630 Unterschriften unter Protestbrief zur Doppelkapelle von Burg Lohra

Großlohra  Initiator Wolfgang Scholvien sieht Gotteshaus in seiner Bausubstanz „vernachlässigt und gefährdet“. Der Denkmalschutz widerspricht

Die romanische Doppelkapelle ist der eigentliche kunsthistorische Schatz von Burg Lohra. Solch zweigeschossige Bauten mit zwei übereinanderliegenden Kapellenräumen entstanden nur bis ins 13. Jahrhundert, entsprechend selten sind sie.Fotos: Thomas Müller (3)

Die romanische Doppelkapelle ist der eigentliche kunsthistorische Schatz von Burg Lohra. Solch zweigeschossige Bauten mit zwei übereinanderliegenden Kapellenräumen entstanden nur bis ins 13. Jahrhundert, entsprechend selten sind sie.Fotos: Thomas Müller (3)

Foto: zgt

Die Unterschriftenlisten lagen vielerorts aus, im Lebensmittelladen, beim Zahnarzt und Bäcker, in der Gärtnerei und im Getränkemarkt: "300 Unterschriften wären schon schön gewesen. Mit der tatsächlichen Resonanz habe ich nicht gerechnet." Wolfgang Scholvien, Lehrer im Ruhestand aus Großlohra, ist der Initiator eines Protestbriefs, der seit November in vielen Hainleite-Orten kursierte, den man unterschreiben konnte, um seine Zustimmung auszudrücken.

630 Leute machten davon Gebrauch. Als dicker Papierstapel ging der Protestbrief so an die Thüringer Staatskanzlei als oberster Denkmalschutzbehörde, an das Landesdenkmalpflegeamt, an den Eigentümer der Burg, dem Verein "Offene Häuser" in Weimar.

In dem Brief heißt es, die historische Doppelkapelle der Burg sei "in ihrer baulichen Substanz trotz beschwichtigender Verlautbarungen seitens der Besitzer und des Denkmalpflegeamtes vernachlässigt und gefährdet". Gefordert werden konkrete Aussagen zu einer "echten Sanierung", gehe es doch um ein bedeutendes sakrales Bauwerk, das mit der Burg, mit Großlohra und der näheren Region unmittelbar verbunden ist. "Dieses Kulturdenkmal soll der Öffentlichkeit wieder in einem würdigen Zustand zur Verfügung stehen", schrieb Scholvien.

Denkmalpflege sieht für Auflagen keinen Anlass

An der Kapelle, meint der engagierte Rentner im TA-Gespräch, sei in Sachen Sanierung seit der Wende kaum etwas passiert. Ob deren Zustands schäme man sich doch, mit Gästen diese zu besuchen. Das Innere sei "unansehnlich", seit Jahrzehnten schon habe die Kapelle keine frische Farbe mehr gesehen. Man sehe noch immer die Flecken, wo kurz nach der Wende zwei Figuren aus dem Altarraum gestohlen wurden. Das Altarbild sei in einem "grauenvollen" Zustand, mache einen "verwahrlosten" Eindruck.

Großlohras Bürgermeister Siegfried Schäfer (pl) pflegt nach eigenen Worten ein gutes Verhältnis zu Bert Ludwig als Chef des Vereins "Offene Häuser" und weiß sehr zu schätzen, dass dieser das Burggelände in Ordnung hält. Doch er springt Scholvien bei: Am Altarbild vom Ölberg nage tatsächlich der Zahn der Zeit. Schäfer hat den Protestbrief unterschrieben – auch wegen der "immer größeren Risse" am Gemäuer.

"Die Glasmarken an den Rissen sind teils gerissen oder nicht mehr vorhanden. So ist doch kein Beweis mehr möglich über eine Veränderung der Risse", meint Scholvien. "Besorgniserregend" sei vor allem der vom Burghof aus außen sichtbare Riss. Gern würde er wissen, woher er kommt: "Burg Lohra steht auf Muschelkalk, der ausgewaschen werden kann." Nötig seien Sanierungsbohrungen und Grabungen; wie bei der Basilika von Münchenlohra müssten die Fundamente verfestigt werden.

Die Kapelle habe – im Gegensatz zu den Eseltreiberhäusern – keinen unmittelbaren Nutzen für den Verein, er brauche sie nicht für seine Events – deshalb passiere an dieser wohl nichts, glaubt Wolfgang Scholvien.

Die Denkmalpflege trete zu wenig in Erscheinung, um das Bauwerk in den öffentlichen Fokus zu rücken. Und: "Die staatlichen Stellen haben doch so viel Macht zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann."

Auch Schäfer findet, der Denkmalschutz müsste dem Eigentümer mehr auf die Finger klopfen: "Nicht nur mit Worten, sondern mit Auflagen."

Thomas Nitz, der für Nordthüringen zuständige Experte im Landesdenkmalpflegeamt, sieht zu Letzterem keinen Anlass: "Die Kapelle ist weder vernachlässigt noch gefährdet. Sie ist in einem vernünftigen Zustand." Der Protest sei deshalb "nicht nachvollziehbar".

Die Risse seien seit langer Zeit bekannt. Was eine Veränderung dieser angeht, so hatte Nitz im Sommer eine Verbreiterung um einen halben Millimeter binnen zwei Jahren festgestellt, diese könnte aber jahreszeitlich bedingt sein: Bewegung infolge Temperaturschwankungen gebe es eben an Bauwerken. Und wegen solcher seien auch einige der an den Rissen gesetzten Glasmarken geplatzt. Rissweitungen könnten von geplatzten Glasmarken nicht abgeleitet werden, sagt der Denkmalpfleger. Was das Monitoring der Risse betrifft, hätten kürzliche Auswertungen "keine Veränderungen" gegenüber Sommer ergeben.

Das Monitoring war vor etwa drei Jahren gesetzt worden, nachdem Südharzer schon einmal ihren Unmut über die Risse kundtaten, so beispielsweise der Historiker Peter Kuhlbrodt und der Bleicheröder Bauingenieur Sixtus Hermanns, der seit den 80er-Jahren in der Denkmalpflege arbeitet. Nitz zufolge wird erst in etwa vier Jahren nach Auswertung des Rissmonitoring klar sein, ob etwas zu tun ist.

Bert Ludwig betont, man habe das Dach saniert, es sei dicht, fragt rhetorisch: "Was will man mehr?" Der Putz an der Wand neben dem Altar bröckele eben, weil der benachbarte Palas im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, die Mauer an der Nordseite nun dem Wetter ausgesetzt ist: "Die Putzschäden sind kein Drama, sondern eine ästhetische Frage." Bewusst habe man im Innenraum, etwa was das Kirchengestühl angeht, nicht zu frischer Farbe gegriffen. Denn man habe die "Sehgewohnheiten der Leute nicht irritieren" wollen.

Bedauerlich findet Ludwig, dass Einzelne nicht das schätzen, was der Verein tut: "Ein Denkmal sollte den Menschen zugänglich sein, wir halten deshalb die Kapelle offen. Aber mit dieser Überzeugung gehen wir weit über das hinaus, was in diesem Land üblich ist."

Was eine mögliche Gefährdung der Bausubstanz angeht, so gebe es für deren Beurteilung Fachbehörden. Über Ästhetisches lasse sich streiten.

Apropos Streit: Das Suchen eines Dialogs vermisst Bert Ludwig bei Wolfgang Scholvien: Nie habe dieser das direkte Gespräch gesucht, "unser letzter Kontakt ist etwa 15 Jahre her", blickt Ludwig auf die Zeit, bevor der Protestbrief auf seinem Tisch gelandet war.

Pfarrer Bernd Halver, zuständig auch für Großlohra, meint, er verlasse sich auf Nitz‘ Beurteilung zum Zustand der Bausubstanz. Ein Mal im Jahr, zum Johannistag, lade er nach oben, zudem gebe es nach wie vor "ab und an" Taufen und Hochzeiten. Ja, sicher, die Kapelle könnte schöner sein, so Halver. Doch mag er nicht in die aktuelle Kritik einstimmen: "Viele schätzen gerade das Angejahrte."