Anglizismen füllen Lücken in unserem Wortschatz

Wie uns englische Begriffe helfen, wollte Britta Hinkel vom germanistischen Sprachwissenschaftler Prof. Wilhelm Schellenberg wissen.

Laut Sprachwissenschaftler Prof. Wilhelm Schellenberg weist der deutsche Wortschatz Lücken auf, die sich durch Anglizismen wunderbar schließen lassen. Archivfoto: Timur Emek/dapd

Laut Sprachwissenschaftler Prof. Wilhelm Schellenberg weist der deutsche Wortschatz Lücken auf, die sich durch Anglizismen wunderbar schließen lassen. Archivfoto: Timur Emek/dapd

Foto: zgt

Gerade hat eine Jury das Wort "Shitstorm" zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt. Was halten Sie davon?

Nun, es sind ernst zu nehmende Sprachwissenschaftler, die das Wort gewählt haben. Sie möchten, dass man sich mit Sprache befasst und mit Begriffen, die in unserem Alltag Einzug halten. Es geht darum, diese Begriffe zu verstehen und vor allem zu verstehen, warum wir im deutschsprachigen Raum auch englische Wörter verwenden.

Warum tun wir das?

Kurz gesagt, weil der deutsche Wortschatz Lücken aufweist, die sich durch Anglizismen wunderbar schließen lassen.

Wie ist das bei dem Wort "Shitstorm"? Gibt es dafür keine angemessene Übersetzung?

Offenbar nicht. Der Versuch, es mit "Sturm der Entrüstung" oder "Welle der Empörung" zu übersetzen, wofür es im Internet - bei Facebook etwa - steht, gelingt nur unzureichend. Denn der Begriff drückt weit mehr aus als das. Im Deutschen müssen wir einen ziemlichen sprachlichen Aufwand betreiben, um den Inhalt des knackigen Wortes "Shitstorm" transportieren zu können.

Sie sind also der Verwendung von Anglizismen gegenüber nicht abgeneigt?

Nein, ganz und gar nicht. Wir müssen akzeptieren, dass es eine ganze Reihe von Wörtern gibt, die der deutsche Wortschatz nicht hergibt. Und Lehnwörter haben schließlich eine Jahrhunderte lange Tradition. Fremde Einflüsse auf die deutsche Sprache gab es seit jeher. Sie haben letztlich unseren heutigen Wortschatz mit geprägt.

Es gab aber auch seit jeher Bemühungen, die deutsche Sprache gewissermaßen "sauber" von fremden Spracheinflüssen zu halten.

Sicher gab es die. Um das 17. Jahrhundert herum gründeten sich sogenannte Sprachgesellschaften. Zwei von ihnen waren z.B. die "Fruchtbringende Gesellschaft" aus Weimar und die "Teutschgesinnte Genossenschaft" aus Hamburg. Sie wollten ausschließlich deutsche Ausdrücke für alles verwendet sehen. Doch das erwies sich als recht albern. So wurde nämlich aus dem lateinischen "Fenster" die "Tagleuchte" und aus der "Urne" der "Leichentopf". Durchsetzen konnte sich das auf Dauer nicht.

Andererseits setzt sich auch nicht jeder englischsprachige Begriff durch. Welche Anglizismen haben denn eine Chance? Und welche sind zum Scheitern verurteilt?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Im Prinzip zeigt das die Zeit. Aber alles, was griffig, gut nachvollziehbar und verständlich ist, kann sich auf Dauer auch durchsetzen und findet Eingang in die Alltagssprache. Anglizismen hingegen, die leicht eine deutschsprachige Bestimmung finden, bleiben nur eine Modeerscheinung.

Der Gebrauch englischsprachiger Wörter scheint die Deutschen zu spalten. Es gibt kaum moderate Stimmen...

Ich finde, dass man das Problem sehr differenziert betrachten und keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben sollte. Ohne Anglizismen wären unsere Ausdrucksmöglichkeiten begrenzter. Aber mit Fremdwörtern zu kokettieren, spricht auch nicht gerade von großer Reife. Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache zeigt: 39 Prozent der Bevölkerung stören sich an Anglizismen und 40 Prozent stören sich überhaupt nicht daran.

Haben Sie einen Lieblings-Anglizismus?

Nein. Die Frage für mich ist immer, in welchem Kontext, an welcher Stelle ich welches Wort verwende. Manchmal passt am ehesten ein englischsprachiges, manchmal dasselbe nicht.

Professor Wilhelm Schellenberg ist germanistischer Sprachwissenschaftler und unterrichtete an der Erfurter Universität. Er untersucht in seiner Arbeit auch Anglizismen.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.