Auszüge aus Lisa Stahls Arbeit: Die Flucht Erfurter Juden aus der DDR

Schülerin Lisa Stahl arbeitet die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Wir dokumentieren Auszüge ihrer Arbeit.

Lisa Stahl , Schülerin der ehemaligen 11. Klasse am Königin-Luise-Gymnasium Erfurt. Foto: Marco Schmidt

Lisa Stahl , Schülerin der ehemaligen 11. Klasse am Königin-Luise-Gymnasium Erfurt. Foto: Marco Schmidt

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Die Behörden lehnten den Entwurf für den Bau einer neuen Synagoge in Erfurt zunächst ab, weil er zu sakral sei. Gewünscht war ein „sich harmonisch ins Straßenbild einfügendes Gebäude“. Der Entwurf war schon kleiner geplant, als die zerstörte Synagoge ursprünglich war. Im Frühsommer 1950 wurden nochmals einige Entwürfe eingereicht und um schnelle Sachbearbeitung gebeten, da die Grundsteinlegung bereits am 10. November stattfinden sollte.

Für die Arbeiten wurde eine finanzielle Unterstützung von 5000 Mark beantragt. In einer Sitzung des Hauptausschusses der Stadtverordneten wurde diesem Antrag einstimmig stattgegeben, da durch den Naziterror und seinen Rassenwahnsinn die Synagoge zerstört worden war. Im Frühjahr hatte die Stadt bereits für den gleichen Zweck 10 000 Mark zur Verfügung gestellt. Dies bestätigt meine Hypothese, dass die DDR die jüdische Minderheit integrieren wollte.

Am 5. Juli 1951 begannen die Erdarbeiten, und einen Monat später nahm Max Cars, damals Vorsitzender der Synagogengemeinde, die feierliche Grundsteinlegung vor. Am 31. Oktober 1952 wurde die erste neu gebaute Synagoge in der DDR in Anwesenheit des Vorsitzenden der CDU, Otto Nuschke, und des Landesrabbiners Dr. Martin Riesenburger eingeweiht. Außerdem nahmen die ehemaligen KZ-Häftlinge Max Cars, Herbert Singer und Raphael Scharf-Katz teil. Das neue Gotteshaus sollte, wie die offizielle Parteipresse meldete, dem inneren und äußeren Frieden dienen und der Geist wahrer Humanität und Toleranz der ständige Begleiter in eine lichtvolle Zukunft sein. Rassenwahn und Glaubensverfolgung sollten keine Rolle mehr spielen.

Zwei Drittel der Juden kehrten 1953 der DDR den Rücken

Julius Meyer, der Präsident der jüdischen Gemeinde der DDR, versicherte, dass „die jüdische Minderheit jederzeit bei der Schaffung einer glücklichen Zukunft unseres Volkes stehe“.

Die angekündigte Integration der jüdischen Bürger in der DDR fand nicht statt. In Moskau hatten 1951/ 1952 die sogenannten Ärzteprozesse stattgefunden. Elf Ärzte sollten einen Plan gehabt haben, Stalin umzubringen. Alle diese Ärzte waren Juden und wurden zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde bereits am nächsten Tag vollstreckt.

Darauf folgte der Prozess gegen Rudolf Slansky, den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Er war ebenfalls Jude. „Urteil: Todesstrafe! Vollstreckung? Sofort, was sonst!“

Ungarn und Polen folgen dieser antisemitischen Politik. In der DDR begann alles langsamer. Wolfgang Nossen, der später Vorsitzender der Thüringer Landesgemeinde wurde, sagte mir, dass ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in einem Wirtschaftsprozess, der nichts anderes war als ein Schauprozess, zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Nach der Haftentlassung kehrte dieser Mann „gebrochen und noch kränker als nach dem überlebten Auschwitz zu seiner Familie zurück“.

Ein anderes Gemeindemitglied war wegen „Verbindung zu imperialistischen Staatsfeinden“ mehrfach zum Verhör vorgeladen worden. Die Verbindungen waren einfach zu erklären. In Israel lebten zwei Kinder des Mannes, und in West-Berlin hatte er eine Hilfsorganisation unterstützt, die Hilfspakete an überlebende deutsche Juden verteilte. Ein Spitzel warnte ihn, zu seinem nächsten Verhör zu erscheinen, es könne sein letztes in Freiheit gewesen sein. Er floh daraufhin mit seiner Frau nach West-Berlin. Durch diese Tendenzen in der Politik nahm der Druck auf die jüdische Bevölkerung zu. Deshalb flohen ungefähr zwei Drittel der Juden aus der DDR im Januar beziehungsweise Februar des Jahres 1953.

Die Angst, wieder verfolgt und zu Unrecht verurteilt zu werden, war zu groß. Auch Wolfgang Nossens Eltern flohen aus Erfurt nach West-Berlin.

Nach einer Flucht aus der DDR wurde man als Opfer des Faschismus nicht mehr anerkannt. In Akten des Erfurter Stadtarchives sind zahlreiche Antragsteller unter dem Titel „Nichtanerkennung und Aberkennung als Opfer des Faschismus oder Beendigung der Betreuung von Opfern des Faschismus“ aufgeführt, wie zum Beispiel Klara Herder und Lotte Heinrich, die beide Jüdinnen waren und „nach den Westen verzogen“ sind.

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