An jüdisches Leben in Mühlhausen erinnert

Ihre Führung ließ sie in der Synagoge beginnen. Das Haus der ehemaligen jüdischen Gemeinde in der Jüdenstraße und die dazugehörige Hinterhaussynagoge sind seit ihrer Instandsetzung 1998 der Gedenkort für jüdisches Leben in Mühlhausen.

In der Synagoge wird Moses Montefiora gedacht, der deutschen Juden die Auswanderung nach Palästina ermöglichte, rechts Ute Helbing. Foto: Michael Fiegle

Foto: zgt

Mühlhausen. Die Synagoge sei 1841 im neoklassizistischen Stil erbaut worden, erklärte Ute Helbing. Wann sie geweiht wurde, sei jedoch nicht genau bekannt. Vermutlich sei eine solche Feierlichkeit, im Gegensatz zu Synagogen in anderen Städten, nicht gewollt gewesen. Im Obergeschoss des Vorderhauses habe der Rabbiner mit Familie gewohnt. Die unteren Räume haben dem Hebräisch- Unterricht einmal wöchentlich und der Thora-Unterweisung der Schulkinder gedient. In der Pogromnacht des 8. November 1938 sei die Inneneinrichtung von den Nationalsozialisten zerschlagen worden. Die Axthiebe seien in den Pfosten der Empore noch zu sehen. Die Thora, ebenso wie die umfangreiche Bibliothek habe man auf dem Rieseninger verbrannt. Der Rabbi sei angeschossen worden, habe aber mit seiner Familie nach Palästina fliehen können. Die jüdische Bevölkerung Mühlhausens sei später in vier Ghettohäusern, darunter das Gemeindehaus, zusammengetrieben worden.

Von dort aus sei 1942 die Deportation in Ghettos und Konzentrationslager erfolgt. Die Namen aller von den Nationalsozialisten ermordeten 59 Mühlhäuser Juden können einer Tafel an der Westseite des Synagogenraums entnommen werden. Jedem Opfer soll an seiner Wirkungsstätte mit einem "Stolperstein", also einem Pflasterstein aus Beton mit den in eine Messingtafel eingravierten Daten zur Person, gedacht werden. Die ersten, von dem Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig geschaffenen Steine wurden seit 2010 im Straßenpflaster schon gesetzt. Sie boten Ute Helbing die Gelegenheit, näher auf die hinter den Namen verborgenen Menschen einzugehen. Ein Stolperstein erinnert etwa an Sophie Rosenthal, die bis 1939 in der Linsenstraße 26, einem heutigen Haushaltswarenladen, ein Textilgeschäft betrieb. Deren Familie kam aus Schlesien nach Mühlhausen. Die alte Dame wird als sehr vornehm beschrieben. Sie habe immer besonderen Wert auf ihr Äußeres gelegt. 1942 schließlich sei sie ins Ghetto Lublin verbracht worden.

Der nächste Stolperstein erinnert an Gertrud Heilbrun, die in der Linsenstraße ein Modehaus hatte, das 1927 noch sein fünfzigjähriges Bestehen feierte. Ute Helbing zeigte als Beleg dafür die Kopie eines großen Zeitungsinserates. Am Untermarkt 31 wiederum habe der beliebte Augenarzt Dr. Fritz Cohn seine Praxis gehabt. Viele Patienten habe er gratis behandelt, hieß es. Zusammen mit 30 anderen Männern der jüdischen Gemeinde sei er in der Turnhalle interniert und dann ins KZ Buchenwald deportiert worden. Den Repressalien der SS habe er dort jedoch nicht standgehalten und habe sich selbst getötet. Sein Sohn Fritz habe sich und später seine Mutter in die Schweiz und dann in die USA gerettet.

1998 habe er, der 1933 in Mühlhausen kurz vor dem Abitur gestanden und in der Schweiz dann Chemie studiert hatte, der Einweihung der Mühlhäuser Synagoge beigewohnt, erinnerte Ute Helbing. Den Schlusspunkt der Führung setzten die Villa der Familie Oppé und die der Familie Heinrich Bon, später Richard Horn, am Lindenbühl. Beide spielten als Fabrikantenfamilien eine wichtige Rolle für das Wirtschaftsleben Mühlhausens. Viele Stadtverordnete seien aus den Reihen der Oppés gekommen. Der letzte Lehrling von Alfred Salfeld, der die Firma Oppé zum Schluss führte, beschrieb diesen als liebenswerten Chef, der alle gleich behandelt und die Belegschaft jährlich mit einem Betriebsausflug belohnt habe. Salfeld wurde 1944 als letzter jüdischer Mühlhäuser auf dem bis heute erhaltenen jüdischen Friedhof beigesetzt.

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