommt die Lebensgefährtin des Opfers nach Hause. Die Stuttgarter Wohnung ist zerwühlt, es gibt Blutspuren. Sie ruft sofort die Polizei.

Bereits am nächsten Tag schnappen die Beamten einen der vier Täter in Jena, zwei weitere einen Tag darauf. Der Apoldaer ist weiter auf der Flucht. Die Polizei gibt eine Personenbeschreibung heraus: Er ist 1,82 Meter groß, hat kurze blonde Haare, einen durchtrainierten Körper und eine Narbe am linken Unterarm. Der Leiter der Stuttgarter Mordkommission, Michael Kühner, sagt: „Er ist hochtrainiert, brutal und ein echter Rambo-Typ.“ Auf seine Ergreifung wird eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt. Auch Interpol fahndet nach ihm.

Nach drei Wochen wird der Apoldaer gefasst – in Jena. Er hatte sich in einem Gartenhaus versteckt, in einem einstigen Objekt der Stasi. Widerstand leistet er bei der Festnahme nicht.

1992 kommt die Bande in Stuttgart vor Gericht. Die Täter schieben sich gegenseitig den Mord in die Schuhe. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass der Apoldaer der eigentliche Mörder ist. Das Schwurgericht schließt sich dieser Auffassung an. Die Richter sprechen in der Urteilsbegründung von einer grausamen Hinrichtung. Der Apoldaer und zwei seiner Mittäter werden zu lebenslanger Haft verurteilt; der vierte Täter erhält wegen Beihilfe achteinhalb Jahre.

Gefängnisausbruch, Banküberfall und Geiselnahmen – Verfolgungsjagd durch sechs Bundesländer

Gute zwei Jahre später. Mittlerweile verbüßt der Apoldaer seine Haft in Hamburg-Fuhlsbüttel, in Santa Fu. Hier lernt er einen Schweizer kennen, der als Ausbrecher-König gilt; er ist bereits dreimal aus der Haft geflohen. Beide verbünden sich. In der Nacht zum 10. Oktober brechen sie ein Fenster im fünften Stock auf. Sie seilen sich an einem Kabel in den Hof ab. Die Gefängnismauer überwinden sie mit einer selbstgebauten Leiter...

Lange Zeit fehlt von beiden jede Spur. Dann aber, nach genau drei Wochen, nimmt ein Drama seinen Lauf, das halb Deutschland in Atem halten wird. Am Reformationstag geraten die Ausbrecher gegen 4 Uhr in Stuttgart in eine Polizeikontrolle. Sie nehmen eine Polizistin und einen Polizisten als Geisel. Gemeinsam fahren sie nach Norden; zwischenzeitlich rauben die Gangster einen BMW, dann einen Mercedes. Sie nehmen einen der Fahrer als dritte Geisel.

Kurz nach 10 Uhr überfallen die Flüchtenden in Fulda (Hessen) eine Bank. Sie erbeuten 286.000 Mark.

Längst läuft die Fahndung auf Hochtouren – sowie in aller Öffentlichkeit. Erinnerungen werden wach an das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem 1988 zwei Geiseln und ein Polizist umgekommen sind. Wie wird die jetzige Entführung enden?

Zeugen melden sich. Sie hätten die Täter in Südthüringen gesehen. Die Geiseln haben sich mittlerweile befreien können. Nahe Eisenach entdeckt eine Streife die Gangster auf der Bundesstraße 19. Sie sind in einem Audi unterwegs – und sie wissen, dass sie verfolgt werden.

In Hötzelsroda, einem Vorort von Eisenach, nehmen sie gegen 14 Uhr zunächst ein älteres Ehepaar als neue Geiseln. Das Paar wehrt sich, der Mann wird durch einen Schuss an der Hand verletzt. Dann dringen die Täter in ein Haus ein. Sie bringen eine vierköpfige Familie in ihre Gewalt. Die Kinder sind 1 und 3 Jahre alt. Schüsse fallen. Weitere Verletzte gibt es nicht.

Die Flucht geht weiter, nun in einem Mercedes. Die Ausbrecher nehmen den Familienvater und die älteren Herrschaften als Geiseln mit. Als sie an einem Polizeiwagen vorbeifahren, zeigt der Schweizer den Beamten demonstrativ eine Handgranate. Auch vier Pistolen sowie ein Gewehr haben die Täter dabei.

Gegen 16 Uhr fährt der Mercedes am Gothaer Krankenhaus vor. Die Geiselnehmer wollen den verletzten Mann direkt am Auto behandeln lassen. Sie schicken eine der Geiseln ins Krankenhaus, um einen Arzt zu holen. Die Geisel kehrt allein zurück.

Fürchten sich die Ärzte? Zumindest im Einsatzprotokoll der Polizei ist das so vermerkt...

Die Täter flüchten auf der Autobahn weiter in Richtung Dresden. Sie werden von schwer bewaffneten Polizisten verfolgt. Sie wechseln erneut das Auto, wieder rauben sie einen Mercedes. Weiter geht es gen Cottbus. Plötzlich kehren die Verbrecher um, zurück nach Thüringen.

Zwischen Weimar und Erfurt, an der Raststätte Eichelborn, legen sie gegen 22.30 Uhr einen Stopp ein. Die Einsatzleitung hatte dies nach einem Telefonat mit den Kidnappern genau so vermutet; vielleicht wollen die Ausbrecher ja tanken. Vorsorglich bereitet die Polizei einen Hinterhalt vor. Doch die Ausbrecher spüren vermutlich die Gefahr; sie rasen nach einem kurzen Stopp weiter nach Hessen.

Im Westerwald trennen sich die Täter. Ihre Geiseln sind inzwischen alle frei. Abgesehen von dem Herrn aus Hötzelsroda sind sie körperlich unversehrt. Die durchlittenen Todesängste freilich werden die Geiseln teils noch jahrelang quälen.

Am frühen Nachmittag des 1. November ergreift die hessische Polizei den Ausbrecher-König. Der Apoldaer hält acht weitere Stunden durch. Er ergibt sich der Polizei gegen 22 Uhr.

Thüringen lehnt Gefangenenübernahme ab

Wenige Tage später entbrennt ein Streit zwischen Hamburg und Thüringen, wo der Apoldaer künftig einsitzen soll. Santa Fu möchte ihn auf keinen Fall zurück. Auch Thüringen lehnt eine Übernahme ab, bringt ihn dann aber doch in der JVA Suhl-Goldlauter unter.

Im November 1995 legen die beiden Ausbrecher vor dem Stuttgarter Landgericht umfassende Geständnisse ab. Ihre Reue trägt dazu bei, ihr Strafmaß zu mindern. Der Schweizer gilt als Anführer, er erhält 13 Jahre Haft. Der Apoldaer muss für 11 Jahre ins Gefängnis. Da er wegen Mord bereits zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt ist, bedeutet dies: Er hat zunächst die 11 Jahre abzusitzen; daran schließt sich die lebenslange Haft an.

Kind findet mögliche Tatwaffe

Epilog I. Ein Kind entdeckt 2004 auf jenem Grundstück, auf dem der Apoldaer 1991 verhaftet worden ist, eine rostige Machete. Könnte dies die Tatwaffe sein? Tatsächlich war die Waffe seinerzeit nicht gefunden worden. Im Mordprozess war zwar davon die Rede, dass der Mörder eine Machete bei sich getragen hatte. Zugleich hieß es vor Gericht aber auch, er habe dem Bierteufel-Besitzer den Kopf vermutlich mit einem Rouladenmesser abgetrennt.

Epilog II. Das Jahr 2006. Mittlerweile ist der Apoldaer in der JVA Tonna (Landkreis Gotha) inhaftiert. Bei einer Routinekontrolle entdecken Beamte in seiner Zelle verbotene Gegenstände, darunter ein Messer, ein Handy und Reizgas.

Epilog III. 2008 kommt der letzte Rambo-Film in die Kinos, eine effekthascherische Gewaltorgie. Er zeigt den Tod von 236 Menschen. John Rambo überlebt. Nun darf er endlich heimkehren, auf die Farm seiner Familie. Ganz anders der Rambo aus Apolda: Er sitzt noch immer in Haft.

Unsere Serie

Im nächsten Teil geht es um die Entführung von Ernie & Bert aus einer Erfurter Ausstellung.