Beim leidigen Leerstand von Läden legt die Erfurter Innenstadt wieder zu

Altstadt  Die Hauptkonkurrenz der Einzelhändler lauert im Internet. Die Stadt will nun eine Citymanager-Stelle schaffen.

Aussterbende Innenstadt: Die Erfurter Innenstadt verödet immer mehr. Große und kleine Geschäfte schließen.

Aussterbende Innenstadt: Die Erfurter Innenstadt verödet immer mehr. Große und kleine Geschäfte schließen.

Foto: Marco Schmidt

Die Zahl der leeren Schaufenster zwischen Anger und Domplatz steigt: Etliche Läden an den Haupt-Einkaufsstraßen der Stadt haben geschlossen, gefühlt nach jedem fünften, sechsten Geschäft klafft eine Lücke an der Achse Bahnhofs-, Schlösser- und Marktstraße.

Apotheke, Fleischer, Porzellan-Geschäft, Schmuckladen, Bäcker oder Bank – Leerstand scheint nicht eingeschränkt auf bestimmte vorherige Sortimente. Schuld daran, da ist sich Steffen Schulze, Einzelhandelsexperte und Abteilungsleiter bei der IHK, sicher, ist die Konkurrenz aus dem Internet.

„Wir haben momentan in der gesamten Innenstadt große Probleme. Und anders als in anderen Städten liegt es nicht an Konkurrenz von der Grünen Wiese. So ist der Thüringen-Park zwar Konkurrenz, aber keinesfalls der Hauptgrund für signifikante Leerstände“, so Schulze. Wenn am Dienstag also die Anhörung im Rathaus zu Erweiterungsplänen des Einkaufscenters erfolgt, werde er im Namen der IHK für einen Kompromiss sprechen, kündigt Schulze an. Mit einem Zuwachs von 4500 Quadratmetern an Handelsfläche im Thüringen-Park könne und müsse die Innenstadt leben können. Er hoffe, dass damit das jahrelange Thema Thüringen-Park endlich vom Tisch ist: „Und wir uns wieder stärker darum kümmern können, die Haupteinkaufsstraßen attraktiver zu machen.“

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Zu den vorhandenen werden noch weitere Leerstände hinzukommen, weiß Mareike Cott vom Amt für Wirtschaftsförderung: Auslaufende Verträge und gestiegene Mietforderungen für Neuverträge nennt sie als weiteren Grund für den Leerstands-Zuwachs. Der Trend werde sich noch verstärken. Ein Gegenlenken mit einem Leerstandsmanagement sei bislang gescheitert: Makler würden sich nicht in die Karten blicken lassen, wann wo welche Läden neu zu besetzen seien. Hilfe soll eine andere Datenbank bringen, die mögliche Zwischennutzungen verzeichnen soll, auch wenn es bisweilen nur um eine Schaufenstergestaltung geht und damit allein um die Optik.

Dreiklang von Einkauf, Essen und Erlebnis

Im Frühjahr, so kündigt Mareike Cott an, plane die Stadt, die Stelle eines Citymanagers auszuschreiben: „Der soll sich um das große Thema Einzelhandel kümmern, Kontakte knüpfen und Konflikte aus dem Weg räumen“, sagt Mareike Cott zu einer von Innenstadtakteuren schon lange geforderten Personalie.

Einkaufen, Essen, Erleben – dieser Dreiklang gelinge Erfurt noch recht gut. Aber auch sie sagt: „Unsere Gesellschaft ist bequem geworden. Und am Onlinehandel kommt heute keiner mehr vorbei.“

Denn während der Onlinehandel wiederholt zweistellige Zuwächse verzeichne, bundesweit, stagniere der stationäre Handel. Und das trotz anhaltender Konjunktur und guter Gehaltsabschlüsse. Heißt: „Die Menschen haben gutes Geld, das sie auch ausgeben. Allerdings immer mehr im Internet“, sagt IHK-Abteilungsleiter Schulze.

Dabei sei der aktuelle Leerstand allenfalls der Anfang und der Höhepunkt noch lange nicht erreicht, ist auch er überzeugt. Angefangen habe die Entwicklung in kleinen Städten, sei nun in solchen mittlerer Größe angelangt und werde auch vor Großstädten nicht Halt machen.

Hatten aber Studien erst kürzlich Erfurt nicht eine besonders schöne Innenstadt mit bestem Einkaufserlebnis bescheinigt? „Das stimmt, allerdings wurden auch nur Passanten in der Innenstadt befragt – nicht jene, die den Weg dorthin gar nicht mehr einschlagen“, benennt Schulze einen Kritikpunkt an der Studie.

Natürlich habe Erfurt eine der schönsten Innenstädte überhaupt, für junge Leute aber sei ein Besuch schon lange nicht mehr attraktiv: „Die erledigen ihre Einkäufe vom Sofa aus“, sagt Schulz. Und zwar so, dass auch große Marken wie die Elektrokonzerne und schwedische Modeboutiquen in Schwierigkeiten gerieten.

Erfurter Probleme sind auch hausgemacht

Konkurrenz aus dem Internet aber sei nicht der alleinige Grund für den Rückzug mancher Einzelhändler: „Ein wenig sind die Probleme in Erfurt auch hausgemacht“, sagt Schulze, der die eingeschränkten Parkmöglichkeiten, die überall erhobenen Gebühren und damit die Begegnungszone mitverantwortlich macht für die aktuelle Situation.

Seit einem halben bis dreiviertel Jahr stelle die IHK eine beginnende Erosion der Innenstadt fest. Mit Folgen: Ist erst ein Laden leer, leidet das Einkaufserlebnis, gibt auch der Nachbar auf. Wegen bester Erreichbarkeit, tollem ÖPNV und guter Gastronomie sei Erfurt derzeit noch weniger betroffen, als kleinere Nachbarstädte.

Allein der Appell an die Kunden, den örtlichen Handel durch Käufe zu unterstützen, werde nicht reichen, sind Steffen Schulze und Mareike Cott überzeugt. Nichtsdestotrotz, so der IHK-Mann, werde erneut in elf anderen Thüringer Städten für „Heimat shoppen“ geworben.

Dieser Appell an die Moral aber erreiche gewiss nicht alle. Erst in der Verbindung mit dem Appell an kleine und mittelständische Händler, den vermeintlichen Feind Internet zum Verbündeten zu machen, werde ein Schuh daraus.

Auch dafür gebe es bereits gute Beispiele. Wenn etwa ein Kleidungsstück oder auch ein Buch im Internet ausgewählt und im Laden abgeholt wird. Wenn die frischen Sonntagsbrötchen am Vortag im Internet bestellt, bezahlt und am Morgen dann ohne Wartezeit im Laden abgeholt werden können. Wenn sich die angebotene Ware dann noch qualitativ vom üblichen Supermarktsortiment und vom Mainstream abhebe, dann werde dies selbst bei einem höheren Preis von der Kundschaft gern honoriert, ist der IHK-Einzelhandelsexperte überzeugt.

Anhörung zur Erweiterung des Thüringen-Parks am Dienstag, 12. März, ab 18 Uhr im Rathaus